Ich schwebte in Richtung Boden, berührte ihn aber nicht, um so wenig wie möglich Spuren zu hinterlassen. Als ich die Schränke öffnete, sah ich mich alten Bekannten gegenüber. Sie weckten Erinnerungen an die Zeit, die ich hier verbracht hatte. Es kam mir vor, als wären die Sachen seit damals nicht mehr berührt worden. Für meine Suche teilte ich den Dachboden in vier Felder ein und durchkämmte eines nach dem anderen gründlich. Und fand nichts. Das konnte nicht sein.
Ich war mir sicher, dass meine Eltern diesen Karton nicht weggeworfen oder jemand anderem gegeben hatten. Meine Eltern warfen so gut wie nichts weg. Und sie kannten überhaupt niemanden, dem sie vertraut hätten. Wo also hatten sie ihn untergebracht? Der Keller war als Versteck ungeeignet, der Garten ebenso. In der Wohnung würden sie ihn nicht haben wollen. Ich ließ meinen Blick über den Dachboden schweifen und suchte nach Verstecken, auf die ich bis jetzt noch nicht gekommen war. Genau das war es! Das hätte mir auch früher einfallen können – sie hatten den Karton vor mir versteckt, vor niemand anderem! Dann konnte das Versteck nicht in der Höhe liegen. Also der Fußboden. Ich funzelte ihn Brett für Brett ab und wurde schließlich fündig. In einer Ecke waren die Bretter zwischen zwei ankommenden Dachsparren nachträglich mit Schrauben befestigt. Trotz der Staubschicht deutlich zu erkennen. Das musste das Versteck sein.
Schrauben, na klasse! Wo sollte ich jetzt einen Schraubenzieher herbekommen? Im Keller gab es ein bisschen Werkzeug, aber auch noch da runter jetzt? Es war schlimm genug, mich hier oben herumzutreiben, ohne dass meine Eltern davon wussten. Deswegen fühlte ich mich sowieso schon wie eine Einbrecherin. Durch die Wohnung in den Keller zu gelangen, machte es nicht besser. Ich konnte aber auch nicht erst morgen mit einem Schraubenzieher wiederkommen. Die Zeit drängte. Es blieb mir nichts anderes übrig, ich musste hinunter. Bei dem Gedanken fing mein Herz laut zu klopfen an. Ganz leise und vorsichtig öffnete ich die Bodenklappe und schwebte hinaus. Ich wusste, dass sie mich nicht hören würden, aber mein Vater schlief unruhig. Er konnte jeden Augenblick aus dem Schlafzimmer gewankt kommen und mich erwischen.
Deshalb beeilte ich mich. Der Weg war nicht das Problem, eher die Türen. Meine Eltern waren handwerklich nicht interessiert, deswegen quietschten und knarrten die Türen in diesem Haus, seit ich denken konnte. Ich hatte sie ab und zu geölt – gehalten hatte es nie lange. Zum Glück hatte ich noch nicht vergessen, welche Tür ich wie bewegen musste, damit sie möglichst geräuscharm aufging. Mein Training über so viele Jahre ließ sich fast mühelos abrufen. Im Keller, in der Werkzeugschublade mit dem Nötigsten, fand ich den Schraubenzieher, den ich brauchte. Ich huschte zurück nach oben und ging auf die Bretter los. Es dauerte nicht lange, bis ich das erste Brett gelöst hatte. Gespannt lugte ich in das Loch im Boden. Da stand er. Der Karton meiner Erinnerung.
Die Bücher waren gut zu erkennen. Leider schaffte ich es wegen der Dachneigung nicht, an sie heranzukommen. Es blieb mir nichts übrig, als noch ein weiteres Brett abzuschrauben. Dabei versuchte ich, die Staubschicht auf den Brettern und der Umgebung zu erhalten, soweit es ging. Wollte ich nur meine Eltern täuschen oder gar diese grässliche Kameradschaft? Wenn die hier wirklich auftauchen sollte, dann wäre das Versteck wahrscheinlich das wenigste, worum ich mir Sorgen machen müsste …
Vorsichtig nahm ich die Bücher aus dem Karton und packte sie in den Rucksack, ohne sie genauer anzusehen. Dazu hatte ich zu Hause noch Zeit genug. Ich hatte keine Ruhe mehr hier oben. Musste ja noch einmal hinunter in den Keller, um den Schraubenzieher zurückzubringen. Bei der schmalen Ausstattung mit Werkzeug würde das Fehlen dieses einen Schraubenziehers auffallen. Wahrscheinlich nicht sofort, so oft wurde die Schublade nicht benutzt. Doch ich konnte ihn auch nicht hier oben liegenlassen. Und mitnehmen wollte ich ihn schon gar nicht. Sehr umständliche Gedankengänge wegen eines Schraubenziehers – angesichts der drohenden Gefahr und meines Fundes, der vielleicht eines der Rätsel meines Lebens aufdecken würde. Doch so war es. Irgendwie hoffte ich, mit der Herstellung der gewohnten elterlichen Ordnung ihr Leben vor dem Hereinbrechen von unerwünschten Veränderungen bewahren zu können. Obwohl ich wusste, dass es sich anders verhielt, wünschte ich mir, sie hätten nichts mit der ganzen Geschichte zu tun. Sie kamen mir so hilflos vor in all ihrer Ängstlichkeit. In meiner gesamten Kindheit und Jugend hatte ich darunter gelitten, aber genau in diesem Augenblick jetzt konnte ich fühlen, dass sie die eigentlichen Leidtragenden waren.
Während ich die Bretter wieder montierte und den Schraubenzieher wegbrachte, stieg eine tiefe Traurigkeit in mir auf. Ich hatte das unbedingte Gefühl, dass es große Veränderungen in meinem Leben geben würde und dass meine Eltern nur irgendwo am Rande mit dabei waren, weil ihre Angst sie unbeweglich machte. Das schmerzte. Gleichzeitig wollte ich sie beschützen und ihnen ihr erstarrtes Leben lassen, damit sie nicht noch mehr Angst bekämen. Wie bescheuert widersprüchlich. Es bedrückte mich, dass ich keinen Ausweg sah.
Auf dem Heimweg musste ich mich wegen dieser Gefühle und der Neugier auf meine Beute sehr stark konzentrieren. Ich hatte das Bedürfnis, Luftlinie nach Hause zu schießen, und brauchte deshalb all meine Kraft, um mich an meine eigenen Regeln zu halten. Immer im Schatten der Dächer, alle Straßen vor dem nächsten Abschnitt absuchen. Ich wusste, dass das absolut notwendig war und war gleichzeitig entsetzlich ungeduldig. Die Abschnitte flog ich in Rekordzeit. Nachdem ich endlich die Balkontür hinter mir geschlossen hatte, streifte ich im Flug die Schuhe von den Füßen und landete polternd auf meinem Bett. Zerrte mir den Rucksack vom Rücken und leerte den gesamten Inhalt vor mir aus.
Da lagen sie nun. Das schmale Bändchen aus Frau Schmidts Buchladen und vier ebenso kleine Bücher aus dem Karton. Eins davon sah dem aus Frau Schmidts Laden verdammt ähnlich. Na also. Hatte mich meine Erinnerung nicht getäuscht. Ich sah mir die beiden Bücher genauer an. Sie hatten den gleichen Einband mit dem gleichen Titel: „Lintu“. Ich schlug das Büchlein aus dem Karton auf und las den Untertitel auf der ersten Seite: „The Flying People“. Mir stockte der Atem. Die abgebrochene Bemerkung von Frau Schmidt dröhnte in meinen Ohren. Sie hatte „fliegendes Volk“ sagen wollen, ganz bestimmt. Wenn es das war, was ich glaubte, dann hielt ich ein Buch über mich in den Händen. Über mein Volk.
Ich gehörte zu einem Volk! Bei dem Gedanken wurde mir ganz flau. Gut, dass ich auf meinem Bett saß. Elli – ruhig, befahl ich mir. Du weißt, deine Fantasie ist grenzenlos. Lies erst einmal nach, worum es sich handelt. Obwohl ich mich zur Vernunft rief, probierte ich den Namen schon aus, während ich nach den restlichen Büchern griff. Lintu – wollte ich so heißen? Guten Tag, ich bin eine Lintu. Hello, I belong to the Flying People. Das hörte sich gut an. Sehnsucht stieg in mir auf. Seufzend wandte ich mich den anderen Büchern zu. Sie waren alle gleich, mit einem weichen braunen Ledereinband, keine harten Deckel, eher Hefte. Sie waren alle eng beschrieben, in einer leicht schräg gestellten, kleinen Handschrift. Es machte den Eindruck, als hätte sich jemand Mühe gegeben, so klein zu schreiben, damit mehr hinein passte, denn nirgends war ein Rand gelassen. Die Schrift war kein Sütterlin, wie ich ursprünglich angenommen hatte. Ich war wohl nur als Kind nicht mit ihr zurechtgekommen, genau wie mit der englischen Sprache des Büchleins. Ich entzifferte die ersten Zeilen:
Tagebuch von Elisabeta Marante. Elisabeth, mein Vorname.
13. Januar 1955. Simón und ich geben den Kampf auf. Wir werden Alfonso, unseren kleinen Sohn, holen und nach Südamerika gehen. Zu den Letzten unseres Volkes.
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