Da, schon wieder dieses betörende Wort. Ich war so aufgeregt, dass ich fast nicht atmen konnte.
Simón hat endlich eingesehen, dass sich unsere Gruppe in eine Richtung bewegt, die immer weiter von unseren Idealen abweicht. Zu Beginn traten wir für die Befreiung der spanischen Bevölkerung von Franco ein. Die stolzen Spanier jedoch ließen sich von Francos Regime einschüchtern wie seinerzeit die Deutschen von Hitler. Als Tomás, Bodo und Rosaura sich vor sechs Monaten von uns trennten, wollte Simón diese Entwicklung so wenig wahrhaben wie Javier, unser Anführer. Der Kampf gegen Hitler mündete in die Freiheit der Überlebenden. Der gleiche Kampf gegen Franco wird ins Abseits führen. Wir müssen erkennen, dass nicht alles, was bei dem einen geholfen hat, bei dem anderen ebenso fruchtet. Javier jedoch will nicht aufgeben, obwohl es immer weniger Rückhalt in der Bevölkerung gibt. Er hat sich ein neues Ziel gesteckt, neue Mitstreiter gewonnen – und wird immer radikaler. Sein Kampf gilt nun der Unabhängigkeit. Er schreckt nicht davor zurück, Anschläge zu planen, Opfer auszuwählen, um Franco in die Knie zu zwingen und die Welt aufzurütteln, wie er sagt. Doch wir sind Kämpfer, keine Terroristen. Ich kann darin keinen Sinn erkennen. Ganz im Gegenteil halte ich diese Vorgehensweise für falsch. Simón ist meiner Ansicht. Es tut mir leid um Javier, dennoch bin ich froh, dass wir die Gruppe rechtzeitig verlassen werden.
Ich musste eine kurze Pause einlegen. Wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte über das, was ich da las. So lange hatte ich darauf gewartet, etwas über mich, über meine Vergangenheit zu erfahren, und jetzt wusste ich nicht, ob ich es wirklich erfahren wollte. Ob ich das wissen wollte, was sich da ankündigte. Etwas ganz und gar anderes als eine einfache, normale Vergangenheit. Das gehörte alles zu mir, soviel konnte ich fühlen. Aber nicht mehr. Wo würde es hinführen? Frau Schmidt musste Elisabeta sein! Es ging nicht anders. Sie musste meine Großmutter sein! Und Alfonso mein Vater, Alfons, er hatte nur das O weggelassen. Wenn mein Vater ein Lintu war, warum konnte er nicht fliegen? Warum hatte seine Mutter ihn verlassen, wo sie ihn doch so offensichtlich liebte? Oder hatte er sie weggeschickt? Warum hatte sie mich verlassen? Liebte sie mich nicht? Sie hatte mich geliebt. Liebte sie mich nicht mehr? Warum schwiegen sie – alle? Warum sollte ich jetzt diese Bücher suchen? Warum jetzt alles erfahren? Sollte ich alles erfahren? Oder wieder nur so viel, wie es ihnen passte? Wer waren „sie“? Ich ächzte. Das Heft glitt mir aus der Hand. Ich ließ es liegen, schloss die Augen.
All die Fragen, die ich mir jemals zu meiner Familie und meiner Vergangenheit gestellt hatte – und das waren unzählige – brachen hervor. Als hätten sie direkt unter der Oberfläche auf eine günstige Gelegenheit gelauert. Verbanden sich mit der Flut an neuen Fragen, die nach der Lektüre dieser wenigen Zeilen aufgetaucht war, zu einem wogenden Meer. Ich hatte das Gefühl, ich müsste unter seiner Masse zusammenbrechen. Doch es hörte nicht auf anzuwachsen. Es wurde immer schlimmer. Vielleicht waren meine Fragen ja noch nicht einmal die richtigen Fragen! Die meisten basierten auf meinen Annahmen, meinen Schlussfolgerungen, die sich in all den Jahren des familiären Schweigens mühsam entwickelt hatten. Ich war ein Kind gewesen, als ich die ersten Mutmaßungen angestellt hatte. Wenn nun nichts von alledem stimmte – konnte ich das ertragen? Wenn Frau Schmidt wirklich meine Großmutter war, würde ich damit zurechtkommen? Und wenn sie es nicht war, was war dann? An jede einzelne Frage schlossen sich hundert neue an.
Unerträglich. Unerträglich.
Ich sank auf dem Bett zusammen. Versuchte mich zu orientieren, versuchte krampfhaft, wieder normal zu denken, mich daran zu erinnern, wer ich war. Es gelang mir nicht. Alles kreischte durcheinander, Bilder, Sätze, Feststellungen, Aussagen, neue Bilder, neue Fragen. Mir wurde schlecht. Auf meiner Stirn bildeten sich Schweißperlen. Das Durcheinander in meinem Kopf steigerte sich zu einem ohrenbetäubenden Dröhnen. So sehr ich es versuchte, ich konnte mich nicht mehr gegen die Last der Fragen stemmen. Sie drückten mich unter die Oberfläche, in die Dunkelheit – und ich gab nach … Plötzlich war alles still.
Schwärze in meinem Kopf, Schwärze in der Brust.
Mein Körper – taub. Mein Gefühl – taub. Gedanken – gab es nicht.
Ich lag auf dem Bett und starrte an die Decke. Durch die Decke hindurch.
Ins Nichts. Es gab nichts mehr um mich herum.
Es gab nichts mehr in mir. Nicht einmal mehr Schwärze.
Es gab mich nicht mehr.
Nichts. Unendliches Nichts …
Unendliches, ewiges Nichts.
Und dann, inmitten dieser Unendlichkeit, wurde aus dem Nichts Alles.
Etwas erwachte. Ganz entfernt, wie eine Ahnung. Wie ein durchsichtiger Hauch. Etwas wuchs, gewann an Bedeutung. Begann eine nebelige Gestalt zu formen, in Gewebe umzuwandeln, das an meinen Körper erinnerte, begann Farben zu erzeugen, Bilder, die ich kannte. Ich konnte etwas wahrnehmen, das ich war. Ich konnte spüren, wie es sich ausbreitete, meine Zellen neu bildete. Es ließ mich meinen Atem empfinden, meinen Herzschlag, meinen Leib, meine Gliedmaßen. Es machte mich stark. Als es in meinem Gehirn angekommen war, konnte ich es definieren. Es war Mut. Der Mut hinzuschauen. Das zu betrachten, was gewesen war. Das anzunehmen, was daraus folgte. Das zuzulassen, was deshalb werden würde. Ja. Ich konnte es deutlich fühlen, war ganz ausgefüllt davon. Ja! Ja, ich will! Ich will alles erfahren! Egal, was dabei herauskommt. Das ist mein Leben. So ist mein Leben. Es wird mich nicht umbringen. Ich bin stark genug. Ich bin Elli, Tochter der Lintu.
Da war ich also wieder und die Theatralik hatte mich zurück. „Ich bin Elli, Tochter der Lintu.“ Ich hatte definitiv einen Hang zum Dramatischen. Nicht nur Julien. Aber das machte mir jetzt gerade gar nichts aus. Ich fühlte mich wie neugeboren. Sauste in die Küche, pumpte eine volle Flasche Wasser ab – und las die ganze restliche Nacht, bis der Morgen dämmerte.
Ich hatte noch nicht die Hälfte durch. Trotzdem war nichts mehr so, wie es vorher gewesen war. Elisabeta Marante, Simón und ihr kleiner Sohn Alfonso flogen – so wie ich! Da stand es, in dieser leicht schräg gestellten kleinen Schrift, schwarz auf weiß. Elisabeta und Simón flogen nach Kanada, um Alfonso abzuholen und dann flogen alle drei zurück. Natürlich konnte nirgends stehen, dass ich mit diesen Lintu verwandt war, doch es konnte auch nicht anders sein. Und Frau Schmidt war Elisabeta und meine Großmutter. Ob sie sich jetzt, nachdem ich die Bücher gefunden hatte, dazu bekennen würde?
Ich war noch nicht weit genug mit der Lektüre, um alle Rätsel lösen zu können, die mich mein Leben lang gequält hatten. Doch immerhin wusste ich nun, woher meine Fähigkeit zu Fliegen kam. Mein Vater konnte es also, oder hatte es zumindest gekonnt, als er klein war. Obwohl ich nicht glaubte, dass man das jemals verlernen könnte. Er hatte mich angelogen. Meine Mutter wusste es bestimmt. Auch sie log. Meine Großmutter – Frau Schmidt – log ebenfalls, indem sie schwieg. Das schmerzte ganz außerordentlich, hatte schon immer geschmerzt. Seit Großmutter mich verlassen hatte, war es vorbei gewesen mit meinem Vertrauen in die Erwachsenen. Alles hatte sich falsch angefühlt, auch wenn ich es nicht beweisen konnte. Diese Bücher hier legten Zeugnis davon ab, dass ich immer richtig gefühlt hatte.
Seltsamerweise kam der Beweis nicht als Triumph daher, sondern färbte das Geheimnis, hinter das ich kommen wollte, noch dunkler. Es hatte an Realität gewonnen, an Gewicht. Als ob es schwerwiegende Gründe für seine Existenz gäbe, nicht die bloße Bosheit von Eltern, die ihr Kind ärgern wollten. Diese Veränderung machte es mir leichter, die Geduld aufzubringen, mit meinem Urteil bis zum Ende der Lektüre zu warten. Es ließ sogar einen neuen Gedanken in mir erwachen, einen Gedanken, den ich bis dahin niemals für möglich gehalten hätte. Was, wenn das Geheimnis kein Akt der Willkür, sondern im Gegenteil eine Notwendigkeit gewesen wäre?
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