– Musik für den Weltfrieden, zu hoch gegriffen? Dann brechen wir es halt herunter. Das ist doch der Sinn der bunten Kärtchen. „Musik als ein in vielfacher Hinsicht ganzheitliches Tun kann auch zum äußeren Frieden beitragen. Das geschieht vorrangig indirekt, indem Musikerziehung solche Persönlichkeitsmerkmale fördert und ausbildet, die als Grundkompetenzen friedvollen Verhaltens gelten können: die Fähigkeit, einander zuzuhören, sich in andere einzufühlen (Empathie), überhaupt Gefühle zeigen und ausdrücken zu können, dabei auch die Verschiedenheit der Menschen und der Begabungen auszuhalten und sich in gemeinsame Projekte einzuordnen.“
1.4 Der Wort-Wahn-Witz der Kirchenmusik
Wittenberg im Jahr 1533. Ein junger Musiker namens Nicolaus Listenius, um 1500 in Hamburg geboren, bringt im Verlag Georg Rhau ein schmales Büchlein mit dem Titel Rudimenta musicae heraus, auf Deutsch: Elemente der Musik. Es ist ein Musiklehrbuch für die Oberstufe im Gymnasium. Listenius hat 1531 die Artistenfakultät der Universität Wittenberg mit dem Magister abgeschlossen. Dort studiert man nicht bei irgendwem, man studiert bei Professor Melanchthon. Doktor Martin Luther hat seinen Lebensmittelpunkt in Wittenberg und geht an der Artistenfakultät ein und aus. Melanchthon geht bei Familie Luther ein und aus. Und Rhau ist nicht irgendeine Druckerei, sie ist der Herzmuskel der Reformation. Gewichtige Texte wie die Augsburger Konfession oder Luthers Großer Katechismus pumpt sie in großer Auflage durch die deutschen Lande. Auch das Büchlein des Listenius geht gleichsam viral. Es erlebt über 50 Auflagen und wird zum Standardlehrbuch im gymnasialen Musikunterricht. Unzählige protestantische Kantoren bis in die Bachzeit lernen in ihrer Schulzeit selber daraus und bringen ihren Schülern Musik aus „dem Listenius“ bei.
In der Einleitung schreibt er einige unscheinbare Sätze, nichtsahnend, dass sie epochal werden würden. Wenn der „Practicus“, der ausübende Musiker, seine Arbeit beendet habe, bleibe kein Werk übrig. Die Musik hat sich in Schall und Rauch aufgelöst. Der „Poeticus“ aber, der Komponist, hinterlasse nach getaner Arbeit ein Opus. Ein „opus perfectum et absolutum“, wie es in späteren Auflagen heißt, was die Deutungen ins Kraut schießen ließ, welche Unsterblichkeit Listenius da den Werkchen des deutschen Dorfkantors wohl attestieren wollte. Es meint schlicht ein Stück Musik, das festgehalten wird durch Aufschreiben, Vervielfältigen und Wiederaufführen. Die evangelischen Kirchenmusiker, die in den folgenden Jahrzehnten diese Sätze lesen, lassen sich das nicht zweimal sagen: Sie hinterlassen Werke, und zwar zu Hunderten und Tausenden.
Content produzieren ist das Berufsethos des evangelischen Kantors. Philipp Dulichius, um einen dieser Kantoren herauszupicken, publiziert kurz nach 1600 in Stettin nicht 5 oder 10, sondern gleich 100 Motetten. Weitere rund 100 Stücke hinterlässt er in kleineren Tranchen. Das liegt noch deutlich unter dem Output des deutschen Durchschnittskantors. Samuel Scheidt, Kantor in Halle an der Saale, veröffentlicht in den 1630er-Jahren 40 + 50 + 50 + 40 =180 Geistliche Konzerte. Andreas Hammerschmidt, Kantor in Zittau, lässt in den 1650er-Jahren 30 + 29 Musikalische Gespräche über die Evangelia drucken. Es reicht nicht, dass der Pfarrer im Gottesdienst über die Evangelien spricht, die Musik muss es auch noch tun. Wolfgang Carl Briegel lässt für Gottesdienste in Darmstadt die Musik 69 Mal neben der Predigt sprechen: 20 + 22 + 27 Evangelische Gespräche zwischen 1660 und 1680. Anfang des 18. Jahrhunderts dann werden solche Zahlen erreicht: Johann Sebastian Bach, Kantor in Leipzig: 300 Kantaten. Gottfried Heinrich Stölzel, Kantor in Gotha: 600 Kantaten. Georg Philipp Telemann, Kantor in Hamburg und deutschlandweiter Tausendsassa: 1750 Kantaten. Johann Philipp Krieger, Kantor in Weißenfels: 2000 Kantaten.
Aus dem Werkschwall quillt ein wahrer Wortschwall. Den schlichten Psalmvers „Gott, eile zu mir, denn du bist mir Helfer und Erretter, verzeuch [d.h. zögere] nicht“ (Psalm 70,6) vervielfacht Heinrich Schütz in einem seiner Kleinen Geistlichen Konzerte. Gott muss 4-mal eilen, 3-mal ist er der Helfer und Erretter, 6-mal wird „mein Gott“ gerufen und 3-mal soll er bitte nicht zögern. Die Worte werden im Musikkopierer so oft kopiert, bis der ganze Kirchenraum mit akustischen Exemplaren vollgestopft ist. Dann endlich kann man nicht mehr anders, als es zu glauben. Selbst leere Worte wie das Wort „leer“ lässt Schütz in einer Symphonia sacra über den Magnifikatvers Lukas 1,53 3-mal direkt hintereinander singen. Auch der Reichste in der Kirche weiß dann, dass er nichts weiß und nichts hat. Die Volksmenge muss in Bachs Johannespassion 104-mal „kreuzige ihn“ brüllen, bevor Pilatus Jesus endlich kreuzigen lässt.
Den stärksten Schwall an Wörtern bei den Evangelischen – die Katholiken sind im Gottesdienst maulfauler, außerhalb möglicherweise nicht – schüttet Hugo Distler aus. Seine Motette Singet dem Herrn ein neues Lied nach Psalm 98, komponiert in den 1930er-Jahren, ist das geschwätzigste Stück der evangelischen Kirchenmusikgeschichte. Ein Sonntag Kantate, der mit dieser Motette begonnen wird, hätte die Bezeichnung Sonntag Loquimini verdient: Plappert! Das Wort „singet“ aus V. 1 wird 53-mal skandiert, „dem Herrn“ 46-mal, „ein neues Lied“ 8-mal, „denn er tut Wunder“ 9-mal. „Er siegt“ 41-mal, „mit seiner Rechten“ siegt er 17-mal, „mit seinem heiligen Arm“ nur einmal. „Jauchzen“ in V. 4 tut die Welt 2-mal, aber 26-mal wird seriell skandiert, dass es „alle“ Welt ist. Zum „singt, rühmet und lobet“, wie es in V. 4 weiter heißt, wird dutzendfach aufgefordert. Am weitaus meisten zum Singen, exakt so oft, wie die Plebs Pilatus das Kreuzigen befahl, 104-mal. Wie oft die Trompeten und der Psalter erklangen (V. 6), habe ich nicht gezählt, aber es wird ein Riesenorchester zusammenkommen. Wenn es stimmt, wie Augustin sagte, dass doppelt betet, wer singt, der hat beim Singen von Distlers Motette 314-mal gebetet. Das ist praktizierter Dadaismus. Zum Vergleich: Ein Rosenkranz hat 59 Perlen.
Vom „Schatz“ der evangelischen Kirchenmusik quellen die Tresore über wie ein Portemonnaie von Inflationsgeld. Wie kam es, dass die Kirchenmusiker das Wort des Listenius wörtlich genommen haben? Warum haben sie so ungeheuer viele Wortwerke abgesondert? Warum haben sie sich nicht darauf beschränkt, ausübende Musiker zu sein wie die „Practici“, die nach dem letzten verklungenen Ton eine akustisch besenreine Kirche hinterlassen? Wieso haben sie das Wort Gottes, von dem Johannes 1,16 im Singular spricht, durch die Druckerpresse geschoben und es zu einem riesigen Haufen klingender Wörter vervielfältigt?
Jede monotheistische Religion schleppt einen Erkenntniszweifel mit sich. Ihn müssen wir in den Blick nehmen, wenn wir diese Fragen beantworten wollen. Aus der Welt und ihrer Ordnung, aus dem Menschen und seiner Schönheit ist nicht ohne weiteres erkennbar, dass ein Schöpfergott sich in ihnen manifestiert. Selbst wenn der Gott sich auch mit Worten erklärt, etwa in Gestalt eines Gesetzes, einer Heiligen Schrift, einer Prophetenrede, sind keineswegs die Zweifel ausgeräumt, ob das wirklich Gottes Wort ist oder nur Menschenwort. Die Heilige Schrift braucht Beglaubigungen, etwa die, von Gott selbst im Getöse von Blitz und Donner auf Steintafeln gemeißelt worden zu sein. Die Prophetenrede braucht den inspirierten Propheten. Aber woher kann man wissen, dass Blitz und Donner am Berg Sinai wirklich göttliche Sounds waren? Und ist der Prophet wirklich inspiriert oder nur ein Fall für den Arzt? Der religiöse Erkenntniszweifel verlagert sich von den Offenbarungen auf ihre Beglaubigungen. Kaum sind sie vorgebracht, bekommen sie selbst den Status einer Offenbarung, die der Beglaubigung bedürftig ist. Wir geraten in eine unendliche Kette von Beglaubigungspflichten. Der infinite Regress ist die logische Form des Erkenntniszweifels jeder monotheistischen Offenbarung.
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