Entsprechend werden die Verantwortungsbereiche entkoppelt. Die Funktionsträger haben die Aufgabe, die Struktur des Gottesdiensts zu managen. Darin ist die theologische Aufsicht nicht nur eingeschlossen, sie ist darauf beschränkt. Der Content ist theologisch irrelevant, er erfüllt eine andere Aufgabe. Er stellt die Zeitgemäßheit der Veranstaltung her, indem er den religiösen Ausdrucksgestalten der Gemeindeglieder zum öffentlichen Auftritt verhilft. Die Programmplanung des Contentbereichs wird sinnvollerweise von einem möglichst divers besetzten Laiengremium übernommen. Sofern Funktionsträger darin mitwirken, sind sie pars inter pares . So ist die Zeitgemäßheit des Content am besten sichergestellt.
Nichts liegt näher, als den Content dem Markt für Unterhaltungsgüter zu überlassen. Das ist seit etwa der Jahrhundertwende im vollen Gang, als die Gottesdienstinstitute, Medienhäuser und Jugendwerke der Landeskirchen begannen, sich zu zentralen Marktplätzen für Bausteine des kirchlichen Veranstaltungswesens zu entwickeln. Noch liegt der Schwerpunkt auf dem textlichen, ikonischen und grafischen Content. Der kirchenmusikalische Content war bisher in den Händen eigenständiger Musikverlage, Sounddesign spielte kaum eine Rolle. Das ändert sich aktuell erkennbar, da die massenhaft im Laien- und Popbereich entstehenden Bausteine dem Geschäftsmodell der klassischen Musikverlage kaum mehr entsprechen. Content aus dem Bereich Grafik- und Sounddesign ist bei einer Serviceeinrichtung vom Zuschnitt etwa eines Gottesdienstinstituts viel besser aufgehoben.
Hier sind wir auf dem Boden der evangelischen Bausteinbrüche angekommen. Es herrscht rasender Stillstand. Institute der kirchlichen Bildungsarbeit und der Evangelischen Jugendwerke bieten zum Download Textbausteine, mit denen die Besucher im Gottesdienst „ganz besonders ankommen“ können. Liedbausteine versprechen, das Credo „mal anders“ zu bekennen. Mit dem „mal anders“ ist eine der abgründigsten Wahrheiten über die evangelische Kirchenmusik ausgesagt, es bringt ihr unermüdliches Jagen nach Zeitgemäßheit ebenso auf den Punkt wie die Müdigkeit, die einen in einem übervollen Kaufhaus befällt. Ein weiterer downloadbarer Baustein leitet an, wie das Fürbittengebet mit einer Klangschale „sounddesignt“ werden kann. Textbausteine, auf einzelne Zeilen bekannter Kirchenliedmelodien zu singen, für alle Slots der Agende. Ein Textbaustein für das Kyrie am Sonntag Kantate, in dem es heißt „Gib uns Melodien, die von deiner Freiheit singen“, ein Gebet, mit dessen spontaner Erhörung nicht gerechnet wird, denn die Gemeinde soll anschließend EG 178.9 singen, die bekannteste aller Kyrieversionen. Neue Lieder für alle Slots der Agende durch alle Zeiten im Kirchenjahr. Kirchennahe Shops vermarkten alle erdenklichen Motive der christlichen Malerei (Schwerpunkt Renaissance und Barock). Im analogen Format der Aufstellkarte oder des 3D-Aufstellbilds sind sie für den Kindergottesdienst geeignet, für die Erwachsenenveranstaltung gibt es sie digital. Musikverlage vermarkten alle erdenklichen kontrapunktischen Stückchen (Schwerpunkt Renaissance und Barock) des Formats „Spieldauer ca. 2 Minuten“ und mit Emotionswert „neutral“ unter Titeln wie Orgelmusik im Gottesdienst, Neue Orgelmusik für den Gottesdienst, Leichte Orgelmusik für den gottesdienstlichen Gebrauch und so weiter. Finanziell geht der Trend zum Mikropricing im Centbereich je Download.
Die Produktpalette ist prinzipiell unendlich groß, weil der endlich große Markt nach immer neuem Material verlangt. Die Bausteine in den Slots sind nicht nur im Prinzip austauschbar, sie wollen realiter ständig ausgetauscht werden, weil sich die Erde mal wieder ein Stück weitergedreht hat. Das Kennzeichen dieser Warenwelt der Gottesdienstbausteine ist ihre Janusköpfigkeit aus Neuigkeit und Individualität auf der einen Seite und durchkonfektionierter Produktförmigkeit auf der anderen. Das entspricht exakt der Janusköpfigkeit des Slots, wie ich sie theoretisch umrissen habe: einerseits ein fixes Set von Eigenschaften, andererseits mit immer neuem Content zu befüllen. Bausteine für den Gottesdienst, das sind leere Hülsen, die in Slots – also ebenfalls leere Hülsen – eingesetzt werden.
1.3 Aus dem Musikwörterbuch des Gutmenschen
Es könnte das Missverständnis entstehen, ich riefe zum Widerstand gegen die amtskirchliche Hoheit über die Kirchenmusik auf. Ein solcher Appell wäre billig, ja umsonst. Die souveränen Musiker haben sich nie wirklich um die Vorgaben der Amtskirche geschert. Sie haben einfach die Musik gemacht, zu der sie sich, bemerkt oder unbemerkt, von Gott hinführen ließen. Auch souveräne Hörer machen ihre religiöse Erfahrung bei welcher Musik auch immer, bestimmt nicht nur bei der kirchlich verordneten.
Die ermüdete, ausweglose Lage der Kirchenmusik krankt nicht an den Restriktionen der Amtskirche. Die Amtskirche hat den Markt der musikalischen Möglichkeiten längst freigegeben, die protestantische schon seit Luther, die katholische seit dem Zweiten Vatikanum. Nicht aus tieferer Einsicht, dass auch dort religiöse Erfahrung zu machen sei. Sondern in dem flachen Comment, dass es auf echte religiöse Erfahrung in der Musik gar nicht ankomme und es jedenfalls in dieser Hinsicht egal ist, welche Musik läuft. Ganz egal allerdings auch nicht, die Kirche hat noch Interessen und Existenzangst. Sie muss sich ihrer selbst und ihrer Relevanz vergewissern. Sie muss ihre Mitglieder bei der Stange halten und um neue werben. Dort ist das Gebiet für die Rettungseinsätze, in die sie die Kirchenmusik schickt. Dort irgendwo tief verschüttet liegt das Elend.
Die Lage der Kirchenmusik ist verkeilt in Widersprüchen. Irdisch, aber auch ein bisschen himmlisch; ganz bei mir, aber auch ein bisschen beim Anderen; heilig, aber auch ein bisschen profan; erlöst, aber nicht so richtig. Ihre Lage ist eine unmögliche. Die Pathogenese ist vorgezeichnet. Vielleicht macht uns das nachsichtiger damit, dass sie nicht aus dem Ohrensessel kommt.
Wir haben jedenfalls ein gewisses Verständnis für den Musikwortschatz, den sich der gute Christenmensch in seiner misslichen Lage zurechtlegt. Die Einträge darin sind teils alt und greifen zurück auf das, was in den Apostelbriefen zur Musik gesagt wird. In der Masse und in dem auf den religiösen Bildungsmarkt zielenden Zuschnitt aber ist sie eine Erscheinung der letzten zwanzig, dreißig Jahre.
Die guten Wörter der Kirchenmusik sind erst denkbar, sagbar und praktizierbar im Bausteinprinzip. Das Bausteinprinzip bricht die unmögliche Lage der Kirchenmusik herunter auf kleinteilige Arbeitsaufträge, im Kirchensprech: Dienste. Auf Dienst am Anderen, Dienst an der Familie, an der Umwelt, am Frieden, am Ich, an der Psyche, am Körper, an Gott und so weiter. Mit einem Mal wird die Kirchenmusik wieder konkret. In der Verzahnung mit den anderen gottesdienstlichen Aktivitäten übernimmt sie Dienste aus der To-do-Liste. Sie kann plötzlich wieder genau sagen, was sie selber ist und was zu tun ist. Die Müdigkeit ist für den Moment verflogen.
Das Ungeheure der Begegnung des Menschen mit Gott im Klang passt in den Workshop eines kirchlichen Bildungszentrums. Diese erstaunliche Erkenntnis machen wir, wenn wir das Riesenhafte der h-Moll-Messen, Messiasse und Regerfugen in ästhetische und ethische Dienste portionieren. Wir werden dann gute Christenmenschen, mit Arbeit und Dienst beladene zwar, aber das sind eben die zwei Seiten der Medaille. Und es ergeben sich wie von selbst die Formeln des Denk- und Sagbaren der Kirchenmusik.
Stellen wir uns einen solchen Workshop vor. Dort begegnen uns die Einträge im Musikwörterbuch des evangelischen Gutmenschen. Ich habe die kirchenmusikalischen „items“ vorsortiert und die bunten Karteikarten aus dem Consultingkoffer schon mal vorbeschriftet. 2Auf den roten Karteikarten notieren wir die Bausteine zum Thema „Von Gott zum Ich“, auf den blauen „Vom Ich zum Du“, auf den grauen „Kirchenmusik als Transportmittel“, auf den gelben „Kirchenmusik als Therapie“ und auf den grünen „Kirchenmusik als Fördermaßnahme“.
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