Zwei Monate hatte er diese Jagd ausgeübt, da erschienen eines Tages sehr viele jener mächtigen Tiere, umstellten den Baum, auf dem Sindbad sich verborgen hatte, und begannen ein erderschütterndes Brüllen. Einer der größten aber erfasste den unteren Teil von Sindbads Baum mit dem Rüssel, entwurzelte ihn mit einem Ruck und warf ihn zur Erde.
Aber was der zu Tode erschrockene Mann gefürchtet hatte, geschah nicht; sondern der Elefant packte ihn, hob ihn sich auf den Rücken, setzte sich an die Spitze des Zuges und trug ihn zu einem sehr fernen, von Wald umgebenen Hügel. Dort setzte er ihn auf die Erde und –– das ganze Heer der Elefanten lief, so schnell dies gehen mochte, von dannen.
Zunächst war Sindbad mehr tot als lebendig. Als er aber seiner Sinne wieder mächtig wurde, erkannte er, dass ringsumher die Skelette von mehr als hundert Elefanten in der Sonne bleichten, und an jedem dieser Skelette befanden sich die Stoßzähne von köstlichem Elfenbein.
Sindbad wunderte sich über die Maßen. Hatten ihm die klugen Tiere diesen Platz nicht gezeigt, damit er aufhören solle, die Lebenden zu verfolgen? Es war offenbar die Begräbnisstätte der Elefanten; aber Sindbad fand es doch geraten, dies Knochenfeld so rasch als möglich zu verlassen.
Mit der Nachricht von dem seltsamen Funde kam er am anderen Tage zu seinem Herrn. Der überzeugte sich von der Wahrheit dieser Geschichte und umarmte Sindbad, indem er sprach: »Mein Bruder – du sollst hinfort nicht mehr mein Sklave sein – Gott möge dich mit allem Glücke überhäufen! Jedes Jahr haben die Elefanten mir eine große Menge Sklaven getötet. Und doch haben wir bis jetzt auf keine andere Weise Elfenbein erhalten können, als wenn wir das Leben der Sklaven daranwagten. Nun wird durch dich unsere ganze Stadt reich werden! Glaube nicht, dass ich dir nur die Freiheit schenke – nein, ich will dich mit Gaben der seltensten Art erfreuen und will den König bitten, dass er dich zum Statthalter ernennt.«
»Ich danke für die Ehre«, erwiderte Sindbad höflich; denn er dachte an die Zeit, in der er schon einmal Staatsminister gewesen war, »ich erbitte mir nichts weiter, als die Erlaubnis, heute nach Hause reisen zu dürfen.«
»Das ist sehr schade«, sagte der Kaufmann; »aber damit du siehst, wie lieb ich dich habe, sollst du dir ein Schiff mit Elfenbein beladen; denn ich habe gesehen, dass ich außerdem noch sieben Vorratshäuser voll von jenem Hügel herbeischaffen lassen kann.«
Dieses Geschenk nahm Sindbad mit großem Dank an, schiffte sich alsbald ein und löste aus dem Schatze der Zähne einen kleinen Berg Gold.
Der König belohnte ihn reichlich; aber Sindbad bezeigte hinfort keine Lust mehr zu so gefahrvollen Reisen, sondern lebte in Bagdad als ein kluger und wohltätiger Reicher, geehrt und geliebt von der ganzen Stadt. Und derlei Leute sollen in allen Landen nicht gar viele sein.
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Asem und die Königin der fliegenden Inseln
Im Morgenlande lebte ein junger Mann, der hieß Asem, und er war von Beruf ein Färber. Trotz seiner Jugend hatte er doch schon den Ruf großer Klugheit errungen.
Eines schönen Tages trat ein sehr reich gekleideter Herr in Asems Laden und sagte: »Ihr seid zu weise für ein solches Gewerbe! Wenn sich Euch ein Mittel darböte, schnell Euer Glück zu machen, würdet Ihr es wohl annehmen?«
»Aber warum sollte ich mich denn weigern?«
»So seid morgen früh bei guter Zeit wieder in Eurem Laden; ich werde auch herkommen.«
Mit diesen Worten nahm der Fremde Abschied von Asem; aber als dieser seiner Mutter erzählte, was ihm begegnet war, warnte sie ihn sehr eindringlich und sagte: »Bist du nicht reich genug, da du unsere Bedürfnisse bestreiten kannst? Die Gier nach Gold hat schon viele ins Verderben gestürzt.«
Asem versprach der alten Frau, auf der Hut zu sein, und am Morgen traf er mit dem Fremden zusammen. Der erbat sich ein Stück schlechtes Metall, bestreute es mit einem gelben Pulver, sprach dazu ein paar geheimnisvolle Worte und warf es in einen Tiegel über dem Feuer.
Nach kurzer Zeit nahm er das Gefäß von der Flamme und ließ den erstaunten Asem einen Barren reinen Goldes sehen.
»Ich hoffe, Ihr seid nun überzeugt von meiner Kunst«, sagte er, »heute Abend will ich mit Euch essen und will Euch mein Geheimnis verraten.«
Der Alchimist sorgte für den Wein, und als sie sich bei Einbruch der Nacht zu Tische gesetzt hatten, hieß er den armen Asem so viel trinken, dass der bald auf dem Wege zu einem guten Rausche war.
Wie ihm so die Sinne allgemach schwanden, warf ihm der Gast ein Pulver in den Wein. Davon fiel Asem in einen tiefen Schlaf; und kaum war er auf das Lager gesunken, da erschienen vier Diener des Fremden und steckten den Schläfer in eine sargähnliche Kiste.
Diese Kiste wurde noch in der Nacht an Bord eines Schiffes gebracht, welches im Grauen des Tages die Anker lichtete und in die hohe See stach.
Als keine Gefahr mehr war, dass Asem entkommen konnte, träufelte ihm der Alchimist einige Tropfen einer Flüssigkeit in die Nase. Davon musste der Schläfer niesen und erwachte.
Aber wie bereute er, dass er dem klugen Rate seiner Mutter nicht gefolgt hatte!
Nach etlichen Wochen erreichten sie ein einsames Land; der Magier und Asem verließen das Schiff, und als sie sich ein Stück vom Strand entfernt hatten, zog der Alte eine kleine Trommel mit zwei Stöcken unter seinem Kleide hervor, wirbelte einen Marsch, und alsbald erhob sich ein wütender Sturm in der Wüste. Eine Staubsäule wirbelte daher, aber die Säule zerteilte sich, und drei Kamele schritten daraus hervor, die waren mit allen Vorräten zu einer langen Reise beladen.
Der Magier sagte, Asem solle ihn von nun an mit dem Namen Baram rufen; dann bestieg jeder ein Kamel, das dritte trabte nebenher, und so durchquerten sie die Wüste.
Am neunten Tage erblickten sie in der Ferne ein sehr schönes Schloss. Sobald der alte Magier die Türme erkannte, lenkte er vom Wege ab und trieb die Kamele zu schleuniger Flucht vorwärts.
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