Callanan und Kelley beschlossen, ihre Beobachtungen als einen eigenen Bewusstseinszustand zu definieren, den sie als »Nahtod-Bewusstsein« bezeichneten. Sie hielten es für enorm wichtig, den Familien ein Verständnis dessen zu vermitteln, was ihre sterbenden Lieben kommunizierten, damit diese möglicherweise wichtige Botschaften nicht mehr auf die Nebenwirkungen von Medikamenten schoben oder für Wahnvorstellungen hielten.
1992 veröffentlichten die beiden Pflegerinnen ihre Arbeit unter dem Titel Mit Würde aus dem Leben gehen. Ein Ratgeber für die Begleitung Sterbender . Es wirkt ein wenig wie eine moderne Fassung von Ars morendi 5, einer Abhandlung über die Kunst des Sterbens, die im mittelalterlichen Europa verbreitet war. Callanan und ihre Koautorin hofften, die Ärzte und Pfleger würden lernen, mehr auf die in unserer Kultur nicht mehr gewürdigten psychospirituellen Transformationen der Sterbenden zu achten.
Als »die beste PR-Agentin des Todes«, wie sich Callanan mit dem Humor ihrer irischen Abstammung bezeichnet, verbreitet sie Aufklärung darüber, was eigentlich alles zum Sterben gehört, welches ihrer Ansicht nach viel weniger furchterregend ist, als die meisten von uns meinen. »Ich glaube, wir sind moralisch, ethisch und menschlich verpflichtet, unsere Geschichten zu erzählen, egal wie oft sie auf taube Ohren stoßen.«
Die Hospiz-Schwester Monique Séguin stimmt dem zu: »Wir müssen eine Öffnung erschaffen, damit zugehört werden kann. Wer daran nicht glaubt, mag seine Arbeit als Pfleger oder Pflegerin machen, aber er verpasst ein paar Dinge.« Auf ihren Runden durch die West Island Palliative Care Residence achtet Séguin inzwischen auch darauf, ihre Patienten nach ihren Träumen zu fragen. Dies ist eine weitere Ebene, auf der sie mitteilen können, was sie auf sich zukommen spüren. Sie erzählen ihr, sie hätten geträumt, in einem gelben Bus zu fahren, ohne zu wissen, bei welcher Haltestelle sie aussteigen müssen, oder sie seien in einem Segelboot über ein ruhiges rosa Meer geglitten. Die Frau, die Séguin diesen Traum erzählte, meinte: »Mein [verstorbener] Vater war in dem Boot. Mein Vater kommt, um mich abzuholen.« Manchmal träumen sie, ihren verzweifelten Familien etwas nicht mitteilen zu können. Eine über 80-jährige Frau träumte, sie versuche frustriert, einen Maiskolben in eine zu kleine Öffnung zu stecken.
Ob Reiseankündigung oder Traumbild – Séguin versucht, wo immer sie kann, es den Familien zu übersetzen. »Ich erinnere mich an eine Patientin, die ihrem Sohn immer wieder sagte: ›Hol mich heim‹, und er argumentierte jedes Mal: ›Mutti, du weißt doch, dass du zu krank dafür bist.‹ Sie wurde immer frustrierter. Eines Abends legte ich ihm die Idee nahe, sie mal zu fragen: ›Mutti, wann willst du denn heimgehen?‹, denn vielleicht wolle sie ihm etwas sagen. Er wollte es nicht hören.« Sie lächelt und zuckt mit den Schultern. »Als Personal bewegen wir uns da auf dünnem Eis«, meint sie. Die Frau starb wenige Tage später.
Ein faszinierender Aspekt des Nahtod-Bewusstseins ist die Neigung mancher Sterbenden, in den Tagen und Stunden vor ihrem Tod Erscheinungen von verstorbenen Verwandten, Freunden oder bedeutenden spirituellen Gestalten zu sehen. Laut einer Studie von Emily Williams Kelly von der University of Virginia aus dem Jahr 2000 berichten 41 Prozent der Sterbenden von Visionen. Waren es ähnliche Präsenzen, wie sie meine Schwester in jener Nacht, als unser Vater starb, wahrgenommen hatte, die kommen, um verunsicherte, verängstigte Seelen zu trösten? 54 Prozent der Mitarbeiter jener Studie über die fünf Hospize berichteten von Patienten, die in zeitlicher Nähe zu ihrem Tod »Besuche« von verstorbenen Verwandten hatten. Pflegerinnen nutzten diese Visionen oft als informelle Anzeichen für ein baldiges Ableben.
»Wenn ein Patient sagt, er sei von einem ihm nahestehenden Verstorbenen ›besucht‹ worden, wissen wir, dass seine Zeit gekommen ist«, erzählte mir die frühere Notaufnahme-Schwester und jetzige Medizinerin Penny Sartori. Sie beschrieb das erste Mal, als sie dieses Phänomen erlebte. »Ich war damals noch in der Ausbildung. Bei einer Übergabe von der Nachtschicht sagten die Kollegen in völlig sachlichem Ton: ›So-und-so redet seit fünf Stunden mit seiner verstorbenen Mutter, er wird sich also bald verabschieden.‹ Ich dachte, die machen einen Scherz. ›Vielleicht sagen sie das nur, weil ich neu bin und sie mir einen Schrecken einjagen wollen‹, dachte ich. Ich schaute immer wieder nach diesem Patienten, und tatsächlich, er redete mit jemandem, den ich nicht sehen konnte. Er lächelte über das ganze Gesicht. Ein paar Stunden später starb er. Es war mir unheimlich, aber ich erkannte schnell, dass es ziemlich verbreitet ist.«
Die frühere Leiterin des Elisabeth-Kübler-Ross-Zentrums in Houston, Dianne Arcangel, erinnert sich an einen Fall, bei dem sie regelmäßig einen 80-Jährigen besuchte, der durch eine kongestive Herzinsuffizienz geschwächt war. Nichts deutete darauf hin, dass er bald sterben würde, doch eines Tages bat er seine Tochter, Dianne Arcangel anzurufen, um sie zu sich zu bitten. Als sie bei ihm war, berichtete er schüchtern, er hätte Besuch von seinem seit Langem verstorbenen Onkel gehabt, der ihm versichert habe, alles würde gut und er solle »Dianne fragen, wie es hier ist. Sie weiß es.« Arcangel war perplex; etliche Jahre zuvor hatte sie eine Nahtoderfahrung gehabt, und sie vermutete, die Botschaft der Onkel-Erscheinung bezöge sich darauf. Oder nicht? Passte eine geheimnisvolle Halluzination zufällig zu einem außergewöhnlichen Traum? Wie auch immer – sie entschied sich, dem Patienten ihre Nahtoderfahrung zu beschreiben und ihm zu versichern, dass ihn ein wundervoller Ort erwarte.
Laut den Forschungsarbeiten von Osis and Haraldsson berichteten von den 10 Prozent der Sterbenden, die in ihrer Todesstunde bei Bewusstsein waren, die meisten von solchen Visionen. In 83 Prozent der Fälle sahen sie Verstorbene oder religiöse Archetypen wie Engel (in den USA) oder Todesgeister (in Indien). Unklar bleibt, was die verbleibenden 17 Prozent sahen. Zwerge? Elefanten? Einen Becher heißen Kakao? Die Sterbenden scheinen jedenfalls eine deutliche Tendenz zum Geisterhaften zu haben. 61 Prozent der Patienten dieser Studie hatten keinerlei Beruhigungsmittel erhalten und 20 Prozent nur ganz leichte.
»Solche Erfahrungen können auch Menschen widerfahren, die überzeugt sind, wieder zu genesen, und überhaupt nicht bereit sind, sich zu ›verabschieden‹«, berichteten die Wissenschaftler.
Ein 56 Jahre alter Herz-Patient mit klarem Bewusstsein sah die Erscheinung einer Frau, die kam, um ihn abzuholen … Er wich nicht vor ihr zurück, er war nur ein bisschen ängstlich. Er sagte: »Da ist sie wieder, sie kommt mir näher.« Er wollte eigentlich nicht unbedingt gehen, aber er widersetzte sich auch nicht. Er wurde ruhiger. Diese Erfahrung machte ihn gelassener. Einen Tag später starb er.
Auf der Suche nach anderen möglichen Ursachen stellten Osis und Haraldsson fest, dass weniger als 10 Prozent der Patienten hohes Fieber hatten, was Halluzinationen auslösen kann. 12 Prozent befanden sich in einer Krankheitsphase, in der manchmal Halluzinationen auftreten, wie Schlaganfall, Gehirntrauma oder Urämie. Doch krankheitsbedingte Bewusstseinseinschränkungen »reduzierten die Anzahl der wohlwollenden Erscheinungen enorm«, berichten die Forscher. Je verwirrter oder stärker medikamentös beeinflusst die Patienten waren, desto geringer war die Wahrscheinlichkeit, dass sie eine tröstliche oder segensreiche Erscheinung wahrnahmen. Schätzungen zufolge verfällt in den USA ungefähr die Hälfte der Sterbenden zu einem gewissen Zeitpunkt in einen Zustand namens »präfinale Unruhe« 6, der mit Rastlosigkeit, Angst und flackernden psychotischen Zuständen einhergeht. Zu den Ursachen gehören Organversagen und Opiat-Vergiftung. Meine in einem Krankenhaus in Nova Scotia unter Leber- und Nierenversagen leidende Schwiegermutter versuchte ängstlich, einem Ansturm von Schwarzbären zu entkommen. Ihre verwirrte Pein verfolgte meinen Mann noch monatelang.
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