Zwei meiner sportlichen Vorbilder möchte ich nicht unerwähnt lassen. Das war zum einen der hervorragende Torwart Paul Theisen, der später im Krieg gefallen ist, und zum anderen Josef Ringel, Jahrgang 1914. Er überlebte den Krieg und betrieb später ein Textil- und Lebensmittelgeschäft in der Mayener Straße. Josef war 1936 im Kader der Deutschen Feldhandball-Olympia-Mannschaft in Berlin, und das war für uns schon etwas ganz Besonderes. Josef erhielt den Spitznahmen »I«. Einfach »I« wie Ida. Das rührte daher, dass er beim Abwurf des Handballes während eines Sprungwurfes ganz laut die Luft ausstieß, um dem Ball eine hohe Abwurfgeschwindigkeit mitzugeben. Dabei erzeugte er ein Geräusch, das wie ein gepresstes »Ihhhhhhjehhhh« klang, und damit war der Spitzname geboren.
Besonders fasziniert war ich damals von dem von Leni Riefenstahl mit modernsten Mitteln gedrehten Film über die Olympiade 1936 in Berlin. Seit ich ihn zum ersten Mal in der Kinowochenschau gesehen hatte, träumte ich davon, einmal als Zehnkämpfer an einer Olympiade teilnehmen zu dürfen. Vielleicht 1944, dachte ich, 1948 oder 1952. Dass es 16 Jahre dauern würde, ehe eine deutsche Mannschaft wieder an einer Olympiade teilnehmen durfte – 1952 in Helsinki – hätte ich damals nicht für möglich gehalten. In meinen Gedanken drehte sich damals alles um den Sport. Wann und wo ich nur irgendwie Gelegenheit fand, trainierte ich in allen möglichen Disziplinen, vor allem Werfen, Laufen und Springen. Sogar am Training der erfolgreichen Bassenheimer Ringermannschaft, das mangels Turnhalle in den beiden Sälen der Dorfgaststätten Koch und Poll stattfand, nahm ich öfter teil und lernte dabei so manchen Trick.
Am Tag des Sportfestes marschierten wir mit unserer Abordnung zu Fuß die Alte Heerstraße hinab, gingen über die Horchheimer Eisenbahnbrücke zur anderen Rheinseite und gelangten auf diesem Wege unmittelbar zu den Sportstätten. Das Stadion Oberwerth füllte sich mit einer großen Anzahl von Sportlern und Zuschauern. Ich schätzte die Anzahl der Aktiven auf weit über 300. Obwohl von allen umliegenden Sportvereinen kleine Abordnungen zugegen waren, bestand doch der überwiegende Teil der Akteure aus Soldaten, Arbeitsdienstleistenden und Hitlerjugend. Wie sollten die Sportvereine auch große Mannschaften aufstellen, da doch die infrage kommenden Jahrgänge seit nun schon fast drei Jahren an allen Fronten kämpften?
Man meldete mich für den Mehrkampf, und so genoss ich den freien Tag in vollen Zügen. Körperlich und mental absolut fit, konnte ich meine Leistungen im Laufen, Springen und Werfen punktgenau abrufen. Am späten Nachmittag erfolgte die Siegerehrung, und ich war unendlich stolz darauf, dass ich im Mehrkampf die höchste Punktzahl erreicht hatte. Zur Siegerehrung musste ich aufs Podest klettern, und man drückte mir einen Lorbeerkranz aufs Haar. Dazu erhielt ich ein Sammelalbum mit Einklebe-Bildern von allen damaligen Handwerksberufen und obendrein zusätzlich einen Tag Sonderurlaub.
Meine Träume von der Teilnahme an einer Olympiade erhielten durch diesen Erfolg neue Nahrung, doch die politischen und militärischen Ereignisse der folgenden Jahre sorgten dafür, dass es Träume blieben. Schon am nächsten Tag war nach einer lobenden Erwähnung durch den Kommandeur der tägliche Militärdrill wieder allgegenwärtig. Die Zeit der Ausbildung näherte sich dem Ende, denn an der Ostfront wurden neue Soldaten gebraucht. Die Kaserne wurde bereits für die nächste Generation von Rekruten benötigt.
In der letzten Woche fand am Zusammenfluss von Rhein und Mosel, am heutigen Deutschen Eck, eine Parade unserer Truppen statt. Es war eine riesige abendliche Inszenierung mit Marschmusik, gespielt von einem großen Musikkorps der Wehrmacht. Unter den Klängen von »Des Großen Kurfürsten Reitermarsch« zogen wir in Sechserreihen am Denkmal von Kaiser Wilhelm I. vorbei, und weiter ging es im Stechschritt zum »Badenweiler« und »Yorckschen Marsch«. Während dieser Zeremonie fühlten wir uns als Teil einer großen Volksgemeinschaft und kamen uns stark, mächtig und unbezwingbar vor – ein Eindruck, der sich bald ändern sollte.
Abgesehen von dieser beeindruckenden Zeremonie hielt sich meine Begeisterung für das Militärwesen jedoch in Grenzen. Ich konnte dem Kriegshandwerk und besonders der zweijährigen allgemeinen Wehrpflicht, die durch den nicht enden wollenden Krieg später unbegrenzt verlängert wurde, keine allzu große Begeisterung abgewinnen. Die Ausbildung hatte uns zu schneidigen und hervorragend durchtrainierten Soldaten gemacht, aber in den Krieg zu ziehen, stand nicht auf unserer persönlichen Agenda, und das galt für alle meine engsten Kameraden. Aber uns blieb nichts anderes übrig – nicht in diesem Krieg und nicht in diesem politischen System.
An einem der letzten Unterrichtsvormittage im Hörsaal unserer Kaserne erfuhren wir, dass bereits am 31. Mai 1942 durch den ersten 1000-Bomber-Angriff der britischen Royal Air Force Köln in Schutt und Asche gelegt worden war. Von der schönen Altstadt und Tausenden Wohnhäusern standen nur noch Ruinen umher, überragt von dem durch die Feuersbrunst geschwärzten gotischen Dom. Dieser erste Großangriff hatte vor allem der Zivilbevölkerung gegolten. Industrieanlagen wurden kaum getroffen. Es gab Tausende tote Frauen, Kinder und alte Menschen. Wir waren sehr betroffen und sprachen unserem Kölner Kameraden Jakob Schmitz unser Mitgefühl aus. Seine sorgenvolle Miene hellte sich erst nach Tagen wieder auf, als er erfuhr, dass zwar das Haus durch Bomben zerstört worden war, seine Familienangehörigen aber den Angriff unversehrt in einem Bunker überlebt hatten.
Am übernächsten Tag, kurz vor unserer Verlegung zum Truppenübungsplatz Baumholder, wurden wir im Sanitätsbereich unserer Kaserne gegen alle möglichen Krankheiten geimpft, die uns an der Front bedrohen konnten, wie zum Beispiel Typhus, Wundstarrkrampf und so weiter. Es war ein schnelles und kurzes Antreten. Die Rekruten standen mit freiem Oberkörper in einer Schlange, die bis nach draußen vor den Haupteingang des Gebäudes reichte, und die Impfungen erfolgten wie am Fließband.
Nur zwei Meter vor mir stand der hünenhafte Paul Severin in der Schlange. Über die Schultern der Vorderleute sahen wir unseren Stabsarzt mit einer riesengroßen Spritze hantieren. Damit stach er zügig und professionell einem nach dem anderen in die Brust – immer mit derselben Nadel wohlgemerkt. Je näher wir zum Impfen aufrückten, desto weißer wurde Pauls Gesicht. Als der Doktor die Nadel der großen Spritze dem letzten Vordermann in die Brust drückte, rollte Paul plötzlich ganz komisch die Augen, schnappte nach Luft und wedelte mit den Armen. Ich rief nur noch: »Paul, wo willst du denn hin?«, und schon lag der lange Kerl bewusstlos vor den Füßen des verdutzt dreinschauenden Militärarztes. Paul erhielt wohl auch noch alle Impfungen, aber als Letzter unseres Bataillons, nachdem er sich auf einer Pritsche von seiner Spritzenangst erholt hatte.
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