1 ...6 7 8 10 11 12 ...23 „Stimmt“, sagte der angesprochene Hüne leise, fand es jedoch nicht nötig sich so zu drehen, dass Orsini und der Mützenmann einander besser sehen konnten.
„Ist’s zu warm für die Jahreszeit?“, fragte Orsini unschuldig.
„Z’warm, ... hast des ghört Hermann? Des is guat! ... z’warm! Geld haben s’ kans mehr d’ Leut ... scho gor ned in der Gegend ... und die, die eins habn, die stelln doch alle auf Gas um. Stimmt’s Hermann?“
Gemächlich ergriff der Silberrücken eine auf der Bar liegende Zigarettenpackung, fischte mit seinen riesigen Fingern erstaunlich flink eine Zigarette heraus, steckte sie mit einem Zündholz an und brummte ein tiefes „Stimmt.“
„Und stelln Sie sich Ihna vor, jetzt haben s’ uns sogar no an von unsre bestn Kundn umbracht, wie solln wir da überleben?“
Hellhörig geworden griff Orsini den Faden auf. „Wie, einer Ihrer Kunden ist umgebracht worden?“
„Ja, der alte Novak, der letzte Posamentenhändler im ganzn Bezirk, wenn ned der ganzen Stadt, eine Wochn ist des her ... höchstens, stimmt’s Hermann?“
Der fast vollständig in eine Rauchwolke gehüllte Silberrücken hielt diese Frage allerdings keiner Antwort für würdig und schwieg.
„Und haben Sie eine Ahnung, warum ... und wer ... oder hat die Polizei schon wen verhaftet?“
Immer noch in einer unnatürlichen Stellung verharrend zündete sich der kettenrauchende Kohlenhändler erneut eine Zigarette an und versuchte mit den Händen den Rauch von sich wegzutreiben. Der Kellner stellte den Tee vor Orsini auf den Tisch und sagte: „Mit extra viel Zitrone. Und übrigens, die Polizei, die können S’ vergessn! Glauben S’, die interessiern sich für unser Grätzl und für an alten Händler ohne Geld? Bei uns is vor einem Monat ein Fenster eingschmissn wordn. Von die Herrn Beamtn hat keiner auch nur ein Ohrwaschl grührt, nicht einmal aufgnommen haben s’ den Vorfall!“
„Da hat der René völlig recht, ... die schaun do nur, dass irgendwem die Schuld in die Schuach schiebn, in dem Fall sind’s halt a paar Kiffer, damit a Ruah is“, meldete sich nun wieder der Mützenmann zu Wort, inhalierte tief und fuhr fort: „Kann scho sein, dass des die Süchtler warn, aber warum is dann nix gstohln wordn? ... Und außerdem, was soll der scho ghabt habn, was man stehln könnt ... oder Hermann?“
„Stimmt“, gab der Gorilla zwischen zwei tiefen Lungenzügen zurück.
„Und, haben Sie einen Verdacht?“
„Einen Verdacht ... natürlich habn wir an Verdacht, aber den ... den sprechen wir nicht aus, schon gar ned hier herinnen in einem öffentlichen Lokal – René zahln bitte!“
„Würd ich auch nicht“, sagte Orsini, „kann leicht sein, dass man dann eine üble Nachrede hat.“
„Stimmt“, sagte der Silberrücken, dämpfte seine Zigarette aus, trank den letzten Schluck Kaffee und ging zur Tür. Der Mützenmann gab dem Kellner einen Schein in die Hand und wartete rauchend auf sein Retourgeld. „Mit der üblen Nachred haben S’ völlig recht, aber ans sag i Ihnen scho“, – der Kellner gab ihm in dem Moment das Retourgeld – „die Baufirmen, die hättn scho an Grund ghabt ... und mit der Familie, da stimmt auch nicht alles – aber i sag nix.“ Mit diesen Worten folgte er seinem Kollegen.
„Ich zahl dann auch gleich!“ Orsini hielt dem Kellner das Geld hin. Während der noch nach dem passenden Kleingeld kramte, war ein lautes Knattern zu hören.
Zweitakter, dachte Orsini und verließ das Lokal. Draußen konnte er noch die Rauchschwaden und den Gestank wahrnehmen, den das Gefährt verursacht hatte. Der seltsame Wagen bog gerade um die Ecke Richtung Westbahnhof ab. Hinten auf der Ladefläche saß der riesige Silberrücken und vorne auf dem Kutschbock der Mützenmann. Eine blaue Rauchwolke stieg auf und das harte Knattern übertönte sogar den Verkehrslärm.
Der Teufel und sein Gehilfe, dachte Orsini, fehlt nur noch der Funkenflug und dass einer von den beiden einbeinig wäre.
Wie um ihn von den dämonischen Gedanken abzubringen, begann sich ein Vibrieren in seinem Kopf breitzumachen, hartnäckig und regelmäßig. Es dauerte einen unangenehm langen Moment, bis ihm klar wurde, dass es lediglich das metallische Dröhnen der Kirchenglocken war. Der monumentale Fassadenturm der Schottenfeldkirche beherrschte das ganze Viertel wie ein Wahrzeichen. Ein allein wegen seiner schieren Größe beeindruckendes Symbol der Ruhe und Gelassenheit oder aber der nun schon verblassenden Macht – das war Ansichtssache.
Im Inneren der Kirche roch es nach Weihrauch. Nur mehr gedämpft drang der Verkehrslärm an sein Ohr. Barockklassizismus, Altartische aus Rotmarmor, von einer aufgelassenen Friedhofskapelle hierher transportiert, las er von einem neben dem Eingang aufgehängten Blatt. Großer, geräumiger Kirchenbau, der von jedem Platz aus eine optimale Sicht zum Hochaltar ermöglichen soll, erfuhr Orsini noch. Schon die Kirchenfürsten von damals wussten, wie man sich Aufmerksamkeit sicherte, nach dem Prinzip sehen und gesehen werden.
Sein Blick schweifte über das Gewölbe zum linken Seitenaltar und blieb dann an einer Marienstatue mit Kind im Arm hängen. Das Haupt der Mutter Gottes umgab ein Heiligenschein aus kleinen leuchtenden Glühbirnen. Davor kniete eine Frau in dunklem Mantel. Auf dem Kopf trug sie ein gelbes Tuch. Der rechte Seitenaltar zeigt den gekreuzigten Jesus, las er weiter. Davon war aber nichts zu sehen, da der rechte Teil des Innenraums mit Plastikplanen verhängt war. Auf einem Gerüst standen zwei Restauratoren und unterhielten sich. Dann nahmen sie Hammer und Meißel zur Hand und begannen, die heilige Ruhe zu stören. Die kniende Frau erhob sich mühsam, warf Geld in einen Behälter und zündete eine Kerze an.
Der handgeschriebene Zettel hing nicht mehr an der Tür. Also trat Orsini in das nun beleuchtete Friseurlokal. Es war so winzig, dass er praktisch mit dem Türgriff in der Hand stehen bleiben musste. Der Friseur schnitt gerade auf einem der zwei vorhandenen Sessel einem Kunden die Haare. Wegen der durchgehend verspiegelten linken Seite wirkte der Raum um einiges größer und ein hochgewachsener Philodendron beherrschte das ansonsten schmucklose Geschäftsinnere. Einzig über der verspiegelten Wand stand in geschwungener altmodischer Schrift Friseursalon Patschinsky. Das Wort Salon fand Orsini eine leichte Übertreibung. Der elegante Schriftzug, die alten Stühle mit der verspiegelten Wand und die riesige Pflanze in der Ecke ergaben aber durchaus ein harmonisches Ganzes. Verglichen mit den uniformen Einrichtungen moderner Friseursalons war dieses Geschäft ein Kleinod. Zwar ein vergessenes – was Raumempfinden und Formsprache anlangte, konnte es dennoch jeden Vergleich mit Designerläden von heute aufnehmen. Ein Kind seiner Zeit, wie auch die Person des Friseurs.
„Grüß Gott, ich würde mir gerne die Haare schneiden lassen. Wie lang würde es dauern, bis ich drankomm?“
Mit der Schere in der Hand deutete der Friseur auf den freien Stuhl neben sich. „Nehmen S’ gleich Platz, wenn’s genehm ist!“
Es roch nach altmodischem Haarwasser. Birkensaft – Orsini konnte sich noch gut an den Geruch erinnern, den sein Großvater verströmt hatte, wenn er auszugehen pflegte und sich deswegen in Schale warf. Er setzte sich auf den angebotenen Platz und sah dem Friseur zu, wie er seinem Kunden die letzten Haarreste aus dem Nacken pinselte und ihn danach mit einer geschickten Bewegung auf seinem Stuhl Richtung Ausgang drehte. Als der Kunde bezahlt hatte, hielt der Friseur elegant die Türe auf und verabschiedete sich.
Auf der schmalen Anrichte lagen die verschiedensten Gerätschaften. Kämme und große Haarklammern aus Horn, Rasiermesser und diverse Scheren. Das einzige Zugeständnis an die Moderne schien eine elektrische Haarschneidemaschine zu sein. Nicht einmal ein Radio, stellte Orsini erleichtert fest.
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