„Da bin ich mir sogar sicher, das ist nämlich eine Tenderlok mit Fahrtrichtungsumschalter, einer Antriebsachse, Hartreifen und Kupplungshaken“, sagte der Alte mit dem Stolz des Wissenden in der Stimme.
„Ah, ja – interessant“, erwiderte Orsini, der keinen Schimmer von Eisenbahnen hatte.
„Die wurden früher zum Rangieren und für Zubringerdienste verwendet. Sie waren schnell, wendig und verbrauchten nur wenig Energie.“
Orsini schaute dem Mann zu, wie er das kleine Geschenk sorgfältig verpackte.
„Wenn ich so überleg ...“, hielt er plötzlich bei seiner Tätigkeit inne und schaute Orsini an, „... hätt’s mich genauso erwischen können.“
„Hm ...“, murmelte Orsini unbestimmt und sah Angst in den Augen des Mannes.
„Ich glaub ... das war kein schneller Tod.“
„Wie kommen Sie darauf?“
„Na ja, die Beamten warn dreimal bei mir ... und was ich so von denen ghört hab ...“
„Möglich“, antwortete Orsini unbestimmt.
„Und irgendwas war seltsam.“
„Seltsam?“
„Ja, das hab ich so rausghört“, antwortete der Alte, bückte sich und holte ein Papiersäckchen hervor.
„Was ich Sie aber noch als Letztes fragen wollte“, wechselte Orsini nochmals das Thema, „hat denn eigentlich niemand hier aus der Gegend etwas gegen diese Zustände unternommen?“
„Doch, was glauben Sie denn! Von Pontius zu Pilatus sind wir glaufen, hat aber alles nichts gnützt – die haben fleißig und ungestört weitergebaut. Wenn S’ mich fragen, ist das von oben abgsegnet.“ Der Alte hielt ihm das mit zauberhaft filigranen Abbildungen kleiner Lokomotiven bedruckte Sackerl hin. Orsini konnte den Stolz in seinen leuchtenden Augen erkennen, den Stolz auf sein kleines Geschäft und seine Tätigkeit. „Kostet eigentlich fünfundsechzig, aber ich geb sie Ihnen um sechzig, weil wir so nett geplaudert haben.“
Orsini fühlte sich nach diesem Satz einerseits etwas verlegen, da er den Mann ja eigentlich ausgehorcht hatte. Andererseits hatten sie ja wirklich geplaudert und er hatte dem Mann auch noch die vermutlich einzige Einnahme des Tages gebracht. Sechzig Euro waren als kleine Sühne dafür angebracht.
„Auf Wiedersehen, Sie werden sehen, Ihr Neffe wird viel Spaß dran haben!“
Vor dem Friseurgeschäft blieb Orsini kurz stehen. Tatsächlich empfand er eine Art Zuneigung für seinen fiktiven Neffen, dem er das nette Spielzeug gekauft hatte. Während er die Fortschritte in der Erbschaftsangelegenheit durchging, betrachtete er den winzigen, mit einem violetten Mosaik verkleideten Eingangsbereich.
Auf der Habenseite schien auf: Die Liste mit den Adressen der Immobilienfirmen sowie die Bestätigung der Geschäftsleute, dass die Preise für Immobilien tatsächlich gestiegen waren. Sophie Pfeifers Verdacht hatte sich zunächst also erhärtet. Andererseits war das bis jetzt nur Hörensagen und hatte womöglich auch mit dem latenten Neid auf die Besitzenden zu tun. Keine Auskunft beim Notar und ein Streit mit einem scharfzüngigen Ingenieur standen allerdings auf der Negativseite. Die rote Kombizange, das Geschirrtuchset und die Akkutaschenlampe würde er vermutlich auf die Spesenliste setzen, weshalb die Zuordnung nicht ganz klar war. Die kleine Lokomotive ...
An der Frontseite des Friseurladens hing über dem nach hinten versetzten Eingang ein Kabel aus der Mauer, umrahmt von verrosteten Schrauben. Dass Werbung ein Teil des Geschäftes war, hatte sich bis hierher noch nicht herumgesprochen. Nichts, außer einem abgenutzten Türgriff in Form einer Schere deutete auf einen Friseurladen hin. Orsini wollte den Scherengriff gerade in die Hand nehmen, als er das auf einen Zettel gekritzelte „Bin in zehn Minuten zurück“ las.
„Bin auch in zehn Minuten zurück“, antwortete er laut und verschwand um die Ecke. Dort hatte er den Zwillingsbruder des Friseurgeschäftes entdeckt, ein ebenso winziges Café. Eine Art dreirädriges Motorrad in verblassendem Grün parkte davor. Der Lack des Gefährts war an den Ecken schon so weit abgeschliffen, dass blankes Metall zum Vorschein kam. Hinter dem breiten Traktorsitz für den Fahrer der eigenartigen Konstruktion stapelten sich auf einer kleinen Ladefläche Ölkanister, Holzbündel und grobe Jutesäcke mit Kohle. In Orsinis Wohngegend hatten diese Händler schon vor Jahren ihre Geschäfte aufgegeben, weil kaum jemand mehr mit diesen Brennstoffen heizte.
In seiner Kindheit hatte es vis-à-vis eine solche Kohlenhandlung gegeben. Oft genug hatte er den Kohlenhändlern als Bub fasziniert zugesehen. Vor allem der vom Tragen schwerer Lasten gekrümmte Rücken und die dreckige Kleidung hatten ihn beeindruckt. Außerdem waren Gesicht und Hände der dunklen Gesellen immer mit einer schwarzen Rußschicht bedeckt gewesen, was die Männer unheimlich, beinahe dämonisch wirken ließ.
Einen Vorfall in seiner unmittelbaren Umgebung würde er nie vergessen: In einer klirrend kalten Adventnacht hatte sich einer der Kohlenhändler über den steilen Stufen, die vom Gehsteig in seinen Keller führten, erhängt.
Am nächsten Tag blickte daher die erste Kundin in ein kohlrabenschwarzes Gesicht, aus dem nur die weißen Augen blutunterlaufen hervorquollen, wie sie später schaudernd jedem erzählte. Heimlich, hinter dem Vorhang seines Kinderzimmers verborgen, hatte Orsini den Abtransport des Toten beobachtet. Zwei Männer schleppten den erstarrten Leichnam mit Mühe die engen Stufen hoch, blieben dabei aber an einem Stapel Brennholz hängen und kamen nicht vom Fleck. Eigentlich wollte er wegsehen, doch ein innerer Drang zwang ihn hinzustarren. Mit Gewalt bogen die beiden die Glieder des Kohlenhändlers zurecht, dass es bis über die Straße krachte, und marschierten dann mit ihrem makabren Gut direkt unter dem Fenster der Orsinis zum Leichenwagen. So rasch wie möglich schloss er das Fenster und zog den Vorhang zu, doch das Geräusch der brechenden Knochen hatte sich in sein Gedächtnis eingebrannt.
Kaum war er in das Café eingetreten, sah Orsini auch schon einen kohlrabenschwarzen Rücken. Eine Pullmannmütze saß auf dem dazugehörigen Kopf. Dass in dem kleinen Raum sogar eine Bar Platz hatte, war von außen nicht zu vermuten. Neben dem Kohlenhändler waren noch zwei Barhocker frei. Orsini nahm Platz und wollte gerade bestellen, als er unterbrochen wurde.
„Tschuldigung ... da sitzt eigentlich mei Kollege, der hat nur grad a ... dringende Sitzung“, sagte der Mann mit der Mütze. Aus dem rußgeschwärzten Gesicht blinkte es Orsini entgegen. Mehrere Goldzähne schlossen die vorderen Zahnlücken. Weiter hinten warteten ausgebuddelte Löcher auf die modernen Schatzgräber in ihren Hightech-Ambulatorien.
„Dann setze ich mich da drüben hin, kein Problem.“
„Danke, der Herr, er wird glei kuman ... es is nur, damit’s ka Gwirks gibt!“
„Und wie geht’s Gschäft?“, nützte Orsini die Gelegenheit, ein Gespräch zu beginnen.
„Na, wie soll’s scho gehn? Be ... schi ... ssen, und des zur bestn Jahreszeit und bei der Kältn!“
In diesem Moment kam der zweite mit Ruß verschmierte Geselle aus der Toilette und setzte sich zwischen Orsini und seinen Kollegen. Hünenhaft wie ein Silberrücken drängte er Orsini zur Seite. Der Geruch, den er verbreitete, konnte sich durchaus mit dem der afrikanischen Berggorillas messen. Ebenso wie sein Kollege trug er einen zerschlissenen Pullover. An den Ellbogen klafften zudem zwei große Löcher. Die menschliche Mauer, die nun entstanden war, verhinderte die Fortführung des Gesprächs. Also bestellte Orsini erst einmal entgegen seiner Gewohnheiten einen schwarzen Tee mit viel Zitrone.
Überraschenderweise beugte sich jetzt der Mann mit der Pullmannmütze nach vor, verharrte in der unnatürlichen Stellung, um Orsini zu sehen und sprach: „Wissen S’ ... normal is da Herbst die Zeit, wo die Leut Heizvorräte anlegn ... stimmt’s Hermann?“
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