„Ah ja.“
„Sie sind, wie ich vermute, ein Angehöriger.“
„Nicht direkt“, tappte Orsini in die Falle. Sofort wollte er die beiden Worte wieder in sich einsaugen und wusste zugleich doch, was folgen würde.
„Da Sie kein direkter Angehöriger sind, kann ich Ihnen leider keine weiteren Auskünfte geben.“ Pause, und: „Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag!“
Achselzuckend legte Orsini den Hörer nieder. Es war nichts anderes zu erwarten gewesen, dachte er und blickte auf seine Armbanduhr. Zeit, sich auf den Weg zu machen.
Die Nacht hatte es durchgeregnet. Tief stehende Wolken drückten der Stadt einen gräulich trüben Stempel auf. Wie so oft um diese Jahreszeit erfasste Orsini ein unbestimmtes Gefühl der Rastlosigkeit. Nach dem Abbruch des Jurastudiums war er mehrere Jahre ziellos umhergestreunt und hatte von der Hand in den Mund gelebt. Das Bild einer verschlafenen Insel – rostige Klapptische mit duftendem Kaffee und salzige Meeresluft – drängte sich zwischen die tropfnassen Auslagen der Häuserzeilen.
Der Eindruck des Wohnviertels war bei Tag noch deprimierender. Ein Konglomerat aus verfallenden Häusern und Siebzigerjahre-Zweckbauten. Zweimal um die Ecke hingegen, in der belebten Mariahilfer Straße, gaben Teenager in ihren Freistunden das Taschengeld in coolen Shops aus. Hier aber konnte man vom Alles-ein-Euro-Laden über den chinesischen Supermarkt bis zum Massagesalon Tina und Erich – der ein spezielles „für dich“ Verwöhnservice anbot – hauptsächlich das finden, was einen stetig anhaltenden Abstieg bedeutete. Nur vereinzelt kämpften die einst angesehenen Gewerbebetriebe und skurrilen Fachgeschäfte trotzig ums Überleben.
Orsini kam an derselben Stelle vorbei, wo er sich am Abend zuvor den Schuh mit Wasser angefüllt hatte. Eigentlich wollte er nach den Obdachlosen suchen, was zurzeit jedoch kaum möglich war, da ein Betonmischwagen genau die Einfahrt verstellte. Rundum herrschte hektische Betriebsamkeit, und der Schmutz hatte sich durch den nächtlichen Regen nur noch mehr verteilt. Nur notdürftig war eine Klarsichthülle, in der ein Formular steckte, an ein faseriges Holzbrett genagelt. Niemand nahm von ihm Notiz, als er es hervorzog und sich die Namen zweier Immobilienfirmen mit dazugehörigen Adressen aufschrieb. Mit klammen Fingern steckte er den Stift in die Tasche.
Vor dem Nebenhaus, das auf beiden Seiten von Baustellen in die Zange genommen wurde, blieb Orsini stehen. Hier war Sophies Vater, Heinrich Novak, bis vor Kurzem noch ein- und ausgegangen. Ein alter Mann am Ende seines Lebensweges. Wegen eines bisschen Bargelds hatte man ihn um die letzten Jahre gebracht.
Angestrengt blickte er durch das schmutzige Glas auf fein säuberlich aufgereihte Quasten, Fransen und Schnüre in verblichenen Farben. Verstaubte Knöpfe und Reißverschlüsse lagen ordentlich auf einer Ablage. Orsini erkannte den gewissen, nicht mehr zeitgemäßen Stolz des Gewerbetreibenden auf Waren, die kaum mehr jemand brauchte. Der Raum dahinter, in dem die Leiche gelegen haben musste, war kaum zu sehen.
Von der einfachsten bis zur güldnen Schnür, alles macht der Posamentier, stand in matten silbernen Lettern auf einem Schild über der Tür. Reimt sich nicht ganz, dachte er im Weitergehen, wich einer tierischen Hinterlassenschaft aus und landete vor einer überdimensionalen Werbefläche. Die offiziellen Daten der Firmen waren in einer Ecke verschämt winzig angegeben. Der Slogan „Wir halten was wir versprechen – Immotreu“ hingegen knallte in auffälligem Rot quer über das Plakat.
Auf dieser Baustelle machte die Belegschaft gerade Pause. Orsini blickte in den hinteren Teil der Liegenschaft. Der Hof war angefüllt mit Bauwerkzeugen und Gerümpel aller Art: Mischmaschinen, eine Tischkreissäge, Teile von Gerüsten. Der Regen und der dadurch aufgeweichte Boden hatten eine Art Miniteich entstehen lassen – ideale Bedingungen fürs Schlammcatchen – Müllsäcke, Essensreste und leere Dose lagen in einer Ecke. Ein unangenehmer Geruch erfüllte wie bei der ersten Baustelle die Luft. In einem Baucontainer saßen Arbeiter, machten sich über ihre Verpflegung her und ließen den Bierkonsum nicht zu kurz kommen. Auf einem weiteren Container klebte ein Schild mit der Aufschrift Büro. Beide waren in demselben Knallrot gestrichen und wirkten wie eine irrtümlich abgestellte Skulptur inmitten der verzweigten, durch Zäune und niedere Mauern voneinander abgetrennten alten Hinterhöfe. Bewohner waren keine zu sehen. Einzig eine Katze trippelte vorsichtig über den betonierten Teil des Hofes und verschwand hinter einer Tonne. Orsini umrundete die Container, bemerkte eine weitere Baustelle an der gegenüberliegenden Seite und links darüber einen begonnenen Dachausbau. Rechts davon, hinter einem grasbewachsenen Hügel verstellte eine etwas höhere Mauer die Sicht.
Orsini schnappte sich einen herumliegenden Sessel, stellte sich auf das wackelige Ding und spähte über die Mauer. Nebenan lag ein gepflegter Garten, offensichtlich zur angrenzenden Pfarre gehörig. Säulen aus Granit, eine mit Moos bewachsene Statue und alte Rosenhecken. Es war eine kleine Idylle mitten in der Stadt.
Weniger idyllisch war hingegen der Mann, der lautstark gestikulierend auf ihn zukam.
„Heee! ... was machen Sie hier? Haben S’ die Schilder ned gsehn!? Eintritt verboten!“ Er zog das „o“ in die Länge, als müsste er einem Debilen das Alphabet erklären. „Das ist eine Baustelle, verschwinden Sie, aber rasch, sonst gibt’s eine Anzeige!!“
„Wegen Hausfriedensbruch, oder was?“ Betont langsam stieg Orsini vom Stuhl.
Den Mann brachte das nur noch mehr in Rage. „Arschloch“, zischte er und trat gegen den Stuhl. Kurz bevor das Gespräch zu einer handgreiflichen Auseinandersetzung eskalierte, stürzte aber ein Mann mit gelbem Schutzhelm auf dem Kopf aus dem zweiten Container.
„Hans, geh sofort an die Arbeit! Den Herrn hier übernehme ich, ich weiß wie man mit solchen Leuten umgeht!“, befahl er. Hochgewachsen und hager, richtiggehend ausgemergelt baute er sich vor Orsini auf. Unter dem übergroßen, gelben Helm setzte sich dieser Eindruck fort. Dünne, tiefe Falten durchzogen das Gesicht und eine spitze Adlernase verlieh dem Blick etwas Scharfes.
Ing. E. Baswal, konnte Orsini auf einer kleinen, am Revers der Arbeitskleidung angebrachten Metallplankette lesen, natürlich in der gleichen Farbe wie der auf den Containern und den Werbetafeln.
„Corporate idendity“, verkniff Orsini es sich nicht, sein knöchriges Gegenüber zu provozieren, indem er auf das kleine Schild deutete. „Ingenieur E. Baswal, den Namen muss ich mir merken, falls ...“
„Ich fordere Sie hiermit auf, diese amtlich registrierte Baustelle sofort zu verlassen und mit sofort meine ich jetzt! Ansonsten ...“ Der Ingenieur unterbrach den Satz, um sein Handy aus der Tasche zu holen. Anstatt die Polizei zu rufen, trat er allerdings schmallippig lächelnd näher und schoss ein Foto von Orsini.
„Hobbyfotograf, hm ...? Ich versteh nicht, wieso ihr hier alle so nervös seid – ich wollt mir eigentlich nur den hübschen Hof anschauen.“ Übertrieben gemächlich begab Orsini sich auf den Rückzug und schlenderte Richtung Ausgang. Im Vorübergehen besichtigte er noch ausgiebig einen Sandhaufen und eine Mischmaschine. Beiläufig provozierte er weiter: „Sind hier vielleicht illegale Arbeiter beschäftigt?“
Eisiges Schweigen. Die steilen Falten über der Nase des Ingenieurs vertieften sich noch um einige Millimeter, bis er schließlich zwischen geschlossenen Zähnen hervorstieß: „Das nächste Mal pfeif ich den Hans nicht mehr zurück!“ und Orsini stehen ließ.
„Wiederschauen, Inge Baswal!“, rief Orsini ihm nach, als er an dem Container mit den Arbeitern vorbeiging. Noch von der Straße konnte er daraufhin aus dem Container schallendes Lachen hören, das jedoch nach einem herrischen Kommando abrupt aufhörte.
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