„Doch“, entgegnete Orsini, „die Akten sind im Kopf und der Computer im Nebenzimmer, wenn Sie die Einrichtung meinen, ich kann Unordnung nicht ausstehen – stört mein Denkvermögen.“
„Aha“, unterbrach sie ihn dermaßen spitz, dass Orsini froh war, ihr nicht den Rest seiner Wohnung zeigen zu müssen.
„Ja, es ist so ...“, setzte sie erneut an. Es schien, als bereute sie es, Orsini aufgesucht zu haben. Ihr Blick blieb auf den fünf an die Wand genagelten Schallplatten hängen. „Ich habe auf Ihrer Homepage gelesen, dass Sie ... Also ich möchte, dass Sie für mich herausfinden, ob, ... ob jemand aus meiner Familie versucht, mich um mein Erbteil zu bringen!“
Orsini nahm im Geiste Formular U zur Hand und seufzte: „Ihr Erbteil.“
„Mein ... mein Vater ...“
„Ihr Vater?“
„Ja, vorige Woche, er ist ...“ Sophie Pfeifer begann, langsam an einem ihrer Ringe zu drehen. Ihr Tonfall war beinahe unterkühlt, als sie fortfuhr: „... er ist vorige Woche ermordet worden. In seinem Geschäft. Drogensüchtige. Angeblich Beschaffungskriminalität. Aber darum ... geht es mir nicht, das ist Aufgabe der Polizei.“
Mord? Orsini zögerte ... darum geht es nicht ... Ohne den ihm gegenüber sitzenden glitzernden Weihnachtsbaum aus den Augen zu lassen griff er instinktiv nach Formular B für Bessergestellte und fragte: „Sondern?“
„Es geht um meinen Bruder Karl. Ich vermute, dass er das Erbe an sich reißen will.“ Sie öffnete ihre Tasche und zog ein Kuvert hervor. „Er wohnt nach wie vor in der elterlichen Wohnung, jetzt natürlich nur mehr mit unserer Mutter, und das schon seit sechsundvierzig Jahren!“
Sechsundvierzig Jahre keine Miete, immer frisch gebügelte Hemden, täglich eine warme Mahlzeit – was ist daran falsch?, spöttelte Orsini heimlich.
Jetzt, wo sie sich offensichtlich dazu entschlossen hatte, zu erzählen, schoss es aufgebracht aus Sophie Pfeifer heraus: „Das hier habe ich auf seinem Schreibtisch gefunden. Es ist eine Ungeheuerlichkeit!“ Sie leerte das Glas Wasser in einem Zug und ließ es mit klirrenden Armreifen auf den Tisch sausen.
„Gefunden“ war eine nette Umschreibung für herumstöbern und suchen, überlegte Orsini. Umständlich zerrte sie an dem Kuvert, das sich ihr zu widersetzen schien, bis sie endlich ein zusammengefaltetes Blatt Papier in der Hand hatte. Mit spitzen Fingern schob sie es ihm hin. Von sich weg.
„Moment – könnten wir von vorn beginnen?“ Orsini entfaltete sorgsam das Schreiben. „Ihr Vater wurde letzte Woche ...?“
„Ja. Er ist schon 85 gewesen, aber soweit ich weiß, bei bester Gesundheit. Freitagabend. Er wollte gerade sein Geschäft verlassen, als es geschehen ist.“ Wieder drehte sie am goldenen Ring und zog ihn dann langsam bis zur Fingerkuppe vor und zurück, als hätte es den Gefühlsausbruch wenige Augenblicke zuvor nicht gegeben.
Orsini sah zum Fenster hinunter auf die schmutzige Straße. Es tröpfelte leicht. Am First des Hauses gegenüber bleckte eine mächtige Löwenfigur im trüben Abendlicht die Zähne. Beim Anblick der steinernen Mähne fiel ihm unwillkürlich Sophie Pfeifers Frisur ein: Das feine Haar war zu einem gleichzeitig luftigen und mit diversen Mitteln gefestigten Machwerk verarbeitet. Zuckerwatte. Ein Löwe, besser gesagt eine Löwin, verbarg sich hinter dieser künstlichen Mähne jedoch nicht.
Sophie Pfeifer war nach einer knappen halben Stunde unvermittelt aufgestanden, hatte rasch noch ihre Unterschrift unter den Vertrag gesetzt und eine penetrante Parfumwolke hinterlassen.
Nachdenklich überflog er die schlecht leserliche Kopie des Schreibens, das Sophie Pfeifer ihm gezeigt hatte. Sophies Bruder Karl: Im Kopf zog Orsini von dessen sechsundvierzig Jahren die Zeit der Kindheit ab, rechnete mal 365, multiplizierte mit den Kosten eines üblichen Hotelzimmers und staunte ob der Summe, die er sich erspart haben musste. Sophie Pfeifers Neid war durchaus verständlich.
Es handelte sich um ein normales Anbot einer Immobiliengesellschaft namens Immotreu für das elterliche Haus, in dem sich das Geschäft befand. Dort war auch der Mord geschehen. Als Adressat war der Ermordete, Heinrich Novak, angeführt. Der Straßenname war gerade noch zu entziffern, die Hausnummer jedoch nicht. Jemand – Sophie Pfeifer vermutete ihr Bruder – hatte handschriftlich Ziffern hinzugefügt mit dem Vermerk: „Bar, bei Vertragsunterzeichnung.“ Der handschriftliche Betrag war um ein Mehrfaches höher als das offizielle Anbot. Das hatte ihr Misstrauen erweckt.
Sie hat heimlich nach einem Testament ihres Vaters gesucht und dann zufällig das Anbot entdeckt, dachte Orsini, ging ins Nebenzimmer und schaltete seinen Computer ein. Jedenfalls deutete ihre Verlegenheit in diesem Punkt darauf hin ... ungeduldig war sie wohl auch ... Verständlicherweise, denn der Termin mit dem Notar der Familie war erst in knapp drei Wochen angesetzt.
Mann tot in Geschäft aufgefunden, überflog Orsini die Schlagzeile im Internet-Zeitungsarchiv vom 25. 10. Der 85-jährige Händler Heinrich Novak aus Wien Neubau wurde am Freitag, den 24. Oktober kurz vor 20.00 Uhr leblos auf dem Boden liegend in seinem Geschäft in der Zieglergasse 31a aufgefunden ... die Rekonstruktion des Unglückshergangs gestalte sich schwierig, erklärte die zuständige Polizeisprecherin ... vermutlich erdrosselt ... Obduktion sei abzuwarten ... mehrere Einvernahmen ...
Erfolglos suchte er nach aktuelleren Einträgen und klickte schließlich auf das Ausschaltsymbol. Für einen Augenblick empfand er seine Tätigkeit als unendlich mühsam, wenn er an die Möglichkeiten seines früheren Jobs dachte. Der Ventilator des Computers gab ein letztes Surren von sich, während Orsini wieder zum Gespräch von vorhin zurückfand.
Sophie Pfeifer selbst war geschieden und kinderlos. Zu ihren Eltern und den beiden Geschwistern hielt sie nur sehr losen Kontakt. Deswegen hatte sie auch von eventuellen Verkaufsplänen nichts gewusst und fühlte sich nun vor den Kopf gestoßen. Zudem hatte sie nach dem Begräbnis auch noch festgestellt, dass von den Kunstgegenständen in der elterlichen Wohnung einiges fehlte. Zur Rede gestellt hatte sie ihre Geschwister diesbezüglich aber nicht. Ein Satz hallte dazu in Orsinis Ohren wider: „In unserer Familie wurde die Sprachlosigkeit kultiviert.“
Morgen würde er sich um alles Weitere kümmern, beschloss er, denn er hatte noch einige dringlichere Aufgaben zu erledigen.
Wenig später bog er mit hochgestelltem Mantelkragen unter der goldenen Weltkugel des Palais des Beaux Arts in die Löwengasse. Wie immer schaute er kurz zu den Weltkugelträgerinnen hoch, denen das Regenwasser von den schwarzen Haaren über die ebenso schwarzen Arme auf die nackten Brüste tropfte, hob grüßend die Hand und marschierte mit zügigen Schritten voran.
Nur halblaut drangen die Geräusche an sein Ohr, ohne dass er sie wirklich registrierte, so versunken saß er gegen Abend auf der mit Kunstleder bezogenen, abgenutzten Sitzgarnitur im ebenso abgenutzten, kleinen Kaffeehaus. Wieder einmal. Er hoffte, auf Paula zu treffen. Einige Male hatten sie hier – im Jell, wie sie es abgekürzt nannten – nach der Arbeit gemeinsam Kaffee getrunken oder stundenlang geredet. Die Zeit war dabei weitergezogen.
Immer noch trug er den Geruch ihrer Haut in seiner Erinnerung mit sich, den Geschmack ihrer Lippen, ihre bedingungslosen, beinah ungestümen Umarmungen, ihre wilden Locken, die dabei sein Gesicht streiften und ihr neckisches Lachen, wenn es ihr gelungen war, ihn auf den Arm zu nehmen.
Vorbei. Das war Jahre her, vergessen konnte er Paula freilich nicht. Dass er mittlerweile zwei Stunden hier saß und auf den kümmerlichen verstaubten Gummibaum starrte, hob die Stimmung nicht sonderlich. Sogar der Kellner, der ihn zuvor schon zweimal gefragt hatte, ob er noch etwas wünsche, aber nur ein missmutiges „Nein!“ zu hören bekommen hatte, schien nun einen Bogen um seinen Tisch zu machen.
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