Langsam marschierte er weiter. Mehrfach verstellten Baufahrzeuge Einfahrten und Gehwege. Betonierte Kranfundamente verengten die Straße zusätzlich. Einige Häuser waren bereits renoviert worden, bei manchen hatte man zumindest die Geschäftsfassade neu gestrichen. Insgesamt aber machte das Viertel einen bemitleidenswerten und heruntergekommenen Eindruck, der durch die Dunkelheit und das schlechte Wetter noch verstärkt wurde. Er schlängelte sich weiter durch provisorische Fußgängerumleitungen an Baustellen vorbei, die trotz der fortgeschrittenen Stunde noch keineswegs zur Ruhe gekommen waren. Regen tropfte auf ihn herab, aus den Baustellenausfahrten rann die Erde als Matsch auf die Straße und verteilte sich zu unregelmäßigen, großen Pfützen. In null Komma nichts waren seine Schuhe verdreckt, genauso wie die untere Hälfte seiner Hose. Fluchend suchte er Unterschlupf in einem der verfallenen Hauseingänge. Das Tor stand halb offen. Eine einsame Glühbirne hing an ihrem Draht herab und verströmte spärliches Licht. Zuerst nahm er nur den Geruch nach Erbrochenem und abgestandenem Alkohol wahr. Dann, nachdem seine Augen sich an die Finsternis gewöhnt hatten, bemerkte er zum Stiegenaufgang hin eine Gruppe auf dem feuchten Boden herumlungernder Männer, die von einer beachtlichen Ansammlung Alkoholika umgeben waren. Woher der stechende Geruch kam, wusste er nun.
„Magst an Schluck?“, fragte der einzige noch Stehende aus der Gruppe und reichte Orsini schwankend eine Tetrapackbox. Nur mit Mühe konnte er das Etikett lesen. Es versprach den feinsten Cuvée. Orsini zögerte. Der Mann hielt die Box mit Daumen und kleinem Finger, aber dazwischen standen – anstatt der drei übrigen Finger – nur mehr Stummel von der Handfläche ab. Orsini dachte an die oft eiskalten Nächte weit unter dem Gefrierpunkt. Hier waren die Bewerter für das weltweite Ranking um die lebenswerteste Stadt wohl nicht vorbeigekommen ... Stolz hatte der Bürgermeister erst unlängst mit Wiens vorderster Platzierung geprahlt.
Ablehnen war unmöglich, so nahm er also die angebotene Rotweinmischung, wartete auf einen Moment, da er nicht beobachtet wurde, und führte die Box zum Schein an die Lippen.
„Danke, schmeckt super!“ Orsini fuhr sich mit dem Ärmel über den Mund, gab die Box zurück und wollte wieder zur Straße zurückkehren. Eine erstaunlich kraftvolle Hand legte sich ihm jedoch auf die Schulter und hielt ihn energisch zurück. Orsini zuckte zusammen. Automatisch werteten seine Sinne die Berührung als Angriff. Er duckte sich blitzschnell, drehte sich um hundertachtzig Grad und holte aus.
Als er aber in das lachende, zahnlose Gesicht des stehenden Obdachlosen blickte, konnte er die reflexhafte Angriffsbewegung gerade noch stoppen.
„Nervös, Masta? ... vur mir ... brauchst ka Angst habn ... i moch da scho nix.“ Erst jetzt bemerkte Orsini, dass dem Mann ein Bein fehlte und zwei Krücken ihm quasi als Barhocker dienten. Das war auch der Grund, warum er noch immer stehen konnte. Er sprach lallend und verschluckte manche Silben. Speichel troff aus seinen Mundwinkeln, und auf seiner Jacke hatte der verschüttete Rotwein jede Menge Flecken hinterlassen.
„I wollt nur schaun ..., obst für den Superwein ... a Marie, ... a Gerstl ... springa losst!“
Verlegen kramte Orsini in seiner Hosentasche nach der Geldbörse, holte einen Schein heraus und fragte, ob sie denn keine Unterkunft hätten.
„O ja! wir ... mia wohnan ... eh glei ums Eck, sogor gratis!“
„Gratis?“
„Klor gratis ... nur scheichn s’ uns jedn Tog ausse, damit ma do in da Gegend ... umadumstengan.“
„Wieso?“
„Des was i ned, und ...“
In diesem Moment drohte der Mann umzufallen. Orsini musste ihn stützen, um ihn danach wieder in die Senkrechte zu befördern.
„Dank da sche, wüst no a moi?“
Orsini lehnte das Angebot höflich ab, was sich aus seiner Sicht als Fehler erwies. Denn der Mann trank nun ansatzlos die Box in einem Schwung leer, rülpste unmenschlich laut und war danach nicht mehr ansprechbar.
„Wer schickt euch raus?“
Keine Reaktion. Mehrmals versuchte Orsini den Mann durch Rütteln am Arm quasi wiederzubeleben. Aber der Mund des Einbeinigen öffnete sich nur und statt Wörtern sonderte er erneut eine Ladung Speichel ab. Ein dünner durchsichtiger Faden zog sich nun vom Kinn abwärts bis zur Brust.
„Wer schickt euch raus!?“, schrie Orsini dem offensichtlich ins Delirium Abgleitenden ins Ohr. Statt des Einbeinigen regten sich jedoch nur die übrigen Umherliegenden. Einer davon erwischte Orsinis Hose und krallte sich an ihr fest. Sein Nachbar kroch auf den Ellenbogen näher und stieß dabei eine Flasche nach der anderen um. Der Inhalt verteilte sich langsam glucksend auf dem Boden. Orsini drehte sich auf einem Bein und schüttelte mit einer präzisen Bewegung den Betrunkenen ab. Hier wurde es allmählich ungemütlich. Kurz dachte er daran, dem Einbeinigen seine Visitenkarte in die Tasche zu stecken, verwarf den Gedanken aber gleich wieder.
Auf dem Gehsteig, oder dem was davon übrig geblieben war, stieg er als Erstes in eine tiefe, mit Schlamm gefüllte Wasserlacke. Lautstark fluchte er die menschenleere Straße hinab. Noch einige Zeit konnte man das rhythmische Geräusch, das ein mit Wasser gefüllter Schuh macht, verklingen hören. Was Orsini jedoch nicht mehr hören konnte, waren die Schritte eines Mannes, der alles aus einem dunklen Winkel des Innenhofes beobachtet hatte, jetzt auf die Gruppe Obdachloser zuschritt und dem Einbeinigen die Krücken wegdrosch, sodass dieser mit dem Gesicht hart auf dem Boden aufschlug.
Der gestrige Abend hatte seine Spuren hinterlassen. Kraftlos stand er auf, kochte Tee, schlurfte ins Badezimmer und betrachtete sich wie immer kurz und kritisch im Spiegel.
Ärgerlich zupfte er ein sich durchkämpfendes einzelnes graues Haar über dem Ohr aus und schimpfte verhalten. Weniger wegen des kurzen Schmerzes als wegen der Tatsache des unaufhaltsamen Alterns. Ansonsten zufrieden fuhr er sich mit den nassen Händen durchs zerzauste, aber noch immer volle, dunkle Haar und nahm danach einige homöopathische Kügelchen ein, obwohl er diese Art der Therapie wie alle anderen auch grundsätzlich für zwecklos hielt. Eine beginnende Verkühlung ließ sich ohnehin durch nichts und niemanden verhindern. Ärzte, Apotheker und Pharmafirmen sahen das nicht so und schwatzten einem alles auf, was gut und vor allem teuer war. Ein Interessenkonflikt. Allerdings, da er das Fläschchen nun schon besaß, wäre es eine Verschwendung gewesen, es nicht zu verwenden. Immerhin beinhaltete es mehrere Hundert solcher Kügelchen, dachte er und schlurfte zurück in die mit handbemalten Fliesen ausgelegte Küche.
Das „Tsing“ des herausspringenden Toasts war für Orsini das Zeichen, den Tag ernsthaft zu beginnen – die Uhrzeit war dabei eine Variable. Nachdem er die Zeitung überflogen hatte, zog er das Telefon näher an sich heran.
Kein Kontakt mit dem Notar, hatte Sophie Pfeifer beharrlich verlangt. Aber irgendwie musste man an Informationen kommen.
„Kanzlei Dr. Skrovisky und Partner Sie sprechen mit Petra Wagner was kann ich für Sie tun?“ Wie ein einziges auf ihn zudonnerndes Wort überrollte ihn die Ansage.
„Skrov...siky, spreche ich das richtig aus?“
„Nein, Skro-vis-ky,“ wiederholte die junge Stimme am anderen Ende belehrend.
„Entschuldigung, Conrad Orsini, ich rufe an wegen der Erbschaft der Familie Novak.“
„Ich kann und darf Ihnen bezüglich dieser Erbschaft weder telefonisch noch sonst wie Auskunft geben. Da müssen Sie sich direkt an Dr. Skrovisky wenden, er betreut die Familie Novak selbst, ist aber im Moment nicht im Büro“, kam es wie aus der Pistole geschossen und für Orsinis Aufnahmefähigkeit zu dieser frühen Stunde viel zu schnell retour.
Читать дальше