Im einstöckigen Gründerzeithaus auf der gegenüberliegenden Straßenseite befand sich ein Geschäft mit der Aufschrift „Werkzeuge und Waren aller Art“. Daneben eines, das Polier- und Schleifmittel anbot. Verachtet mir die Meister nicht und ehret ihre Kunst, stand auf einem grauen Karton, der an die Scheibe geklebt war. Jemand hatte einen Stein in die Auslage geworfen, das Glas war sternförmig zerborsten und mit schwarzem Klebeband nur behelfsmäßig geflickt. Der Stein lag immer noch da – allein.
Orsini beschloss, den Werkzeugen und Waren aller Art einen Besuch abzustatten. In der bis auf den letzten Quadratzentimeter angefüllten Auslage hatte es Orsini das ihm besonders praktisch erscheinende „Traveller-Set“ bestehend aus Taschenlampe, Rasierer und Ventilator in einem angetan. Gerade als er eintreten wollte, näherte sich eine alte Dame mit einem ebenso betagten Hund und steuerte auf das Geschäft zu. Orsini schätzte sie auf mindestens achtzig. Die Leine hatte sich um das Hinterbein des Tieres gewickelt, deshalb humpelte er auf nur drei Beinen dahin. Direkt vor dem Eingang hielt die Dame also an, entwirrte mit zittrigen Händen umständlich das Lederband und richtete sich mit einem Griff aufs Kreuz ächzend auf.
Die Witwe Bolte mit ihrem Spitz, dachte Orsini, kam ihr rasch zuvor und hielt ihr galant die Tür auf. Drinnen zeigte das daraufhin hell erklingende „Ding Dong“ allerdings keine Wirkung. Der kleine Lautsprecher oberhalb der Eingangstür hatte sich erfolglos abgemüht. Niemand erschien. Und auch nachdem die Tür krachend zugefallen war, regte sich nichts.
„Findet man nicht oft, dass jemand noch solche Manieren hat“, nützte die Witwe Bolte die Warterei und griff sich beinahe kokett an die violettstichig gefärbten Haare.
„Aber das ist doch eine Selbstverständlichkeit,“ entgegnete Orsini, wohl wissend, dass sie recht hatte.
„Nein wirklich, das erlebt man in meinem Alter nicht mehr sehr oft, früher ...“
„Wohnen Sie denn hier?“, fragte Orsini möglichst beiläufig.
„Ja, leider ... in meinem Alter und mit meiner Pension sind keine großen Sprünge mehr möglich. Wenn ich nämlich könnt, wie ich wollt, wär ich ja schon längst weg aus der Gegend! ... Früher hat’s hier ganz anders ausgschaut, müssen S’ wissen.“
„Ahja, wie denn?“, bereute Orsini augenblicklich die Frage und stellte sich auf eine lange Antwort ein.
„Wie ...“, zog sie das Wort in die Länge und hob gleichzeitig die linke Augenbraue. „Na, nicht so heruntergekommen wie jetzt. Das war früher eine ehrenwerte Gegend! Aber jetzt ... verfalln, zugsperrt oder“, ihre Stimme senkte sich zu einem Flüstern „in ausländischer Hand. Schaun Sie sich um, nur mehr herumlungerndes Gsindel und der ganze Dreck! Junger Mann, wissen Sie überhaupt wie man die Gegend früher gnannt hat?“
„Nein.“
„Brillantengrund!“
„Brillantengrund“, wiederholte er und begann gleichzeitig nachzudenken, warum er den Namen kannte.
„Genau, Brillanten- oder Diamantengrund. Aber nicht weil irgendwelche Steine da gfunden worden sind, sondern weil die ansässigen Stoff- und Seidenfabrikanten so reich warn. Ganze Straßenzüge habn denen da ghört. Und von unserm Bezirk aus haben s’ die ganze Monarchie beliefert. Bis in den letzten Winkel.“
„Jetzt gibt’s aber keine mehr“, wandte Orsini ein.
„Nein schon lang nimmer, die Fabriken sind ja schon seit der Jahrhundertwende weg und der letzte größere Handwerksbetrieb, der hat zugsperrt ... warten S’ ... das muss gwesn sein ... na! ... Na wie dieses ... dieses Lied da aufkommen is und die Gegend in Verruf bracht hat.“
„Ja, mein Vater war ein Hausherr und ein Seidenfabrikant ...“, sprach Orsini ihr die ihm bekannte Textzeile vor, um ihr behilflich zu sein. Unwirsch wurde er von der alten Dame, die er nun nach näherer Betrachtung auf zumindest neunzig schätzte, unterbrochen.
„Nicht das, das andre, das mit dem grauslichen Text ... dass mir das nicht einfällt! Herrgottsakra! Vergesslich wird man langsam.“
„Viellei...“, wollte Orsini behilflich sein.
„Nix vielleicht!“, summte sie mit geschlossenen Augen vor sich hin. „Unterbrechn S’ mich net, ich hab’s glei ... die alte ... genau ... das mit der Engelmacherin.“
„Ach so, Sie meinen ,die alte Engelmacherin vom Diamantengrund’ von Bronner und Qualtin...!“
„Haaallo!!“, rief die alte Dame unvermittelt mit empörter Stimme nach hinten ins Geschäft und unterbrach Orsini.
„Das muss so Ende der Fünfziger, Anfang der Sechziger gewesen sein“, fuhr Orsini fort und hatte sofort die eingängige Melodie dazu im Kopf. Textlich kam er zwar nicht über die erste Zeile hinaus, konnte sich aber noch an den makabren Inhalt – illegale Schwangerschaftsabbrüche – erinnern.
„Grauslich, nicht wahr? Auf jeden Fall“, fuhr sie nach einem Seufzer fort, „hat um die Zeit herum der Abstieg begonnen, und ich hoff, es geht nicht noch tiefer. Ich weiß schon gar nicht mehr, wo ich mit meinem Hund hingehen soll. Ist übrigens ein Spitz, ganz a seltene Rasse. Nur mehr am Kinderspielplatz ist es noch einigermaßen sauber und der Oskar braucht einfach seinen täglichen Auslauf.“
Aus den hinteren Räumlichkeiten waren auf einmal Geräusche zu vernehmen. Dann sich nähernde Schritte eines offenbar aus dem Schlaf gerissenen Verkäufers mit einem mürrischen Ausdruck im und einem Abdruck auf dem Gesicht. Er war mittelgroß und etwa Mitte fünfzig. Seine blässliche Gesichtsfarbe und der verschlissene Arbeitsmantel hatten sich über die Jahre offensichtlich dem im Geschäft vorherrschenden Farbton angepasst.
„Grüß Gott, was kann ich für Sie tun?“, fragte er mürrisch. Mit einem für sie wohl zu leisem „Schon wieder!“ wandte er sich der Dame zu.
Während sie nun zu einer langwierigen Erläuterung ihres Anliegens ansetzte, fischte der Verkäufer einen kleinen schwarzen Kamm aus der Brusttasche und fuhr sich langsam durchs strähnige Haar. Es war mit Duftwasser eingelassen, registrierte Orsini und machte einen Schritt zurück. Endlich war die Dame mit ihren Ausführungen zu Ende, was den Verkäufer zu einem hörbar tiefen Ausatmen bewog. Genervt packte er drei Schrauben in einen kleinen Papiersack, verlangte einen in Orsinis Augen völlig überhöhten Preis und überreichte ihn der Kundin mit den Worten: „Bis bald, Gnädigste!“
Mit einem Nicken wandte er sich Orsini zu, der gerade überlegte, welches Werkzeug er kaufen sollte.
„Treue Kundin“, meinte Orsini, nachdem die Witwe Bolte samt Spitz verschwunden war.
„Ja, aber hoffentlich nimmer lang“, bemerkte der Verkäufer trocken, dass es Orsini beinah die Sprache verschlug.
„Ich ... äh ... bräuchte eine ... eine ... Kombizange bitte.“
„Klein, mittel, groß, Billigware oder Qualitätsprodukt,“ kam es monoton zurück.
„Normal günstig halt, aber doch Qualität.“
„Möcht jeder haben, gibt’s aber nicht.“
„Dann eher Qualität, wenn’s nicht zu teuer ist ... und könnt ich sie mal sehen?“
„Kommen S’ mit, der Herr.“
„Sagen Sie, ... wird hier in dieser Straße schon lange so viel gebaut und renoviert?“
„Wieso ... ja, warum wolln S’ das wissen?“
„Na ja, ... weil ich mich für eine Wohnung interessiere“, log Orsini. „Die Preise sind hier wahrscheinlich noch nicht so hoch wie in anderen Gegenden, wissen Sie zufällig, was hier für eine mittelgroße Wohnung verlangt wird?“
„Über Preise kann ich Ihnen nichts sagen, aber dass hier z’viel und z’lang gebaut wird, das kann ich Ihnen schon sagen.“ Ein nervöses Zucken hatte sich seines linken Augenlids bemächtigt.
„Aha.“
„Ja, und da steckt Absicht dahinter. Umso länger baut wird, umso mehr Alteingsessne gehn weg, unfreiwillig. Die Häuser, die da renoviert werdn, ghören doch nur einer Handvoll Firmen, die machn sich die Preise untereinander aus, wenn S’ mich fragen. Die haben ja sowieso schon fast alles an sich grissn. Wie’s uns geht, ist denen doch völlig wurscht. Hauptsach, die Marie im Geldbörsl stimmt“, machte er ein Zeichen mit den Fingern. „Die rote oder die blaue?“
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