„Wie bitte, ... ach so, Sie meinen die Zangen. Ich glaub ich nehm die rote, wenn Sie mir die empfehlen.“
„Würd ich auch nehmen, ist nämlich nicht aus Fernost.“
„Sagen Sie, diese Immobilienfirmen, Immotrade oder Immotreu oder wie heißt die nochmal ...“
„Immotreu ... sind die Ärgsten“, begann der Verkäufer mit erhobener Stimme zu schimpfen. „Die! Die lassn den ganzen Dreck absichtlich liegn! Ich sag Ihna was, ... der Baulärm, der Gstank von die LKWs und der Dreck, des halt niemand länger aus, schon gar net, wenn a Familie Kinder hat! Das gibt ihnen den Rest. Ham ja kan Platz zum Spieln. Und jetzt gibt’s natürlich auch noch Krieg unter die Bewohner.“ Erregt zog er die Augenbrauen eng zusammen und fixierte Orsini, das Lid zuckte dabei immer heftiger.
„Krieg?“
„Klar, Krieg! Auf dem winzign Spielplatz vurn, da trifft sich jetzt alles. Und, wenn ich sag alles, dann mein i alles. Ist außerdem zugschissn von die liebn Hunderl.“ Mit Präzision imitierte er die Witwe und ihren Spitz.
„Das kann ich mir vorstellen“, kam Orsini überraschend doch wieder zu Wort. „Und wird hier auch eingebrochen?“
„Davon könn ma a Lied singn, aber bei uns gibt’s ja net mehr wirklich viel z holn. Macht neunzehn Euro neunzig ... Vor einer Wochn zirka, hat’s sogar an Mord gebn.“
„Einen Mord?“
„Angeblich Raubmord ..., Sie fragn aber ganz schön viel – Sie san doch net etwa von der Presse und horchn mich aus?“
„Nein, nein, ich bin nicht von der Presse, aber wenn ich diese Geschichten von Ihnen so höre, werde ich mir doch eine andere Wohngegend suchen müssen.“ Um den Mann abzulenken, legte Orsini ihm die zwanzig Euro auf den Tresen, sagte: „Wer wurde denn ermordet?“
„Na, der alte Posamentenhändler“, antwortete der Verkäufer in abfälligem Tonfall.
„Wer macht so was?“
„Angeblich obdachloses Gsindl.“
„Warum angeblich?“
„Weil ... na ja, ich will ja nix Schlechtes sagen, aber wenn S’ den Alten kannt hättn und dem seine Familie ...“
„Stimmt schon“, erwiderte Orsini, nahm die Kombizange und fuhr möglichst beiläufig fort, „was ist denn mit der Familie?“
Ein lautes „Ding Dong“ unterbrach jedoch Orsinis Bemühungen, von dem Verkäufer mehr zu erfahren. Die Witwe Bolte hatte dem Anschein nach etwas vergessen. Ohne eine Antwort abzuwarten ergriff Orsini die Flucht.
„Bitte net scho wieder“, hörte er noch die verzweifelte Stimme des Verkäufers.
Abgesehen von weiteren Namen von Baufirmen war die Ausbeute an Informationen nach den beiden nächsten Geschäften gleich null, brachte dafür materielle Gewinne in Form eines Geschirrtuchsets und einer Akkutaschenlampe, deren antiquierte Form ihm sogar gefiel.
Orsini war vor einer ungewöhnlichen steinernen Gruppe angelangt. Die Statue über ihm zeigte nur mehr mit dem Stummel des Zeigefingers in die Höhe. Sie war Teil eines Ensembles: Vater, Mutter, Kinder – ... der Alte und dem seine Familie ..., hallten die Worte des Verkäufers in ihm wider. Eine heile Familie, die nichts anderes zu tun hatte, als um das Erbe zu streiten – zu Stein erstarrte, abbröckelnde Sprachlosigkeit?
Wenig später betrat er ein Spielzeugeisenbahngeschäft direkt in der Zieglergasse. Schon die Auslage ließ jedes – somit auch Orsinis – Bubenherz höher schlagen. Zumindest, wenn man von der verstaubten und mit vergilbten Bildern aus Alpentälern und anderen Gegenden drapierten Auslage absah.
„Guten Tag der Herr, wie kann ich Ihnen behilflich sein?“ Ein älterer Mann mit erstaunlich dichtem grauem Haar saß hinter einem der Tische und hielt eine alte filigrane Dampflok in den Händen, die er sorgsam abstaubte. Mit der entsprechenden Kappe hätte er durchaus als Bahnhofsvorstand durchgehen können.
„Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich hier das Richtige finde ..., ich suche nämlich ein Geschenk ... für ... meinen Neffen“, erwiderte Orsini. „Aber ... können Sie mir zuerst sagen, warum hier alles so verdreckt ist?“
„Darüber ... da will ich am liebsten gar nicht reden, der Zustand ist katastrophal, genauso wie der Geschäftsgang! Hier ist nichts mehr wie früher und sogar einen Mord hatten wir ... und das hier in unsrer Gasse!“
„Wer wurde denn ermordet?“, fragte Orsini, die gespielte Ahnungslosigkeit perfektionierend.
„Man könnt fast sagen mein Nachbar. Liegt nur ein Haus zwischen unsern Geschäften. Der alte Heinrich war noch ein richtiger Herr, konnt keiner Fliege was zuleide tun und wird dann im eignen Geschäft ermordet!“
„Kannten Sie ihn denn?“
„Ja natürlich ..., aber eigentlich nur vom Vorbeigehen und Grüßen. Manchmal haben wir uns beim Friseur gsehn und miteinander gredet. Der Herr Novak war ja sehr eitel für sein Alter und ist sehr oft beim Patschinsky, das ist der Friseur, gwesen. Aus welcher Richtung sind S’ denn zu mir kommen, wenn ich fragen darf?“
„Von der Mariahilfer Straße.“
„Na dann sind S’ ja direkt an seinem Geschäft vorbei kommen. Ist ja noch immer von der Polizei abgsperrt und von der Familie war seitdem auch noch keiner drinn“, bemerkte der Eisenbahnhändler. Vorsichtig drehte er dabei die Lokomotive um und inspizierte nun das Räderwerk.
„Sie meinen das Geschäft mit den vielen Bändern und Knöpfen?“
„Ja, ja ... das Posamentengeschäft ... das hat ihm ghört und dort ist er auch umbracht wordn.“
„Im Geschäft?“
„Ja.“
„Hat die Polizei eigentlich schon jemand festgenommen?“
„Das weiß ich nicht genau, aber wenn S’ mich fragn, kommen sowieso nur diese Drogensüchtigen in Frage. Machn ja schon seit Monaten das Viertel unsicher. Ghörn alle arretiert. Aber die Polizei kümmert sich einfach nicht um unser Grätzel!“ Ärgerlich schmiss der Alte den Putzlappen in eine Holzkiste auf dem Boden.
„Drogensüchtige?“
„Ja natürlich, Drogensüchtige, Obdachlose und arbeitsscheues Gsindl halt, irgendwer von denen wird’s schon gwesen sein!“
„Wieso sind Sie da so sicher?“
„Wieso ich mir da sicher bin, ha! Fragen S’ halt den Patschinsky oder irgendwen andren, die werdn Ihnen das Gleiche sagn.“
„Und diese Süchtigen und Obdachlosen, haben die schon immer hier gewoh ... gehaust?“
„Wo denken S’ hin!? Früher war das eine anständige Gegend, nur ehrbare Leut habn hier gwohnt!“ Die Stimme des Eisenbahnhändlers schraubte sich vor Erregung allmählich in die Höhe, kleine rote Flecken übersäten seinen Hals.
„Aber jetzt scheint es ja wieder bergauf zu gehen, wenn man sich die Bautätigkeit so ansieht ...“
„Ja, aber nur für die, die’s sich leistn können. Wir ... wir habn da nichts davon, außer natürlich den Lärm und den Dreck. Wie die zu baun begonnen haben, hat’s ja erst so richtig angfangen mit den Drogen und den anderen kriminellen Dingen. Außerdem sind da am Bau illegale Arbeiter beschäftigt – davon bin ich überzeugt.“
„Weshalb?“
„Na, weil ich sie jeden Tag seh, und von da sind die bestimmt nicht! Aber der Patschinsky hat da mal was beobachtet, den können S’ ja fragen, sein Geschäft ist ja gleich da drüben, wenn S’ mir nicht glauben!“, steigerte sich der Eisenbahnhändler weiter in eine kurzatmige Rage.
„Natürlich glaube ich Ihnen“, versuchte Orsini ihn zu besänftigen.
„So, bei dem Gerede hab ich ganz vergessn, was Sie eigentlich kaufen wolltn, aber Sie müssen schon verstehn, ein Mord kommt halt nicht alle Tage vor.“
Orsini war klar, dass er der einzige Kunde des heutigen Tages war und brachte es nicht übers Herz, sich von dem alten Mann zu verabschieden, ohne etwas mitzunehmen. „Bitte packen Sie mir die Lokomotive ein, die Sie grade in der Hand haben, die ist wirklich wunderschön und wird meinem ... Neffen sicher gefallen.“
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