(3) Dass die Freude der Auferstehung auch körperlich über die Stränge schlägt, kommt in dem mittelalterlich weit verbreiteten Brauch des risus paschalis , des Ostergelächters, zum Ausdruck (vgl. Jacobelli und Kemper ). Dabei brachte der Prediger zu Ostern in der Kirche mit Gesten und Worten die Anwesenden zum Lachen. Die vielfach anzüglichen Anspielungen sprachen insbesondere sexuelle Phantasien an – bis hin zu Darstellungen pornografischer Art. In der Neuzeit lag darin der Grund, diesen Brauch zu verbieten oder stark einzuschränken. Dagegen konnte ihm Ratzingers Kommentar dazu aus den 1980er Jahren sehr viel mehr abgewinnen: „Zur barocken Liturgie gehörte einst der risus paschalis, das österliche Lachen. Die Osterpredigt musste eine Geschichte enthalten, die zum Lachen reizte, so dass die Kirche von fröhlichem Gelächter widerhallte. Das mag eine etwas oberflächliche und vordergründige Form christlicher Freude sein. Aber ist es nicht eigentlich etwas Schönes oder Angemessenes, dass das Lachen zum liturgischen Symbol geworden war?“ ( Ratzinger , 100). Diese Interpretation folgt weitgehend der scholastischen Unterscheidung des gaudium spirituale (der glückseligen, dem Geistlichen hingegebenen Heiterkeit) von der laetitia saecularis (dem körperlichen, dem Irdischen hingegebenen Lachen). In manchen Osterpredigten wird die Tradition des risus paschalis auf dem Hintergrund dieser Unterscheidung heute wieder aufgegriffen: Ostern macht Spaß.
Im Deutschen gebrauchen wir das Wort „Witz“ in mindestens drei verschiedenen Bedeutungsvarianten: 1) als etwas, das Vergnügen bereitet, lustvoll und unterhaltsam („einen Witz machen“, englisch: joke), 2) als etwas, in dem das Wesentliche zum Ausdruck kommt, spezifisch und pointiert („der Witz einer Sache“, englisch: wit), und 3) als etwas, das eine Wahrheit enthält, die nicht restlos beschreibbar und in Regeln zu fassen ist („ein Witz, den man erklärt, geht verloren“, im Sinn von Wittgenstein). Der Witz ist das, was in allen Beschreibungen unbeschreibbar bleibt und dennoch notwendig ist, um das Beschriebene zu verstehen. Wer den Witz nicht versteht, dem helfen auch keine Regeln. Man kann dieses Verhältnis auf Religion und Glauben übertragen: sie sind mehr als das, was sich in Geschichten, Formeln und Lehren beschreiben lässt. Wer den Witz dessen, was eine Religion oder was den Glauben ausmacht, nicht versteht, kann auch mit deren Geschichten, Formeln und Lehren nichts anfangen.
Auch wenn die Satire bis in ihre derbsten Formen hinein beliebt war, wurde dem Witz bis in die Neuzeit keine eigene Erkenntniskompetenz zugesprochen. Deshalb liegt die Nähe zwischen Religion und Witz, zwischen Glauben und Humor bis heute nicht sofort auf der Hand. Mit der Romantik ( Jean Paul ) änderte sich diese Sicht, und die ästhetischen Formen des Humors gewannen sowohl an heuristischem als auch an epistemologischem Wert. Aus diesem Geist heraus und in Auseinandersetzung mit der antiken Philosophie Platons beschrieb Søren Kierkegaard den Humor als Vorstufe zum Glauben („Religion inkognito“), die den Sprung von der ethischen zur religiösen Ebene ermögliche: „Der Humorist setzt beständig […] die Gottesvorstellung mit anderen zusammen und bringt den Widerspruch heraus – aber er verhält sich nicht selbst in religiöser Leidenschaft […] zu Gott, er verwandelt sich selbst in eine scherzende und doch tiefsinnige Durchgangsstelle für alle diese Umsatzgeschäfte… Der Religiöse tut dasselbe, er setzt die Gottesvorstellung mit allem zusammen und sieht den Widerspruch, aber in seinem Innersten verhält er sich zu Gott…“ ( Kierkegaard , 214f.) Im Sinn der sokratischen Maieutik öffnet demnach der Humor den Blick für eine andere Welt. Er führt uns durch das Widersprüchliche, Ungereimte und Absurde dieser Welt hindurch zu einer anderen Sichtweise. So ist es auch mit dem Glauben. Dieser stürzt – so Kierkegaard – aber nicht in Verzweiflung, sondern weckt Hoffnung daraus: „Credo quia absurdum/Ich glaube, weil es absurd ist“ ( Tertullian ).
Diese Parallelisierung von Religion und Humor lenkt die Aufmerksamkeit auf das Inkongruente, Ambivalente und Fragmentarische, in dem sich ebenfalls Wahrheit offenbart. Die religiöse Form wird mit der komischen Form in Bezug auf diese Erkenntnis- und Wissenslage verglichen. Insofern erklärt sich „ein heimliches Konkurrieren“ ( Luhmann , 47) zwischen diesen beiden Formen. Beide Male geht es um ein Aufeinandertreffen des Verschiedenen beziehungsweise des Gegensätzlichen (zum Beispiel im Motiv der rettenden Angel). Der Humor entfacht sich am überraschend Paradoxen einer Aussage oder Geschichte. Die Theologie greift auf paradoxe Formeln zurück, um im selben Atemzug Greifbarkeit und Entzogenheit ( similitudo und dissimilitudo ) für die Gottesrede festzuhalten: ein Wesen in drei Personen, zwei Wesen in einer Person (vgl. Fresacher 2013). Solche kognitiven Dissonanzen halten den Glaubenssinn wach, ähnlich wie sie den Körper zum Lachen bringen. In beiden Fällen handelt es sich um einen performativen Vorgang der ungewöhnlichen Verschiebung, des Wechsels und der Relativierung der Sichtweise und mit ihr der Realität (vgl. auch Berger ). Insofern überrascht der starke Hang zum Metaphorischen nicht, das sowohl der religiösen Gottesrede als auch der komischen Überzeichnung eine ihrer grundlegenden ästhetischen Formen verleiht.
DER WITZ ALS LOCUS THEOLOGICUS
Der Witz jongliert mit seiner Mehrdeutigkeit (s. die Karikatur). Er lässt sich nicht in eine einzige Bedeutung zwingen. Er zündet im Moment des Verstehens. Es geht also um die Spezifik einer Wahrheit, die einer adäquaten ästhetischen Form bedarf, um sie zu verstehen, und die nicht ohne Verlust in eine andere Form zu übersetzen ist. In diesem Sinn finden Religion und Glauben unter anderem in Humor und Ironie – als locus theologicus – zu ihrer Wahrheit. Zu deren üppigster Fundgrube gehört sicherlich der jüdische Witz, zum Beispiel:
„Joine, du warst doch auf der Jeschiwe. Kannst du mir erklären, was das ist: Talmud?“
„Ich will es dir an einem Beispiel erklären, Schmul. Ich will dir stellen eine talmudische Kasche: Zwei fallen durch den Schlot. Einer verschmiert sich mit Ruß, der andere bleibt sauber…Welcher wird sich waschen?“
„Der Schmutzige natürlich!“
„Falsch! Der Schmutzige sieht den Reinen – also denkt er, er ist auch sauber. Der Reine aber sieht den Beschmierten und denkt, er ist auch beschmiert; also wird er sich waschen. – Ich will dir stellen eine zweite Kasche: Die beiden fallen noch einmal durch den Schlot – wer wird sich waschen?“
„Na, ich weiß jetzt schon: der Saubere.“
„Falsch. Der Saubere hat beim Waschen gemerkt, dass er sauber war; der Schmutzige dagegen hat begriffen, weshalb der Saubere sich gewaschen hat – und also wäscht sich jetzt der Richtige. – Ich stelle dir die dritte Kasche: Die beiden fallen ein drittes Mal durch den Schlot. Wer wird sich waschen?“
„Von jetzt an natürlich immer der Schmutzige.“
„Wieder falsch! Hast du je erlebt, dass zwei Männer durch den gleichen Schlot fallen – und einer ist sauber und der andere schmutzig?! Siehst du: das ist Talmud.“ ( Lachmann , 98f.)
LITERATUR
Berger, Peter L.,Redeeming Laughter. The Comic Dimension of Human Experience, Berlin/New York 1997 (dt.: Erlösendes Lachen. Das Komische in der menschlichen Erfahrung, Berlin/New York 1998).
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