Welches ist nun das zentrale Argument, das Menschen zur Annahme moralischer Regeln bewegt und davon überzeugt? Hier werden die Antworten von Kant vielgestaltig; in der zitierten frühen Vorlesung aber sind sie sehr transparent, weshalb ich darauf zurückgreife. Kant sagt etwa Folgendes: Die Moral »zwingt« einen Menschen nicht äußerlich, nicht – wie er sagt – »pathologisch«, sondern durch innere Motive.
»Moralisch zwinge ich einen durch motiva objektive moventia, durch Beweggründe der Vernunft mit seiner größten Freiheit ohne allen Antrieb.« (S. 40)
Die Ethik formuliert Regeln, die Gehorsam verlangen und insofern als »Befehle« wirken. Doch zu jedem Befehl kann man Nein! sagen; es gibt keinen »pathologischen Zwang«, ihm zu folgen. Gewiss, ein Moralverstoß mag negative Konsequenzen in einem bestimmten sozialen Umfeld haben. Das Prinzip aller Moral beruht aber auf der Zustimmung des Individuums aus vernünftigen Gründen:
»Das oberste Principium aller moralischen Beurteilung liegt im Verstande, und das oberste Principium des moralischen Antriebes, diese Handlung zu tun, liegt im Herzen« (S. 46).
Doch welches Argument bietet man dem Verstand hier an? Kant kehrt das Argument um und fragt: Was ist eine unmoralische Handlung? Und hier antwortet er:
»Das ist also eine unmoralische Handlung, deren Intention sich selbst aufhebt und zerstört, wenn sie zur allgemeinen Regel gemacht wird. Moralisch ist sie aber, wenn die Intention der Handlung mit sich selbst übereinstimmt, wenn sie zur allgemeinen Regel gemacht wird.« (S. 53)
Das ist der Kern dessen, was Kant später in seinen moralphilosophischen Schriften kategorischen Imperativ nennt. Welche Handlungen heben sich auf, wenn sie »zur allgemeinen Regel gemacht werden«, wenn sie also von (fast) allen Menschen befolgt werden? Es sind dies Handlungen, die die menschliche Gesellschaft insgesamt zerstören. Würden alle der Regel »Du sollst töten!« folgen, so wäre die menschliche Gesellschaft rasch verschwunden und hätte sich selbst umgebracht. Dass sie das übrigens im Angesicht von weltweiten Bürgerkriegen und der unvermindert drohenden atomaren Gefahr dennoch tun kann, dass die Menschheit insgesamt sich durchaus auch selber zerstören kann, das ist damit als Möglichkeit nicht ausgeschlossen. Nur moralische Regeln, die also der Erhaltung, der langfristigen Reproduktion der ganzen Menschheit dienen, sind in diesem Sinne vernünftig. Denn unvernünftig ist jede Handlung oder jeder hinführende Gedanke, der letztlich auch die Vernunft selbst (also die Menschen) aufhebt.
Nun werden nur wenige Menschen diesen Gedanken von Kant unmittelbar nachvollziehen. Der kategorische Imperativ ist zwar von Kant durchaus praktisch gemeint, nicht nur als bloße Theorie der Moral:
»Der wirkliche Wert des Kant’schen Prinzips der Universalität ist praktisch, nicht theoretisch; es ist ein Trick, wie wenn man einem ärgerlichen Kind sagt, es soll in den Spiegel blicken.«{48}
Aber das Handeln der Menschen ist vielfach durch Gewohnheiten bestimmt, der Vor- oder Frühform dessen, was in seiner griechischen Herkunft »Ethos« heißt. Das sieht natürlich auch Kant. Es gibt, sagt er, noch so etwas wie »das moralische Gefühl« (S. 54). Menschen haben, durch ihre Kindheit, die Schule, durch ihre Charakterbildung also, d.h. durch die Ausbildung von sozialen Gewohnheiten, auch so etwas wie ein Gefühl für das moralisch Richtige entwickelt. Die Moral steckt in der gesellschaftlichen Tradition. Man folgt ihr einfach, auch wenn man den Sinn bestimmter Regeln nicht durchschaut. Hier sieht Kant durchaus die positive Rolle religiöser Traditionen. Wenn Menschen einer Religion folgen und dadurch moralische Regeln übernehmen, beruht die Begründung für diese Regeln nur auf einem Glauben. Doch damit erfüllen die Religionen zugleich eine durchaus hilfreiche Rolle, indem sie das verwirklichen, was die Kraft der Vernunft nicht in jedem Menschen zu wecken vermag. Kant drückt diesen Gedanken so aus:
»Der Mensch hat nicht solche feine Organisation, durch objektive Gründe bewogen zu werden, es ist keine Feder von Natur, die da könnte aufgezogen werden, solches hervorzubringen. Allein wir können doch einen habitum hervorbringen, der nicht natürlich ist, aber doch die Natur vertritt, der durch die Nachahmung und öftere Ausübung zum habitu wird.« (S. 55)
In eine modernere Sprache übersetzt: Die meisten Menschen lassen sich in ihrem Handeln nicht durch vernünftige Gründe, sondern durch Gewohnheiten (habitum) leiten. Gewohnheiten sind keine natürlichen Ursachen (z.B. bedingt durch die Gehirnstruktur oder das menschliche Genom), keine – wie Kant sagt – »Feder von Natur«. Sie werden durch die Erfahrung ausgebildet und können insofern gesteuert oder verändert werden. Darin liegt die Möglichkeit einer moralischen Erziehung.
Menschen stehen in der Moderne viele Informationen zur Verfügung. Auch wenn die Religionen weiterhin wichtig bleiben, spielen sie in der Ausbildung von kulturellen Gewohnheiten keine zentrale Rolle mehr – wenigstens in Europa. Die moralische Erziehung übernehmen vielfach Medien, die Vorbilder erzeugen und Gewohnheiten durch Moden, durch Nachahmung ausbilden. Dennoch – die bessere Schulbildung der Menschen in der Neuzeit ist dafür prinzipiell ein Garant – bleiben auch die Vielen, die »breite Masse« der Menschen, Argumenten zugänglich. Man muss ihnen diese Argumente allerdings auch anbieten. Argumente setzen Informationen voraus, auch Kenntnisse und Erfahrungen. In einer Gesellschaft, die sich damit schmückt, eine »offene Gesellschaft« zu sein, ist wenigstens prinzipiell der Gedanke verwirklicht, dass Argumente Priorität vor allen Anreizsystemen haben.
Allerdings ist hier kritisch anzumerken, dass dieses Ideal nicht nur weltweit nicht realisiert ist, sondern auch in Demokratien immer mehr unterminiert wird – durch Lobbyismus, politische PR, die an Propaganda erinnert, durch allmächtige Geheimdienste und eine Fülle medialer Lügen. Wer darauf abzielt, die argumentative Ebene bewusst zu umgehen, wer von vorneherein Menschen nur als Anreizobjekte betrachtet, ihnen faktisch also durch sein Handeln Vernunft abspricht, der ignoriert das, was Menschen zu Menschen macht. Was ist der – sehr große – Unterschied zwischen moralischer Erziehung und PR oder Propaganda? Eben das wenigstens prinzipielle Vertrauen auf die Vernünftigkeit aller Menschen. In der moralischen Erziehung werden auch schrittweise Gewohnheiten erzeugt, die zu unbewussten Handlungen führen – man denkt nicht mehr über die Begründung nach, wenn man Menschen hilft, gerecht zu sein usw. Doch diese unbewusst gewordenen moralischen Verhaltensweisen sind jederzeit begründbar und sollten in einer ethischen Schulerziehung auch für jedermann begründet werden. Die PR erzeugt durch die Verknüpfung von Gefühlen und Bildern unbewusste Reaktionsweisen. Die Werbung nutzt diese bedingten Reflexe systematisch aus, neuerdings durch die Hilfe des Neuromarketings. Doch hier werden Verhaltensweisen implementiert, die einem bestimmten privaten Ziel dienen (meist der Gewinnmaximierung). In der Politik dienen PR-Techniken oft gleichfalls den Interessen einer regierenden Elite, in der Gegenwart vielfach der Finanzelite.
Nicht dass im Sinn von Kant moralisches Handeln auch als unbewusst wirkende Gewohnheit anerzogen wird, ist also zu kritisieren. Vielmehr, dass die Methode zur Erzeugung von Gewohnheitsmustern für fremde, nicht moralische Zwecke verwendet wird, ist das Unmoralische daran. Das Kriterium bleibt, dass eine Regel wirklich universalisierbar, also vernünftig zu begründen ist. Das, was durch PR die unbewussten Handlungen formt, ist nur dann »moralisch« zu nennen, wenn die entsprechenden Handlungsweisen langfristig, auf die ganze Menschheit und die umgebende Natur bezogen, nachhaltig umsetzbar sind. Fördert man die Gier der Anleger, die blinde Gehorsamsbereitschaft von Soldaten, ein unkritisches, für soziale und ökologische Nebenwirkungen blindes Konsumstreben durch Kaufanreize – dann sind diese Verhaltensweisen gerade nicht universalisierbar, sind also im strikten Sinn unmoralisch. Sie tragen wenigstens langfristig zur Störung oder gar zur Zerstörung der menschlichen Gesellschaft und der Ökosysteme bei. Kants kategorischer Imperativ ist insofern auch als moralische Übersetzung des Begriffs »Nachhaltigkeit« zu interpretieren.
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