Ein Anknüpfungspunkt, der weit über die theistischen Systeme hinausreicht, ist die Intellekttheorie, die – ausgehend von Aristoteles – von Avicenna, Averroes, Thomas von Aquin, Dietrich von Freiberg, Meister Eckhart und anderen übernommen und ausgebaut worden ist. Diese Theorie besagt, dass jeder Mensch neben seinem gewöhnlichen Denken über einen allgemeinen, also nicht individuierten reinen Intellekt verfügt. Diesen reinen Intellekt schrittweise zu erkennen ermögliche, an die Quelle des Schöpferischen selbst zu gelangen. Diese Lehre bietet exzellente Anknüpfungspunkte für die buddhistische Tradition, in der dieser allgemeine Intellekt als Grundlage aller geistigen Prozesse wahlweise reines Bewusstsein, Achtsamkeit, Buddhanatur, ālaya (Sanskrit) oder rigpa (Tibetisch) genannt wird. Hier ergibt sich eine unmittelbare Diskussionsgrundlage zwischen West und Ost. Und vom reinen Intellekt führt dann ein direkter Weg zu den Ideen der Aufklärung, die diesen Begriff mit »Vernunft« übersetzt haben.
Immanuel Kant hat die Tugendlehre der griechischen und mittelalterlichen Philosophie abgelehnt. Die aristotelische Forderung, die rechte Mitte zu halten, betrachtet Kant als Tautologie.{44} Er betont dagegen die Pflicht als Ziel und Maß des Handelns (deontologische Ethik). Eine Tugend hängt immer ab von dem Ziel, dem sie dient. So begreift er die vier Kardinaltugenden Weisheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung nur als Eigenschaften von Handlungen, nicht als deren Ziel: Die Tapferkeit z.B. kann die Tugend eines Verbrechers wie die eines Arztes in Krisengebieten sein. Kant setzt der Tugend die Pflicht entgegen, wobei die Pflichten vernünftig begründbar sein müssen. Sein kategorischer Imperativ als Norm der Moral nimmt dabei gelegentlich fundamentalistische Züge an. Deshalb lehnt er den aristotelischen Gedanken ab, das Handeln sei eine Mitte zwischen Extremen. So sagt er, dass es zwischen Wahrheit und Lüge keine Mitte gebe. Wenn es die Tugend sei, einer Pflicht zu folgen, so kenne dies kein Maß des Zuviel oder Zuwenig.
»Denn gar zu tugendhaft, d.i. seiner Pflicht gar zu anhänglich, zu sein, würde ungefähr so viel sagen als: einen Circel gar zu rund, oder eine gerade Linie gar zu gerade machen.«{45}
Doch Handlungen sind keine Objekte wie mathematische Gegenstände. Der Begriff »Mitte« hat in der Moral nur die Bedeutung, Extreme beim Handeln zu vermeiden. Kants Kritik an Aristoteles ist hier ein Kategorienfehler: Aussagen über Handlungen haben immer einen situativen, d.h. einer Auslegung bedürftigen Charakter. In der Geometrie ist das anders: Ein Kreis befindet sich nicht in einer Situation. Es gibt hier kein Maß wie »zu rund«, auch wenn es beim Zeichnen als Handlung durchaus solch ein Maß an Genauigkeit gibt. Beim Handeln gibt es also immer ein Maß, z.B. ein Übermaß an Mut, das in Leichtsinn umschlägt. Wo genau der Übergang liegt, das zu erkennen bedarf einer Handlungsklugheit, die kein mathematischer Verstand ist. Es ist also nicht sinnlos, wie Kant meint, beim Handeln eine Mitte einzuhalten, einem mittleren Weg zu folgen. Es ist sogar unerlässlich. Aristoteles und der Buddha sagen hier genau dasselbe.
Doch Kant hat nicht immer zur Ableitung seiner Ethik einen Rigorismus der Pflichterfüllung vertreten. Er teilt durchaus die Auffassung des Aristoteles, dass die moralische Formung (Begrenzung) irrationaler Leidenschaften letztlich durch die Vernunft bestimmt wird. Und es ist dieser Gedanke, der die Kant’sche Ethik für jede Diskussion über moralische Fragen unverzichtbar macht. Die These, dass moralische Regeln vernünftig eingesehen werden können, dass sie aber nur aus Freiheit angenommen und eingehalten werden, wurde von Kant in mehreren Anläufen seines Systems ausführlich diskutiert. Kant betrachtet den Menschen als ein Doppelwesen. Er steht hier in der Tradition von René Descartes. Descartes hat postuliert, dass die Welt gleichsam aus zwei völlig unterschiedlichen Formen oder Seinsweisen besteht: Eine Welt der äußeren Körper (res extensa) und eine Welt der Subjektivität, des Geistes, deren Haupteigenschaft ihre Erkenntnisfähigkeit ist (res cogitans). Die Welt der Körper ist völlig kausal determiniert. Die Welt des Geistes wird durch vernünftige Erkenntnis bestimmt. Kant sagt nun in dieser Tradition, dass der Mensch als Körper den Gesetzen der Mechanik, der Kausalität unterworfen ist. Hier erscheinen menschliche Handlungen durch Naturgesetze bestimmt. Doch von innen erscheint dies dem Bewusstsein völlig anders, nämlich als Freiheit im Handeln. Körper und Geist stehen zueinander aber nicht in einer kausalen Beziehung; die Kausalität gilt nur für die Welt der Körper.{46} Wenn wir vom Menschen, von der Moral sprechen, können wir uns nur auf die Vernunft und die Freiheit beziehen. Niemand kann die Bedeutung einer Entscheidung, z.B. die, Nein! zu sagen oder eine völlig neue Idee zu besitzen, kausal aus der körperlichen Verfassung eines Menschen äußerlich ableiten. Wir können also nicht Handlungen mechanisch erklären. Das ist übrigens eine Einsicht, die in den modernen Neurowissenschaften wieder verloren gegangen ist.
Wie kommen wir nun rein aus dem Geist der Freiheit zu einer vernünftigen Erkenntnis von Moralregeln und ihrer Geltung? Kant hat darauf in verschiedenen Lebensphasen verschiedene, teils leicht differierende Antworten gegeben, auf die ich hier nicht näher eingehen kann. Ich greife für das Verständnis eine frühe Form seiner Moralphilosophie auf, die noch nicht durch den Rigorismus seiner späteren Schriften gekennzeichnet ist – die frühe »Vorlesung über Ethik«{47}. Zunächst stellt Kant hier die einfache Regel auf:
Man muss »den Menschen kennen, ob er auch das tun kann, was man von ihm fordert.« (S. 12)
Moral kann also nur verlangen, was ein Mensch auch tatsächlich kann. Freilich ergibt sich bereits hier eine Schwierigkeit: Denn gerade Ökonomen neigen dazu zu sagen, dass der Mensch in seinem Wesen eben egoistisch geformt sei, weshalb es unsinnig sei, von ihm ein weiter gehendes moralisches, soziales oder ökologisches Verhalten zu fordern. Man müsse den Menschen deshalb von außen – wie ein Versuchstier – durch »Anreize« steuern. Wenn man diese sehr weit verbreitete Vorstellung hegt, so ist für eine wirkliche Ethik der Wirtschaft kein Platz. Da jede Moral auf einer letztlich in der menschlichen Freiheit gründenden Entscheidung beruht, kann man jemand, der solche – in meinen Augen inhumane – Überzeugungen hegt, nicht einfach eines Besseren belehren. Letztlich erweist sich aber der Gedanke, dass Menschen einer moralischen Erziehung nicht zugänglich seien, auch nur als eine andere moralische Überzeugung. Die Versuche, auf dieser Grundlage tatsächliches Handeln der Menschen zu erklären und zu prognostizieren, haben sich schlicht als Irrtum erwiesen.
Wo liegt hier der Fehler? Der Versuch, das Handeln der Menschen durch kausale Faktoren (wie Gehirn, Genom, Umweltreize usw.) zu erklären, verkennt die von Kant gewonnene Einsicht, dass es zwischen der Kausalität des Körpers – die es zweifellos gibt – und der moralischen Begründung eben keine kausale Beziehung geben kann. Die Freiheit der Entscheidung ist auf keine erfahrbare Weise determiniert – sonst wäre es ja gar keine Freiheit; wie immer man dies in einer reinen Außenperspektive auch deuten mag. Aber diese Freiheit der Vernunft kann durch Argumente selbst dazu gelangen, moralischen Regeln zuzustimmen. Hier kommt Kants Ethik ins Spiel. In der ihm eigentümlichen Sprache betont er die Unauflösbarkeit der menschlichen Freiheit:
»Die menschliche Willkür ist ein arbitrium liberum, indem sie nicht per Stimulus necessitiert wird.« (S. 38)
Das heißt, freie Entscheidungen sind ebenfrei, nicht durch »äußeren Stimulus« gesteuert. Der Mensch ist kein homo oeconomicus, kein bloßes Versuchstier, sondern vernünftigen Argumenten zugänglich – das ist der zentrale Gedanke Kants (wie schon 2400 Jahre zuvor der Gedanke der Kālāmer-Rede).
Читать дальше