Wenn wir noch einen Schritt weitergehen, findet die sogenannte Internalisierung von Normen statt. Davon spricht man, wenn sich jemand entsprechend einer Norm verhält, ohne dabei überhaupt noch an die Sanktionen oder Folgen der jeweiligen Norm zu denken. Wir spielen einfach das Verhalten ab, das wir seit jeher gelernt und von unseren Mitmenschen kopiert haben, ohne dies jemals infrage zu stellen. Wie ein automatisches Programm oder ein Autopilot, der uns durch das Leben lenkt. Damit erleichtern wir uns zwar den Alltag und ecken vermutlich bei anderen weniger an, gleichzeitig verlieren wir aber auch die Fähigkeit, einmal kritisch auf bestimmte Entwicklungen zu blicken. Dieses bequeme Verhalten beschneidet unsere Möglichkeit, den eigenen Lebensstil zu hinterfragen oder mutig einen neuen Weg einzuschlagen. Einen Weg, der vielleicht viel authentischer wäre und sich auch in unserem tiefen Inneren stimmig anfühlen würde.
Soziale Normen und wie sie auf uns wirken
Du kannst dir sicher bereits vorstellen, dass die sozialen Normen auch für die Nachhaltigkeit von beachtlicher Bedeutung sind. Beginnen wir unseren Diskurs dazu am besten in einer Umgebung, die wie kaum eine andere bekannt ist für ihre sozialen Regeln und Normen: in der Nachbarschaft.
In einer Studie zum Thema Umwelt und Energie zeigte sich, dass der Vergleich mit der umliegenden Nachbarschaft einer der größten Motivationsfaktoren war, den Energieverbrauch im eigenen Haushalt zu reduzieren. 52Wenn die Menschen Informationen darüber bekamen, wie gut oder wie schlecht sie im Vergleich zu den anderen Haushalten in Sachen Energieverbrauch abschnitten, spornte sie das stark an, noch mehr Energie zu sparen. Erhielten die Leute hingegen nur Informationen darüber, wie viel Energie in kWh oder wie viel Geld sie selbst eingespart hatten, so fiel die Einsparung deutlich geringer aus.
Ähnliche Ergebnisse lieferte ein anderes Experiment zum Thema Herdenverhalten und Nachhaltigkeit. Dabei wurde untersucht, mit welchen Botschaften Hotelgäste wohl eher umweltfreundlich agieren würden. 53Es zeigte sich, dass zum Beispiel ein Schild mit der Aufschrift »Die Mehrheit der Gäste verwendet ihre Handtücher wieder« effektiver war als der klassische Appell, man möge seine Handtücher bitte öfters verwenden. Am besten jedoch schnitten jene Botschaften ab, die das Gruppenverhalten der unmittelbaren und situativen Umstände miteinbezogen, wie etwa: »Die Mehrheit der Gäste in diesem Raum hat ihre Handtücher wiederverwendet.«
Nicht nur im privaten Bereich eines Hotelzimmers, auch im öffentlichen Raum lässt sich dieses Verhalten nachweisen. So zeigte sich, dass auf öffentlichen Plätzen, 54wo schon viel Müll herumlag, die Menschen eher noch mehr Müll dazu schmissen als auf sauberen Plätzen. Die Stimme im Kopf sagt uns in solchen Fällen offenbar, dass es entsprechend der sozialen Norm wohl in Ordnung sei, seinen Dreck hier wegzuwerfen, da es die anderen ja ebenfalls tun. Umgekehrt bedeutet ein sauber gehaltener Platz, dass nichts weggeworfen werden darf, da die Leute hier ordentlich sind. Viktor Frankl scheint also recht zu behalten mit seiner These, dass Werte und Normen am besten vorgelebt werden sollten.
Der Mensch und sein Verhalten als Herdentier sind mittlerweile sehr gut erforscht. Und wenn man sich aus dieser Forschung eine Sache merken möchte, dann die, dass wir die Konformität offenbar lieben, ob wir wollen oder nicht. Es sind neben unseren Eltern und prägenden Lebensereignissen vor allem die sozialen Normen, die einen zentralen Einflussfaktor auf unser Verhalten darstellen. Dies kann sowohl positiv als auch negativ genutzt werden.
Den positiven Aspekt finden wir dann, wenn die jeweilige Norm sozial oder umweltfreundlich orientiert ist und man sich deshalb daran anpassen möchte. Ein Versuch: Häng doch an deinem Arbeitsplatz einfach mal einen Zettel auf den Kopierer mit der Aufschrift: »Zwei von drei Kollegen arbeiten papierlos.« Es sei dir versichert, dass du mit der Macht sozialer Normen eine Änderung im Papierverbrauch beobachten wirst.
Einen weiteren positiven Aspekt der Konformität kann man erleben, wenn man sich gewissen Gruppen zugehörig fühlt und dadurch eine kollektive Überzeugung der eigenen Wirksamkeit generiert. Man identifiziert sich sozusagen mit den normativen Vorstellungen einer Gruppe, und diese Normen werden dann in bestimmte Verhaltensweisen übersetzt. Denken wir nur an die Umweltschutzbewegung »Extinction Rebellion«, »Fridays For Future« oder an »Black Lives Matter«. Ihnen allen liegt eine gewisse soziale Norm zugrunde, die die Gruppenmitglieder kennen und an die sie sich im Sinne einer positiven Zukunft auch zu halten versuchen.
Auf der anderen Seite können tief sitzende und vom Mainstream bisweilen hochgehaltene Normen und Standards aber auch einen negativen Einfluss auf unser Verhalten ausüben. So hat man etwa festgestellt, dass junge Mädchen auf den Fidschi-Inseln drei Jahre nach Einführung des Fernsehens begonnen haben, sich stärker mit ihrem körperlichen Erscheinungsbild zu beschäftigen und sich mehr mit anderen zu vergleichen. 55Darüber hinaus hat sich gezeigt, dass auch die Essstörungen dieser Gruppe dramatisch zunahmen.
Ebenso interessant ist der Einfluss sozialer Normen in Bereichen des Studiums. Wie in Ausbildungen generell der Fall, hat auch jede Studienrichtung ihre eigenen Normen und Regeln. So wird es Untersuchungen zufolge Jura-Studierenden in den USA während des Studiums förmlich abtrainiert, sich um andere zu sorgen oder für das Gemeinwohl einzustehen. 56Im Gegenzug dazu werden extrinsische Werte aktiviert und das eigene Aussehen nimmt an Bedeutung zu. Weiters deuten die Studienautoren darauf hin, dass die vielen berufsbezogenen Probleme – von Depressionen über exzessiven Konsum bis hin zum Mangel an ethisch-moralischem Verhalten – womöglich mit dem Ablauf des Rechtsstudiums selbst zu begründen sind.
Was bedeuten diese Beispiele nun für die Macht sozialer Normen in Bezug auf unsere Gesellschaft? Betrachten wir doch nur ein paar der gängigen Beschreibungen unserer westlichen Welt, wie Leistungsgesellschaft, Konsumgesellschaft, Überfluss-, Wegwerf- oder Wohlstandsgesellschaft. Welche sozialen Normen kommen darin zum Ausdruck? Welche Werte sind uns als Bevölkerung dadurch wohl wichtig? Was macht solch eine gesellschaftliche Ausrichtung mit uns als Individuen? Und was denkst du, ist das Ergebnis von all dem, was wir bisher zum Thema Werte und Normen gehört haben?
In einer konsumorientierten Welt wie der unsrigen scheint es die Norm zu sein, die Quelle des Glücks und den Sinn des Lebens in äußeren und materiellen Dingen zu suchen. Das würde so natürlich kaum jemand zugeben. Wenn wir in unseren Firmenseminaren die Leute fragen, was ihnen im Leben wirklich wichtig sei, so kommen »Familie«, »Freunde« und »Gesundheit« als häufigste Antworten. Doch sehen wir uns diese Antworten etwas genauer an. Bedenken wir einfach mal, dass trotz rückläufiger Zahlen ein Viertel aller unselbstständig Beschäftigten mit Vollzeitjob im Schnitt auf mehr als acht Überstunden pro Woche kommt. 57Oder dass freie Dienstnehmer im Mittel mehr als 45 Stunden pro Woche arbeiten und sich gleichzeitig die Mehrheit der in Teilzeit Beschäftigten eine Aufstockung ihrer Stunden wünscht. e
Wenn wir dann noch hinzunehmen, dass wir jede Woche durchschnittlich acht bis zehn Stunden in Verkehrsmitteln verbringen, so stellt sich die Frage, wann denn bitte Zeit ist für die scheinbar so wichtigen Werte wie Familie oder Freunde. 58Weiterhin sei zum wiederholten Male gesagt, dass sich eine dauerhafte Überforderung in der Arbeit auch nicht mit dem Wert Gesundheit vereinbaren lässt. Belügen wir uns also selbst, wenn wir Familie, Freunde und Gesundheit als hohe Werte nennen? Nicht unbedingt. Doch unsere sozialen Normen wollen uns glauben machen, dass man seiner Familie etwas bieten muss, um geliebt zu werden, dass unsere Freunde unseren Status schätzen und dass unser Körper auch mit 50 noch so aussehen sollte, als hätten wir im Jungbrunnen gebadet. So rackern sich viele von uns Tag für Tag ab, für materielle Güter, Aussehen und Dienstleistungen. Und übersehen dabei, dass anstelle von »Familie, Freunde und Gesundheit« die Werte »Leistung und Status« das Steuer übernommen haben. Sie definieren ihr »gutes Leben« dann gern über ihren Besitz anstatt etwa darüber, wie sie sich fühlen oder wie sehr sie sich selbst verwirklichen können. Je mehr man hat, desto wertvoller ist man. Je mehr man leistet, desto mehr Anerkennung verdient man. Das sind nur ein paar unserer kollektiven Glaubenssätze. Erfolg wird noch immer im Außen gemessen, und so sind es vor allem die materiellen Güter, die den Grad des Erfolgs anzeigen sollen. Jede geschickte Werbekampagne greift auf diese sozialen Normen zurück und versucht uns einzureden: Sei jung! Sei schön! Sei erfolgreich!
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