Andere Studien wiederum untersuchten den Einfluss von extrinsischen und intrinsischen Werten auf das individuelle Verhalten. Zur Erklärung: Als intrinsisch werden jene Werte bezeichnet, welche die angeborenen, psychologischen Bedürfnisse direkt befriedigen und eher nicht von materieller Natur sind, während extrinsische Werte kompensatorisch eingesetzt werden, meist mit materiellen Gütern in Verbindung stehen und nicht per se befriedigend wirken. 49
Beispiele für intrinsische Werte sind etwa persönliches Wachstum, emotionale Beziehungen oder das Gemeinschaftsgefühl. Extrinsische Werte gehen in Richtung Image, Status oder finanzieller Erfolg. Sieht man sich die Studienergebnisse an, so zeigen diese quer durch die Bank, dass intrinsische Wertorientierungen nicht nur mit höherem Wohlbefinden, sondern auch mit einer höheren sozialen und ökologischen Verantwortung gekoppelt sind, während sich Menschen mit extrinsischen Werthaltungen weniger umweltfreundlich verhalten.
So stellte man etwa bei einer Untersuchung mit knapp tausend Universitätsstudenten aus sechs Nationen fest, dass Studierende mit hohen Werten bezüglich Macht und Leistung andere Menschen eher als Konsumenten und nicht als Teil der Natur betrachteten. 50Diese Studierenden hatten auch viel weniger Sorgen angesichts der Tatsache, dass sich Umweltschäden negativ auf Mitmenschen, Kinder, künftige Generationen oder nicht-menschliches Leben auswirken.
Natürlich lassen sich solche Effekte nicht nur individuell, sondern auch auf der Ebene ganzer Nationen beobachten. So fand im Jahr 2011 eine Untersuchung statt, wie sich unsere kulturellen Werte auf das Wohlbefinden künftiger Generationen auswirken. 51Bei den zwanzig reichsten Nationen unseres Planeten wurde etwa festgestellt, dass jene Länder, die Harmonie und Miteinander als gesellschaftliche Werte verfolgten, pro Kopf weniger CO 2emittierten als Länder, die Wohlstand, Leistung und Status eine höhere Priorität einräumten. Die Harmonie-orientierten Länder wiesen auch ein größeres Wohlbefinden bei den Kindern auf, die nationalen Gesetze zum Mutterschaftsurlaub waren großzügiger gestaltet und es gab weniger an Kinder gerichtete Werbung. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen!
Zusammenfassend ist es aus Sicht der Forschung also unbestritten, dass es gewisse Werte gibt, die ein sozial- und umweltrelevantes Verhalten stärker begünstigen, als andere Werte dies tun. Deshalb ist es auch so wichtig, die innere Dimension der Werte in all den Debatten rund um die Nachhaltigkeit genauso zu berücksichtigen wie soziale, ökologische, ökonomische oder technische Fragestellungen.
Übung – Ich und meine Werte
Was genau sind deine persönlichen Werte? Um sich dessen besser bewusst zu werden, markiere in der folgenden Liste doch bitte 10 Werte, die dir relevant erscheinen. Im Anschluss vergleiche sie nochmals und entscheide dich für eine Endauswahl deiner 5 wichtigsten Kernwerte.
Achtsamkeit |
Resilienz |
Autonomie |
Dankbarkeit |
Selbstreflexion |
Mitgefühl |
Großzügigkeit |
Selbstwirksamkeit |
Gerechtigkeit |
Mäßigung |
Leistung |
Gemeinschaft |
Nächstenliebe |
Gesundheit |
Offenheit |
Optimismus |
Weisheit |
Rationalismus |
Verantwortung |
Zivilcourage |
Nachhaltigkeit |
Vertrauen |
Sicherheit |
Kooperation |
Wissbegierde |
Konformität |
Tapferkeit |
Genuss |
Natur |
Selbstbestimmung |
Tradition |
Macht |
Toleranz |
Konkurrenz |
Humor |
Erfolg |
Kreativität |
Familie |
Respekt |
Freiheit |
Spiritualität |
|
Nun stell dir bitte die Frage, wie du deine wichtigsten Werte in den zwei unten genannten Lebensbereichen beachtest/umsetzt. Bewerte die einzelnen Kategorien mit Noten: 5 = beachte ich immer; 1 = beachte ich nie.
WERT |
PRIVAT |
BERUFLICH |
a. |
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|
b. |
|
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c. |
|
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d. |
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e. |
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Abschließend noch einige Fragen bzw. Gedankenanstöße:
1 Gibt es dir wichtige Werte, die du eher im Berufsleben lebst, und andere, die dir privat oder in der Beziehung wichtiger sind? Wenn ja, was könnte dies für Auswirkungen haben?
2 Bist du auf Werte aufmerksam geworden, die miteinander in Konflikt stehen?
3 Hast du in der oberen Liste einen Wert entdeckt, den du gern noch mehr kultivieren würdest?
4 Könnten manche deiner Werte eine nachhaltige Entwicklung behindern? Wie oder in welchen Situationen?
cDas Wort ist ein Zungenbrecher :-), es beschreibt eine Art Gewinn- und Verlustrechnung in Bezug auf die eigenen Bedürfnisse.
dMenschen mit biosphärischen Werten sind der Ansicht, dass die Natur geschützt gehört.
3.2 Der Mensch, ein Herdentier
Werte haben nicht nur Einfluss auf das Verhalten des Einzelnen, sondern bilden auch eine sinnstiftende Legitimationsgrundlage für die sozialen Normen und damit für ein geregeltes gesellschaftliches Zusammenleben an sich. Soziale Normen sind wie Standards, Leitlinien oder Grundsätze, nach denen eine Gesellschaft oder eine Gruppe von Menschen ihr Zusammenleben ausrichtet. Sie definieren, was die Gesellschaft von uns erwartet. Sie sind die ungeschriebenen Regeln, an die wir uns halten, weil wir dazugehören wollen. Soziale Normen sagen aus, wie erwünscht ein bestimmtes Verhalten ist und welche Meinung eine relevante soziale Gruppe über dieses Verhalten hat.
Dieser Normierungsprozess beginnt schon im Kindesalter, wo uns relevante Werte und Normen über »Sozialisierungsinstanzen« wie etwa die Eltern, die Schule oder die Medien vermittelt werden. So erlernen wir bereits in jungen Jahren, dass man Bitte sagen soll, wenn man etwas möchte. Erhält man, was man will, so soll man dies mit einem Danke abgelten – so gehört sich das nun mal. Bitte und Danke zählen zu den ersten sozialen Normen, die wir hierzulande aufschnappen.
Im Lauf unserer Entwicklung übernehmen und verinnerlichen wir die gesellschaftlichen Standards immer weiter und machen sie zu einem Bestandteil der eigenen Persönlichkeit. Je älter wir werden, desto höher wird die Anzahl an Normen, und als heranwachsende Menschen passen sich die meisten von uns immer mehr der Gesellschaft und ihren Regeln an. Im Erwachsenenalter wird dann schließlich von uns erwartet, dass wir die geltenden Normen kennen und auch beachten, sodass wir in der Öffentlichkeit nicht »unangenehm« auffallen. Mit Ausnahme kleiner Abweichungen sollen wir also den geltenden Standards entsprechen und mit dem Zeitgeist und seinen Normen mitschwimmen. Wie sagte es Albert Einstein einst so schön: »Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde zu sein, muss man vor allem ein Schaf sein.«
Soziale Normen sind allgegenwärtig und wirken tief in uns. Wenn sie darüber hinaus durch soziale Kontrolle und Sanktionen wie Bestrafung oder Belohnung abgesichert sind, werden diese Normen und die dahinterliegenden, gesellschaftlichen Werthaltungen schnell zu einem Orientierungsrahmen für das eigene Verhalten. Denn wir wollen nicht aus der Reihe tanzen und schon gar nicht verurteilt oder ausgegrenzt werden! Stattdessen wollen wir anerkannt und geliebt werden und einfach nur dazugehören – weshalb wir uns mit der Zeit immer stärker an all die Normen der uns umgebenden Gesellschaft anpassen. Selbst wenn uns das nicht gefallen mag, macht uns genau das zu jenen Herdentieren, die wir eigentlich niemals sein wollten.
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