Auch in der Nachhaltigkeit ist der Jo-Jo-Effekt wohlbekannt. So hat man etwa festgestellt, dass manche Menschen umweltschädlicher handeln, nachdem sie sich zuvor einmal kurzfristig nachhaltig verhalten haben. 36Den Klassiker kennen wohl die meisten von uns: Man verzichtet ab und zu auf das Auto und benutzt die öffentlichen Verkehrsmittel, um damit den redlich verdienten Langstreckenflug in den Urlaub rechtfertigen zu können. Ein anderes Beispiel wäre, sich ein benzinsparendes Auto zu kaufen, das man aber dann umso häufiger nutzt, weil es ja so wahnsinnig benzinsparend ist.
Mit Alibi- und Jo-Jo-Aktionen waschen wir also unser Gewissen rein, was aber im Endeffekt durch ein anderes, viel schädlicheres Verhalten wieder wettgemacht wird.
Die sieben Drachen der Untätigkeit
Es gibt noch viele Dutzend weitere Strategien, die wir im Lauf der Zeit entwickelt haben, um in alten Mustern bleiben zu können und uns im Sinne der Zukunftsfähigkeit nicht verändern zu müssen. Ja, wir sind mittlerweile richtig kreativ geworden, was diese Strategien anbelangt.
Der kanadische Umweltpsychologe Robert Gifford hat im Jahr 2011 die unterschiedlichsten Gründe zusammengefasst, warum es vielen so schwerfällt, sich aktiv für Nachhaltigkeit und Naturschutz einzusetzen. In einer Publikation im »American Psychologist« hat er diese psychologischen Hürden als »Die sieben Drachen der Untätigkeit« benannt. 37Vieles davon lässt sich wunderbar auf den inneren Schweinehund umlegen, den wir zuvor beschrieben haben. Manch andere Punkte und viele weitere »Drachen« werden wir dann an späterer Stelle noch mal im Detail aufgreifen. Daher seien hier die »sieben Drachen« nur in aller Kürze benannt: 38
Begrenztes Denkvermögen: Fehleinschätzungen und unangebrachter Optimismus hinsichtlich der ökologischen Probleme.
Ideologien: Bestehende Weltanschauungen wollen nicht infrage gestellt werden.
Vergleiche mit anderen: Sich zu sehr an den Meinungen anderer und den gängigen sozialen Normen orientieren.
Unumkehrbare Kosten: Einmal getroffene Investitionen lassen sich so schnell nicht mehr rückgängig machen.
Missbilligung: Mangelndes Vertrauen und Verleumdung wissenschaftlicher Ergebnisse.
Wahrgenommenes Risiko: Das finanzielle oder soziale Risiko des Handelns und der Konsequenzen erscheint zu groß.
Begrenztes Handeln: Einfache Verhaltensveränderungen werden durchgeführt, schwierigere nicht.
Wie können wir nun unseren inneren Schweinhund oder diese gefährlich anmutenden »Drachen der Untätigkeit« überwinden? Wie schaffen wir es, diesen Strategien nicht auf den Leim zu gehen, sondern konsequent an den Zielen und Lösungen für eine nachhaltige Zukunft zu arbeiten?
Um die Frage zu beantworten, müssen wir zuerst verstehen, dass all diese psychologischen Barrieren nicht ohne Grund existieren und dass sie mit noch viel tieferen Mechanismen in Zusammenhang stehen. Mechanismen, deren wir uns in der Regel nicht bewusst sind und die wir somit kaum betrachten.
An so manchen Gewohnheiten halten wir womöglich deshalb fest, weil tief in unserem Inneren die Angst vor Veränderung schlummert. Weil wir uns mit dieser Angst aber nicht konfrontieren wollen, bleiben wir lieber in unseren gewohnten Bahnen und halten unsere Muster und Automatismen aufrecht.
Auch bestimmte Werte oder Weltbilder können unsere Entwicklung und Motivation negativ beeinträchtigen. Wir müssen also erst einmal verstehen, dass der innere Schweinehund nur die Spitze des Eisbergs ist – Gefühle, Werte und unsere zugrunde liegenden Annahmen über die Welt befinden sich auf den tieferen Ebenen darunter. Diese Ebenen werden wir später ausführlich betrachten. Erst mal wollen wir dir eine Übersicht geben, welche inneren Verhinderer es auf dem Weg in eine nachhaltige Zukunft gibt und was die »innere Dimension« der Nachhaltigkeit für uns Autoren bedeutet.
2.3 Die innere Dimension der Nachhaltigkeit
Wir freuen uns riesig, dir unser Eisbergmodell der inneren Ebenen zu präsentieren, die den Weg in eine zukunftsfähige Welt aus unserer Sicht entscheidend beeinflussen und daher in den Nachhaltigkeitsdiskurs integriert werden sollten.
Unser Modell unterscheidet grundsätzlich vier Ebenen: die Verhaltensebene, die Werteebene, die Gefühlsebene und die spirituelle Ebene. Auf jeder dieser Ebenen sind bestimmte »innere Verhinderer« angesiedelt, die in jedem Individuum vorhanden sind, aber je nach Konditionierung, Lebenserfahrung, seelischer Reife etc. unterschiedlich stark ausgeprägt sein können. Gleichzeitig birgt jede dieser Ebenen einen Schatz, einen zentralen Schlüssel, der uns die Tore in ein zukunftsfähiges 21. Jahrhundert öffnen kann.
Abb. 2:Eisbergmodell: Die innere Dimension der Nachhaltigkeit
Die Metapher des Eisbergs deutet an, dass nur ein kleiner Teil über der Oberfläche sichtbar ist, während der weitaus größere Teil unsichtbar unter der Oberfläche schlummert, aber deshalb nicht weniger real oder hinderlich ist. Du erinnerst dich sicher: Die Wächter auf der Titanic haben den »winzigen« Eisberg anfangs auch nicht wahrgenommen oder als gefährlich erachtet. Der massive Koloss darunter war es jedoch, der schließlich das Schiff zum Sinken brachte.
Diese Sichtbarkeit bzw. Unsichtbarkeit von inneren Mechanismen ist auch mit unterschiedlichen Maßen an Bewusstheit verbunden.
So ist man sich in der Regel des eigenen Verhaltens bewusst beziehungsweise kann es mit nur wenigen Fragen relativ leicht ins Bewusstsein geholt, erinnert, reflektiert und sichtbar gemacht werden. Wir haben im Kapitel über den inneren Schweinehund ja schon darüber berichtet.
Weniger bewusst hingegen sind die Werte und Einstellungen, die unserem Verhalten zugrunde liegen und im Eisbergmodell bereits unter der Oberfläche angeordnet sind. Werte sind wie Orientierungsleitfäden, die uns sagen, was in der Gesellschaft oder in einem bestimmten sozialen Umfeld als erstrebenswert gilt und was nicht. Nicht jede Person hat ihre eigene Wertelandkarte explizit verfügbar oder bewusst abrufbar, daher bedarf es hier bereits tiefergehender Reflexionsarbeit, um die eigenen, handlungsrelevanten Werte und Wertekonflikte zu identifizieren.
Noch unbewusster ist uns die Ebene unserer Gefühle und des eigenen Schattens. Der Schatten umfasst nach dem Schweizer Psychiater C. G. Jung alle Persönlichkeitsanteile, die verdrängt oder verleugnet wurden, weil sie einem bestimmten Selbstbild von uns entgegenstehen, uns unliebsam erscheinen oder sozial unerwünscht sind. 39Auf dieser Ebene inbegriffen sind auch alle Gefühle wie Ängste, Trauer oder Wut und all unsere negativen Glaubenssätze (»Ich bin wertlos«, »Ich bin nicht gut genug« etc.), die wir nicht haben wollen und daher in unser Unterbewusstsein verfrachtet haben.
Wenn wir nun beginnen, auf persönlicher Ebene »Schattenarbeit« zu leisten, werden wir lernen, unsere eigenen Wunden und Glaubenssätze zu transformieren, und setzen so ein tiefgreifendes Heilungspotenzial für uns und den Planeten frei. Du wirst noch staunen, wenn wir dir im dritten Teil unseres Buchs die Wirkung des tiefenpsychologischen Schattens auf die Nachhaltigkeit vor Augen führen.
Zu guter Letzt treffen wir am Urgrund des Eisbergmodells auf die spirituelle Ebene, die sich mit Ausnahme einiger sehr wacher Menschen tief im Unbewussten versteckt. Sie stellt den größten Hebel für die Nachhaltigkeit dar, da alle darüberliegenden Ebenen auf ihr fußen. Hier liegen alle Grundannahmen über das Leben, über die wir nicht einmal mehr nachdenken, weil sie uns so selbstverständlich vorkommen. Zum Beispiel, dass der Mensch die Krone der Schöpfung sei oder dass wir voneinander getrennte »Fleischklöpschen« seien, die ohne Sinn und Zweck auf der Erde »herumstrawanzen«.
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