1 ...7 8 9 11 12 13 ...17 So ähnlich verhält sich das auch im großen Maßstab. Wenn unser kollektiver Geist oder die »Seele der Gesellschaft« nicht heil sind, wenn wir unser Weltbild im Kern auf Macht, Kampf und Ausbeutung aufbauen, dann wirken wir auch nach außen hin destruktiv. Dann können wir natürlich auch in den äußeren Lebensbereichen keine heilvolle und regenerative Welt erwarten. Solange wir in alten, zerstörerischen Denkmustern stecken, wird kein Wandel in Richtung einer nachhaltigen Gesellschaft möglich sein!
Wenn wir eine zukunftsfähige, lebensbejahende Welt erschaffen wollen, dann müssen wir uns auch persönlich verändern und zuerst einmal in uns selbst die Voraussetzungen dafür schaffen. Das klingt nicht nur logisch, das ist auch logisch! Doch leider scheinen dies nur sehr wenige Menschen zu berücksichtigen.
Kaum jemand kümmert sich wirklich um die Stärkung persönlicher Qualitäten, den Aufbau von seelischer Reife oder ein innerliches Wachstum. Die wenigsten Menschen hinterfragen ihr eigenes Sein. Noch dazu, wenn es um ein scheinbar so »äußerliches« Thema wie nachhaltige Entwicklung geht. Doch gerade hier hat die Nachhaltigkeit ihren blinden Fleck und somit auch ihr größtes Potenzial für einen Wandel. Aus unserer Sicht bedarf es also eines großen Bewusstseinswandels. Denn noch einmal: Innen und Außen gehören zusammen. Das war schon immer so und wird auch immer so bleiben.
Innere Reifung und innere Erkenntnis gehen der äußeren Veränderung voraus. Wie oft waren es die großen, unbeantworteten Fragen unseres Lebens, die wir tagein, tagaus wälzen mussten, bevor wir uns zu neuen und mutigen Schritten in unserem Leben durchringen konnten? Wie oft mussten wir nach einem Streit zuerst mit uns selbst ins Reine kommen, bevor wir zum Verzeihen bereit waren? Wie oft sind wir in einer Sache immer wieder gegen die Wand gelaufen, bevor wir erkannten, dass es ein inneres Umdenken braucht?
Wenn die Innenschau im Leben des Einzelnen schon so einen Unterschied macht, dann denk doch einmal daran, was innere Reife für die Gesellschaft als Ganzes bedeuten würde! Stell dir einfach mal vor, wie viel mehr Zusammenhalt und Kooperation wir erreichen könnten, wenn mehr Menschen wieder Zugang zu ihrem eigenen Herzen finden.
Wie viel mehr Frieden es in der Welt geben würde, wenn mehr Menschen Frieden in sich selbst finden! Wie viel bewusster wir mit den Ressourcen unserer Erde umgehen würden, wenn mehr Menschen erkennen, dass wahres Glück nicht in materiellen Dingen zu finden ist. Wie viel mehr Sorge wir für andere und unseren Planeten tragen würden, wenn Liebe und Mitgefühl anstatt des Egos unser Handeln bestimmen. Wie viel mehr Schönheit in der Welt zu finden wäre, wenn jeder Mensch sein volles Potenzial zum Strahlen bringt und sein Umfeld mit der liebevollsten Version seiner selbst beschenkt.
Wir sind überzeugt: Diese Welt ist möglich! Alles, was es braucht, ist, den Widerstand gegen die innere Dimension des Menschen fallen zu lassen. Aufzuhören, die Lösungen nur im Außen zu suchen, und stattdessen endlich damit zu beginnen, in völliger Offenheit den Blick nach innen zu richten.
Durch die aktive Innenschau und andere Formen der inneren Arbeit, die in diesem Buch vorgestellt werden, können wir eine völlig neue Sicht auf die Welt gewinnen und am eigenen Leib erfahren, was es bedeutet, ein liebender und innerlich reifer Mensch zu werden – eine wache Person, die ihr Leben im Einklang mit sich selbst, ihrer Mitwelt und der Erde führt.
Du wirst sehen, wie das unserer Erfahrung nach gelingen kann und wie wir die inneren Ressourcen im Sinn einer nachhaltigen Entwicklung am besten einsetzen können.
Doch zuerst müssen wir uns noch einigen Hindernissen stellen, die uns bislang den Weg in eine zukunftsfähige Welt versperrt haben. Denn innere Reife bedeutet nicht nur, ein glückliches und stets unbeschwertes Dasein zu feiern oder alles positiv zu sehen. Es bedeutet vor allem auch, sich seinen inneren Konditionierungen zu stellen, das scheinbar Dunkle in sich zu umarmen und über althergebrachte Muster hinauszuwachsen. Denn nur was uns bewusst ist, können wir auch loslassen.
Und so wollen wir in den nächsten Abschnitten des Buchs den Blick auf jene inneren, psychologischen und seelischen Faktoren werfen, die uns Menschen daran hindern, aufzuwachen und eine neue und gedeihliche Zukunft zu wählen.
2.2 Der innere Schweinehund
Zum Einstieg in die Thematik möchten wir »den inneren Schweinehund« etwas genauer unter die Lupe nehmen. Dieses kleine Fabeltierchen kennen wir alle, und weil er in unserem Inneren haust und uns von dort aus immer wieder gekonnt manipuliert, eignet er sich besonders gut als »Begleiter« für unsere ersten Schritte in Richtung mehr Bewusstheit.
So können wir uns langsam an die innere Ebene herantasten und uns an diese neue Denkweise gewöhnen, bevor wir später in die tieferen Sphären unseres Seins abtauchen. Für den Anfang gehen wir es also erst einmal sachte an.
Der innere Schweinehund bezeichnet die Trägheit gegenüber einer als richtig erkannten Handlung – oder auch die Willensschwäche, die eine Person daran hindert, ethisch gebotene oder sinnvolle Tätigkeiten auszuführen. Gerade wenn es um die ethisch gebotenen Maßnahmen im Bereich Nachhaltigkeit und Naturschutz geht, verwandelt sich der innere Schweinehund sehr schnell in ein mannigfaltiges Wesen mit zahlreichen überaus »interessanten« Eigenschaften.
Unwissen und mangelnde Urteilskraft
Zwei gewiefte Eigenschaften des inneren Schweinehunds sind seine vorgegaukelte Unwissenheit und die mangelnde Urteilsfähigkeit. Wenn wir gar nicht wissen, was die eigentlichen Probleme sind, was sie verursacht und wie wir angemessen darauf reagieren können, dann fällt uns eine richtige und lösungsorientierte Handlung natürlich schwer. Und ja, manche Menschen mögen es vielleicht wirklich nicht besser wissen.
Fraglich wird es aber dann, wenn man im Jahr 2020 einen Hausmann dabei erwischt, dass er noch immer nicht imstande ist, Plastik-, Papier- und Glasabfälle entsprechend zu trennen, und dies mit Unwissenheit begründet. Oder wenn Autokonzerne die Abgaswerte ihrer Dieselfahrzeuge per Software nach unten manipulieren, um gesetzliche Grenzwerte zu umgehen – und die Spitzen des Managements dann in den Interviews stets ihre Unwissenheit beteuern. 33
Aber Vorsicht, diese vermeintliche Unwissenheit ist nicht nur bei den anderen zu finden! Vielleicht ist ja auch dir schon mal der Spruch: »Ich will es gar nicht wissen …« über die Lippen gekommen. In solch einem Fall wird man vom inneren Schweinehund gewarnt, dass dieses zusätzliche Wissen einem womöglich das Leben erschwert und man lieber unwissend bleibt. Man weiß zwar, dass »etwas nicht stimmt«, versucht aber, sich mit Unwissenheit davor zu schützen. Ob das streng genommen noch als Unwissenheit zählt, ist allerdings eine andere Frage.
Für unser zentrales Thema ist das aber ohnehin nicht wirklich relevant. Denn in unserer digitalisierten Informationsgesellschaft ist es unwahrscheinlich, über lokale wie globale Umweltprobleme nicht Bescheid zu wissen. Auch wenn der Durchschnittseuropäer den Treibhauseffekt vermutlich nicht beschreiben, die SDGs (Sustainable Development Goals) nicht aufzählen und auch die Fotosynthese nicht erklären kann, so wissen dennoch die meisten in unseren Breiten, dass wir Umweltprobleme haben und damit an ökologische Belastungsgrenzen stoßen. Irgendwie und irgendwo ist es uns allen schon mal untergekommen, dass das ein oder andere »Problemchen« vorliegt – und dass wir uns dem auch widmen sollten.
So stuften in einer repräsentativen Umfrage des deutschen Umweltbundesamts im Jahr 2019 satte 68 Prozent der Befragten den Umwelt- und Klimaschutz als sehr wichtige Herausforderung ein. Sie gaben ihm eine ähnlich hohe Bedeutung wie den beiden anderen Topthemen Bildung (65 Prozent) und soziale Gerechtigkeit (63 Prozent). 34Unter den Jugendlichen im Alter von 14 bis 22 Jahren waren es sogar 81 Prozent, die Umwelt- und Klimaschutz als sehr wichtig erachteten. Diese Zahlen zeigen recht deutlich, dass der Bevölkerung die künftigen Herausforderungen weitgehend bekannt sind und sie diese zumeist auch als wichtig erachtet.
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