1 ...6 7 8 10 11 12 ...17 »Wenn einer allein träumt, ist es nur ein Traum.
Wenn viele gemeinsam träumen, ist es der Anfang einer
neuen Wirklichkeit.«
aDeklaration grundlegender ethischer Prinzipien für eine nachhaltige globale Entwicklung.
bGemeinsames Forschungsprojekt des Umweltbundesamtes und der Universität für Bodenkultur Wien, gefördert vom österreichischen Klima- und Energiefonds.
2. Warum wir den Blick nach innen richten müssen
Wir haben heute die Technik als auch die Ressourcen, die Vision einer nachhaltigen Welt zu verwirklichen. Theoretisch ist es möglich, alle Menschen mit ausreichend Nahrung zu versorgen und die dabei entstehenden Umweltauswirkungen sogar noch zu verringern. 32Wir haben mit der Digitalisierung fast unbegrenzte Möglichkeiten, um in einen globalen Dialog zu treten und eine neue, humane Weltordnung zu erschaffen.
Überall auf diesem Planeten gibt es mittlerweile hervorragende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die uns die Zusammenhänge der Welt verständlich machen und uns auf Basis der Vernunft zeigen können, welche Wege gesund und welche gefährlich sind. Nicht zuletzt gibt es Tausende und Abertausende von aktiven Pionieren in allen Bereichen der Gesellschaft, die neue Lebensstile leben, alternative Modelle ausprobieren und sich beherzt für einen neuen Umgang mit Mensch und Natur einsetzen. Es mangelt uns also nicht an Ressourcen, Wissen, Technik oder Kreativität, um eine neue Welt zu erschaffen.
Was ist es aber dann? Was hindert uns daran, eine soziale, naturbewusste und zukunftsfähige Gesellschaft aufzubauen? Was hält uns davon ab, ganzheitlich zu handeln und uns nach vorn blickend auszurichten? Welche Kräfte sind hier am Werk, die uns wider besseres Wissen am Status quo festhalten lassen? Tausende Forscher haben sich darüber bereits den Kopf zerbrochen. Die einen meinen, es läge am langweiligen Charakter von Daten und Fakten und dass man diese einladend, spannend und kreativ aufbereiten müsse, um die Leute für ein Umdenken zu begeistern. Andere wiederum sind der Meinung, dass unsere Medienlandschaft zu viel über Probleme berichtet, anstatt Lösungen anzubieten. Und dann gibt es noch jene, die meinen, fehlende beziehungsweise überteuerte Alternativen seien schuld und dass zuerst Politik und Wirtschaft leistbare Angebote und Rahmenbedingungen schaffen müssten, bevor Menschen bereit für einen Wandel seien.
Vieles davon ist sicherlich wahr und auch richtig. Dass äußere Barrieren – wie fehlender politischer Wille, ökonomische Zwänge, mangelnde Verhaltensangebote und andere systemische Hindernisse – der Nachhaltigkeit entgegenstehen, ist unumstritten. Sie sind weithin bekannt und werden seit vielen Jahrzehnten umfassend diskutiert.
Was aber, wenn es auf dem Weg zur Zukunftsfähigkeit noch weit mehr Verhinderer gibt, die wir bislang vollkommen außer Acht gelassen haben? Verhinderer, die unterhalb der Grenze der offensichtlichen Wahrnehmbarkeit ihr Unwesen treiben? Was, wenn es eine andere Dimension der Wirklichkeit gibt, die wir bisher gar nicht zu konfrontieren gewagt haben?
Es ist doch so: Die ganze Aufmerksamkeit liegt immer darauf, was wir im Außen verändern, reparieren oder erfinden müssen, damit wir als Gesellschaft einen nachhaltigen Weg einschlagen können. Was aber wäre, wenn es auch einen inneren Weg der Nachhaltigkeit gibt? Und was, wenn dieser innere Weg das fehlende Bindeglied zur »Rettung der Welt« ist? Vielleicht ist die Erkenntnis, die uns bislang fehlte, jene, den Blick auf die Ursachen statt auf die Symptome zu richten.
Derzeit erleben wir die Symptome in Form von Klimawandel, Artensterben oder Waldrodung und versuchen sie mit zahlreichen äußeren Mitteln zu bekämpfen oder zumindest zurückzudrängen. Womöglich wäre es ein viel zielgenauerer Weg, sich den tiefer liegenden Ursachen dieser Symptome zu widmen. Und diese finden sich nicht nur in der äußeren Welt, sondern vor allem in uns selbst.
2.1 Über den Wert innerer Reife
»Früher dachte ich, die größten Umweltprobleme seien der
Verlust der biologischen Vielfalt, der Zusammenbruch der
Ökosysteme und der Klimawandel. Ich dachte, dass wir mit
30 Jahren guter Wissenschaft diese Probleme angehen könnten.
Aber ich habe mich getäuscht. Die größten Umweltprobleme sind
Egoismus, Gier und Gleichgültigkeit. Um damit aber umzugehen,
brauchen wir eine spirituelle und kulturelle Transformation.
Und wir Wissenschaftler wissen nicht, wie das geht.«
Nach weit über zehn aktiven Jahren im Nachhaltigkeitsbereich möchten wir diese Aussage des amerikanischen Umweltanwalts James Gustave Speth voll und ganz unterstreichen. Gerade in Hinblick auf Umweltschutz und Nachhaltigkeit waren die meisten aktiv Beteiligten stets davon überzeugt, mit »End-of-Pipe«-Technologien oder ausreichend Wissensgenerierung schon irgendwie die Kurve zu kratzen. Ein paar mehr Umweltgesetze hier, ein paar neue Innovationen da und dazu noch ein etwas besseres Marketing, und alles würde sich zum Guten wenden.
Innere Mechanismen, die in jedem Einzelnen und damit auch kollektiv in unserer Gesellschaft wirken, wurden hingegen vollkommen außer Acht gelassen. Diese Mechanismen sind zum Beispiel tief verinnerlichte Werthaltungen wie Hedonismus, Gewinnstreben oder Konkurrenz, die uns trotz aller Kritik nach wie vor am Kapitalismus festhalten lassen; es sind unbewusste Ängste, wie etwa die Angst vor Veränderung oder die Angst vor Mangel, die unsere umweltschädigenden Muster prägen; es sind unreflektierte Projektionen, die uns in Schuldzuweisungen verharren lassen, statt gemeinsam an Lösungen zu arbeiten; es ist der Egoismus in uns, der sich aus der Verantwortung stiehlt; es sind ein gefrorenes Herz und die emotionale Gleichgültigkeit, die uns blind machen für die Nöte der Welt.
Des Weiteren ist es die fälschliche Überzeugung, dass wir die Krone der Schöpfung sind, was unseren Raubzug auf diesem Planeten moralisch überhaupt erst vertretbar macht. Und es ist der Verlust einer sinnstiftenden Spiritualität, der Verlust der Verbundenheit mit uns selbst und der Welt, der uns dazu veranlasst, unser Glück im Außen statt im Innen zu suchen. Eine Suche, bei der wir jedoch niemals echte Befriedigung finden werden.
Diese drei Dimensionen – Werte, Gefühle und Weltbilder – sind innere Dimensionen, die keine Politik der Welt und keine technologische Erfindung allein je tangieren könnten. Denn sie liegen der äußeren Welt zugrunde und bilden das unsichtbare Fundament, auf dem politische, wirtschaftliche und soziale Systeme gebaut und gestaltet werden. Unsere äußere Welt ist ein Produkt unserer Innenwelt. Wir werden sie nicht ändern, bevor wir uns nicht selbst geändert haben!
Und genau deshalb können wir so viel gewinnen, wenn wir beginnen, den Blick nach innen zu richten. Wir können dabei einen Schlüssel finden, der uns weit mehr Türen öffnet und weit nachhaltiger wirkt, als es äußere Reparaturmaßnahmen alleine je vermögen. Und wir können darüber hinaus für uns selbst einen Weg finden, um ein erfülltes Leben im Einklang mit uns selbst, den Mitmenschen und der Natur zu führen.
Wie innen, so außen!
Die innere Verfassung bestimmt, wie du mit der Welt in Verbindung trittst und wie du dich darin verhältst. Es ist ja im persönlichen Leben nichts anderes: Wenn du dich schlecht fühlst, bist du vermutlich nicht so freundlich wie sonst. Vielleicht siehst du generell alles etwas pessimistischer und fühlst dich auch schneller angegriffen. Hast du hingegen richtig gute Laune, wirst du viel eher strahlen. Du wirst den Fokus auf die schönen Dinge legen und sehr wahrscheinlich anderen gegenüber offen und freundlich sein.
Читать дальше