Die Sonne hatte inzwischen ihren Zenit erreicht und prallte erbarmungslos auf die schwarzen Ledersitze. Nicole tastete die Fenster ab nach Luftschlitzen, Öffnungsmöglichkeiten. Marie bastelte einen notdürftigen Sonnenschutz aus ihren T-Shirts, die sie sich von den schwitzenden Leibern gestreift hatten. Sabine versuchte sie abzulenken, spielte die Musikkassetten ihres Vaters ab. Sie wühlte im Handschuhfach, knipste mit einem Kugelschreiber und blätterte gelangweilt in einem Stadtplan von München. Erst als sie den Aschenbecher herauszog, verdunstete die Langeweile und machte einem erstaunten Interesse Platz. Vier quadratische Plastiktütchen mit der Aufschrift Fromms statt Zigarettenstummeln und Asche. Sie befühlte ein Tütchen, erntete ein Achselzucken auf ihren fragenden Blick, zögerte und riss es schließlich auf. Neugierig zog sie ein gelbliches Gummiröllchen mit einer tropfenförmigen Erhebung aus der Verpackung. Sie steckte den Finger in die Aushöhlung und rollte den glänzenden Schlauch über den Mittelfinger, schob noch den Ringfinger hinein, bis sich ein durchsichtiger Film über ihre Finger spannte. Mit einem leichten Unbehagen betastete Marie die Oberfläche, die sich glitschig und zugleich pudrig anfühlte. Man musste es sicher mit irgendetwas füllen.
»Wie einen Ballon vielleicht«, meinte Nicole. Sie blies in das gummiartige Gebilde hinein. Gerade wollte sie einen Knoten machen, als die Fahrertür aufgerissen wurde. Der Vater starrte sie verblüfft an. Zitternd hüpfte der Ballon durch das Wageninnere. Warme, feuchte Luft entwich zischend aus seiner Hülle. Bauleitner brach in berstendes Lachen aus.
Mit hochrotem Kopf verschränkte Marie die Arme vor ihrer nackten Brust, versuchte sich vor seinem Lachen zu verstecken. Sabine und Nicole kicherten. Warum stand nicht das geringste Anzeichen von Wut in ihren Gesichtern geschrieben, weder Verlegenheit noch Scham? Er hatte sie allein gelassen in der brütenden Hitze, eingesperrt, und lachte nun über ihre Hilflosigkeit, ihre Unwissenheit? Fassungslosigkeit und Zorn stülpten sich über Maries Erleichterung, befreit zu sein. Hauptsache er spürte es nicht, sah ihr nicht die Enttäuschung über seine Rücksichtslosigkeit an, die Marie weniger bedeutete als sein Lächeln, selbst sein Lachen.
Als wäre nicht das Geringste passiert, setzte sich Sabine auf den Beifahrersitz. Nicole und Marie zwängten sich auf die Hintersitze, beide sprachlos. Er öffnete das Cabriodach und rollte im Schritttempo bis zu einer wenige Meter entfernten Linde. Mit einem grobzinkigen Kamm fuhr er durch seine feuchten Haare. Marie war schwindelig. Sie ließ den Kopf nach hinten auf das Stoffverdeck sinken und blickte in einen in gleißendes Licht getauchten Himmel. Als sie sich zur Seite drehte, sah sie am Fenster des Hauses eine Frau. Sie stand noch immer dort, eine Zigarette in der Hand, als er auf das Gaspedal trat und mit quietschenden Reifen in die Hauptstraße abbog.
Am nächsten Ladengeschäft hielt er an, sprang aus dem Wagen und kam mit Eis zurück. »Und kein Wort zu Inge«, sagte er beschwörend.
Marie schüttelte den Kopf, zerrissen zwischen einem nagenden Gefühl und Freude, Erleichterung darüber, dass er sie für ihr Kopfschütteln mit einem Lächeln, verschwörerisch und stolz, belohnte und ihre Schulter fast berührte. Sie drückte das Eis an ihre pochende Halsschlagader und kühlte die glühenden Wangen. Mit den Zähnen riss sie die Verpackung entzwei. Der Geschmack, die Freude auf die ersehnte Kühlung verflogen jedoch. In ihrem Mund spürte sie eine merkwürdige Taubheit, begleitet von Erinnerungsfetzen, die der Wind ihr ins Gesicht blies. Wie feine Spinnweben legten sie sich auf ihre Lippen, die selbst die Zunge nicht durchdrang.
In Hellingen standen sie vor einem Rohbau. Bauleitner nahm Maries Hände, ließ sie die feuchten, frisch verputzten Wände berühren, mischte Farben und erklärte ihr die Baupläne des Café-Anbaus, den er entworfen hatte. Sabine und Nicole kickten eine leere Dose über den Hof und malten Herzen in einen Sandhaufen. Ein Bauarbeiter in derben Stiefeln schaufelte Sand und Zement in die Mörtelmaschine. Ein anderer Bursche goss Wasser in die rote Trommel. Bauleitner beobachtete die beiden Arbeiter, griff schließlich selbst zur Schaufel und schleuderte den Sand in Akkordgeschwindigkeit in die Maschine.
»So geht das!«, rief er und drehte an dem rostigen Metallrad, um den Mörtel in Bewegung zu halten und am Austrocknen zu hindern. »Das ist doch kinderleicht! Mädchen, zeigt den Männern mal, wie Mörtelmischen geht!«
Sabine und Nicole schauten kurz zu ihm hinüber und wandten sich gleich wieder ihrem Spiel zu. Marie spürte ihn hinter sich, seinen Körper, der sich ihrem Rücken näherte. Bauleitner griff nach ihren Händen wie nach einem Werkzeug und zwängte ihre Finger unter seine Hände. Zunächst langsam, dann immer schneller drehte er das Handrad, bis ihre Haut brannte und die Fingerknöchel weiß hervortraten. Sie biss die Zähne zusammen und zwang sich dazu, das Rad unablässig weiterzudrehen, so sehr sehnte sie sich nach seinem anerkennenden Blick. Er dankte es ihr, spürte ihre zitternden Oberarmmuskeln, drehte sie zu sich und wuschelte ihr kurz durchs Haar wie einem fügsamen Kind, das ihn mit Stolz erfüllte.
»Das sind meine Mädchen! Tapfere Heldinnen!«, lobte er und nahm sie mit ins Café.
Als sie den Biskuitteig mit ihrer Zunge zu weichen, süßen Kugeln rollte, sah er nicht, wie sie sich dabei die Hautfetzen von den aufgeriebenen Händen riss. Instinktiv spürte sie, dass sie nur mit Folgsamkeit und Dankbarkeit bekam, wonach sie sich sehnte. Sie starrte auf ihre Kuchengabel und versuchte zu begreifen, dass es nur Momente waren, winzige Zeiteinheiten, in denen er die Wirklichkeit veränderte. Sie stocherte in dem Kuchen, stach sich mit der Gabel den Handrücken, um sich zur Vernunft zu bringen. Sie war nicht seine Tochter.
»Mau-Mau!«, rief Nicole triumphierend und schlug mit der Hand auf den Tisch.
»Nicht schon wieder!«, zischte Sabine genervt. »Lasst uns doch Quartett spielen!« Sie fegte die Karten vom Tisch und zog das Auto-Quartett aus der Schublade des Biedermeier-Sekretärs.
Nicole, augenscheinlich wütend darüber, dass sie ihren Sieg nicht auskosten konnte, schnappte sich ein Mikado-Stäbchen und stach Sabine in den Oberarm. Sabine sprang auf vor Schreck und Schmerz und schlug Nicole erbost mit der flachen Hand ins Gesicht.
Marie war der Streitigkeiten überdrüssig. Sie wunderte sich selbst darüber, wie heftig die Ablehnung war. Lächerlich! Verzogene Biester, zuckte es ihr durch den Kopf. Sie erschrak, hoffte, dass sie es nicht hörten. Der Gedanke, laut und brüllend, übertönte den Schrei. Sie wollte sich nicht wieder entscheiden müssen für die eine und dann den Groll der anderen ertragen, also rollte sie mit den Augen und zog sich auf das Sofa zurück. Er verstand sie, wusste, dass sie glücklich war hier im Gelben Haus und sie dieses Glück ihm verdankte. Lächelnd setzte sie sich neben ihn. Über den Rand seiner Lesebrille hinweg lächelte er zurück, und dieses Lächeln galt nur ihr. Es kam Marie vertraut vor, wie er an seinem Whiskeyglas nippte und sie in einem Comic blätterte. Ruhig und vertraut, wie es sein sollte in einer Familie. So musste es sich anfühlen, ein Zuhause. Nicht wie ihr Zuhause, anders, sodass man sich frei und glücklich fühlte.
»Die beruhigen sich wieder!«, flüsterte er ihr zu und streichelte ihr flüchtig über den Arm, als sie sich ein Kissen in den Nacken legen wollte. Verschreckt zog sie den Arm zurück. Wenn er sich näherte, nur seine Gedanken ihre Haut berührten, schlug Maries Herz ein wenig schneller. Seine Hand auf ihrem Arm jedoch war ihr fremd. Es fühlte sich unnatürlich an. Etwas sträubte sich tief in ihrem Innern, wie um sie zu schützen, eine Ahnung davon, wie dünn und verletzlich der feine Film war, der sie hier im Gelben Haus umgab.
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