Er lachte und wuschelte kurz in ihren Haaren, braunen, glitschigen Büscheln. Dann trocknete er sich die Hand ab, öffnete den Verbandskasten und nahm eine Salbe heraus. Er kniete sich vor die Wanne, schraubte den Deckel auf und drückte Creme auf seinen Zeigefinger. Maries Gesicht wich zurück, als fürchtete es sich mehr als sie selbst. Behutsam tupfte Bauleitner es mit einem Handtuch ab. Jeder Tropfen, den das Tuch aufsog, brachte die Wärme in die Haut zurück und hob auch sachte die Angst. Er strich eine dünne Schicht Salbe auf jeden einzelnen Kratzer und verrieb sie mit seiner Fingerkuppe, bis sie ganz in ihren Poren verschwand. Schaum prickelte betäubend in ihren Ohren und zerfloss zu einem dünnen Strahl, der ihren Hals entlangrann.
»Und jetzt ein Foto!«, rief er plötzlich.
Wie aufgescheuchte Hühner sprangen die Mädchen aus der Badewanne und versuchten, sich ein Handtuch zu angeln. Doch schon stand er wieder im Türrahmen mit der Kamera in der Hand. Sie hüpften zurück in die Wanne, pressten den Bauch an den Rand und legten das Kinn auf die aufgestützten Hände. Er bewegte sich vor und zurück, das rechte Knie leicht gebeugt und das Objektiv nach links gedreht. Sein Auge verschwand hinter dem schwarzen Rohr, das sich immer mehr auf Marie zubewegte. Untertauchen wollte sie und starrte doch wie gebannt in die schwarze Öffnung. Das zerkratzte Gesicht und die nassen Haare reflektierten auf der spiegelnden Oberfläche der Linse. Sie musste hineinblicken, um ihre Augen nicht wie umherirrende Murmeln wegrollen zu sehen. Seine Wimpern aber robbten unaufhaltsam an ihre dampfende Haut heran und versanken in den eingesalbten Wunden.
»Intschu tschuna entblößte den Vorderarm seines Sohnes, um ihn mit dem Messer zu ritzen. Dann sagte Intschu tschuna: ›Die Seele lebt im Blute. Die Seelen dieser beiden jungen Krieger mögen ineinander übergehen, dass sie eine einzige Seele bilden. Trinkt!‹«
Im Schneidersitz saß Sabine auf der Wohnzimmercouch und las aus einem blauen Buch mit tiefer Stimme die Besiegelung der ewigen Freundschaft zwischen Winnetou und Old Shatterhand vor. Nicole, den geflochtenen Stoffgürtel um die Stirn, schwankte zwischen Häuptling und Squaw, verwandelte sich dann doch in Letztere, vermutlich weil ihr die Schwester ohnehin den Federschmuck entrissen hätte. Marie machte eine Pause, betrachtete die Freundinnen mit zärtlicher Verbundenheit und folgte schließlich einer plötzlichen Eingebung. Sie hob den Becher Früchtetee in die Höhe und deklamierte feierlich: »Mein Blut ist dein Blut! Eine für alle, alle für eine!«
Nicole blickte sie, nun ganz Abbild indianischen Edelmuts, fragend an: »Drei Musketiere?«
»Egal! Pech und Schwefel. Nur das zählt!«, winkte Sabine ab.
Marie nickte, klappte das Buch zusammen und täuschte einen Schnitt in ihren Unterarm vor, den sie fast schmerzhaft missempfand. »Blutsschwestern! Auf immer und ewig!«, flüsterte sie, den Arm mit Früchtetee befleckt.
Sabine und Nicole strahlten. »Auf immer und ewig!«, riefen sie wie aus einem Munde.
Sie schworen mit erhobener Hand, sich gegenseitig stets zu helfen im Kampf gegen Feinde und finstere Mächte. Geheimgehalten werde der Bund, kein Sterbenswörtchen komme über ihre Lippen. Einen Vertrag, mit unsichtbarer Tinte verfasst und rotem Kerzenwachs versiegelt, vergruben sie im Garten. Vergissmeinnicht würden aus ihm sprießen. Genug war es dennoch nicht. Winnetou hätte sich niemals damit begnügt. Sein Herzblut für Old Shatterhand! Blut musste fließen! Echtes, rotes Blut aus ihren Adern! Sabine sprang auf und lief in die Küche. Mit einem kleinen, spitzen Messer bewaffnet, kam sie zurück. Sie losten, wer beginnen sollte. Die Messerspitze ritzte weiße Haut. Hellrote Tropfen quollen aus den Armen. Marie drückte die kalte Messerschneide auf den Arm und befühlte die weißen Druckstellen. Die Klinge drehte sich. Das Muttermal franste aus wie rosa Tüll. Schmerzlos floss das Blut zu Blut, brandete aus der Wunde, zerstob und verlor sich in den Schwestern.
2
Inge Bauleitner öffnete das knisternde Butterbrotpapier und zeigte den Kindern die glänzenden, goldgelben Röhren. »Schillerlocken«, erklärte sie, als wäre nichts passiert, als wäre es ein Tag wie jeder andere, »das ist geräucherter Hai.«
Marie war nicht nach Essen zumute. Die Koffer standen bereits vor der Tür. Auf immer und ewig! Zerstört hatte sie ihren Bund.
»Es ist besser so. Ein Internat am Starnberger See. Weit weg von diesem Dorf. Weit weg von ihm«, hatte sie gesagt und geschwiegen.
Marie verzieh ihr nicht. Wie sollte sie überleben ohne die Blutsschwestern? Der Dachboden der Villa war ihr Zufluchtsort, der Garten ihr Paradies. Sie versuchte sich nichts anmerken zu lassen, zeichnete sich ein Lächeln auf das Gesicht.
»Mama«, Nicole machte noch einen letzten verzweifelten Anlauf, »können wir Marie nicht einfach mitnehmen?«
Die Mutter schüttelte den Kopf und vertröstete sie mit den Wochenenden und den Ferien. Noch einmal umarmten sie einander, versprachen unter Tränen, Briefe zu schreiben und anzurufen.
Sabine stapfte wütend auf und fragte ihre Mutter, jede Silbe hämmernd: „ Jetzt sag es uns endlich! Warum müssen wir eigentlich ins Internat?«
Die Mutter schwieg, setzte eine letzte Unterschrift auf das Formular. Erledigt war das Thema. Äußere Umstände. Bessere Lösung. Worte, die ungehört aus ihrem Mund fielen. Betreten blickten sie zu Boden, fast glücklich, wenigstens das Unglück teilen zu dürfen, als Bauleitner, einen Ordner unter den Arm geklemmt, ins Zimmer stürmte.
»Was soll das?«, brüllte er. »Gerade habe ich Gerd getroffen. Nichts ist eingegangen.«
Seine Frau blickte ihn fragend an. »Der Wettbewerb? Die Bank?« Sie fasste sich an die Stirn, begann zu stottern: »Ich … ich … Es tut mir leid! Ich muss wohl vergessen haben … Das Internat, die Kinder …«
Verächtlich schleuderte er ihr den Ordner vor die Füße. Sie zuckte zusammen, bückte sich, um die auf dem Boden verstreuten Papiere aufzusammeln. Er schüttelte den Kopf und stieß mit der Hand eine auf dem Schreibtisch stehende Schale um.
»Und diese Fresssucht!«
Er hatte völlig die Fassung verloren und bemerkte erst jetzt die Töchter und Marie. Blitzartig wandelte sich seine Stimmung. »He, ihr drei!«, rief er, die Arme ausgebreitet zu einer Umarmung, als hätte er soeben den Raum betreten. »Macht doch nicht so ein Gesicht! Heute ist der große Tag!«
Inge Bauleitner ordnete ihre Frisur und strich das Kleid über den Hüften glatt. Umständlich schlüpfte sie in ihren Mantel. Bauleitner zog seine beiden Töchter an sich. Lachend küsste er sie auf die Stirn. »Und was Marie betrifft. Kommt sie eben zu mir ins Büro und wir rufen im Internat an! Und wenn ich das nächste Mal nach München fahre, nehme ich sie einfach mit.«
Marie lächelte verlegen, war hin und her gerissen zwischen der aufsteigenden Sanftmut und seiner noch Sekunden vorher peitschenden Stimme. Flüchtig drehte sie sich nach Inge Bauleitner um, hoffte auf Klarheit, sah, wie ihre weiß hervortretenden Knöcheln den Autoschlüssel umklammerten. Sabine und Nicole schlangen sich um den Vater wie Kletterpflanzen, eine letzte Umarmung, ein letzter Kuss.
Rosen flogen in hohem Bogen in den Himmel. Ein langes Wochenende, drei ganze Tage würden sie zusammen sein! Maries Hände umklammerten die Haltestangen der Schiffschaukel. Mit aller Kraft beugte sie die Knie, schwang sich in die Luft, leicht und losgelöst . Nur ein einziger Gedanke krallte sich in ihr fest: Sie wollte den Überschlag schaffen, die Schwerkraft überlisten. Ein einziges Mal hatte sie erst gesehen, wie sich die Schaukel dem Zenit näherte. Der Junge neben ihr, die Wangen rot, die Haare an der Stirn klebend, ging noch einmal tief in die Knie und schaffte den Überschlag. Marie holte tief Luft, spannte die Muskeln an, versuchte, es ihm gleichzutun. Fast hatte sie es geschafft! Ein, zwei Schwünge trennten sie vom Ziel, als der Schaukelbursche abrupt die Bremse unter die Schiene schob. Blitzartig verließ sie die Euphorie, ihre Muskeln brannten von der Anstrengung und an den Händen zeigten sich Rötungen. Die beiden Schwestern, vor dem Gitter wartend, trösteten sie. Sie hakten sich unter und ließen sich treiben im ohrenbetäubenden Lärm der Kirchweih. Rotwangige Frauen in bayrisch blauen Dirndln trugen Bierkrüge durch die Gegend. Eine Blaskappelle spielte »Rosamunde«. Schweinshaxen, Bratwürste und Sauerkraut wurden im Akkord auf die in langen Reihen aufgestellten Bierbänke gestemmt. Die Mädchen suchten Bauleitner. Die Aussicht auf das Kirchweihgeld lockte sie. Kandierte Früchte wollten sie kaufen und in der Geisterbahn vor Skeletten und Totenköpfen zittern.
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