Ich sitze direkt neben dem Mandala, auf einer flachen Sandsteinplatte. Die Regeln, die ich mir auferlegt habe, sind einfach: das Mandala häufig besuchen, einen vollständigen Jahreskreislauf beobachten, sich ruhig verhalten, Störungen vermeiden, keine Lebewesen töten oder wegnehmen, nicht graben und nicht über das Mandala kriechen. Eine behutsame Berührung ab und an muss reichen. Ich habe keine festen Besuchszeiten, aber beobachte das Mandala mehrmals die Woche. In dem vorliegenden Buch berichte ich über die Ereignisse im Mandala so, wie ich sie erlebt habe.
1. JANUAR
Partnerschaften
DAS NEUE JAHR BEGINNT MIT TAUWETTER: Schwerer, feuchter Waldgeruch steigt mir in die Nase. Der Laubteppich, der den Boden bedeckt, ist in der Nässe aufgequollen, die Luft mit deftigen Laubaromen getränkt. Ich verlasse den Pfad, der sich den Waldhang hinabschlängelt, und umklettere einen hausgroßen Brocken aus moosigem, erodiertem Gestein. Hinter einer flachen Senke am Berghang erkenne ich mein Wahrzeichen: einen länglichen Findling, der wie ein Kleinwal aus dem Laubboden auftaucht. Der Sandsteinblock markiert die eine Seite meines Mandalas.
Nur wenige Minuten später habe ich Geröll und Gestein überquert und den Findling erreicht. Ich trete neben einem großen Hicko rybaum hervor, mich an seinen grauen Rindenschuppen abstützend – und das Mandala liegt direkt zu meinen Füßen. Ich umrunde es und setze mich gegenüber auf den flachen Stein. Ich halte einen Moment inne, atme die würzige Luft ein, dann mache ich es mir auf meinem Beobachtungsposten bequem.
Der Laubboden ist braun marmoriert. Einige kahle Gewürzbuschstängel und ein Eschenbäumchen ragen hüfthoch aus der Mandalamitte empor. Die stumpfen, ledrigen Farben der verrottenden Blätter und schlummernden Pflanzen werden vom Leuchten der Felsen, die das Mandala umrahmen, in den Schatten gestellt. Die Felsen, verstreute Relikte des erodierenden Sandsteinhangs, sind von der Jahrtausende währenden Erosion zu unregelmäßigen Brocken verschliffen. Ihre Größe reicht vom Waldmurmeltier bis zum Elefanten; die meisten sind so groß wie ein kauernder Mensch. Die Strahlkraft der Felsen rührt nicht vom Gestein selbst, sondern von ihrem Flechtengewand, das smaragdgrün, jadegelb oder perlmuttfarben in der feuchten Luft leuchtet.
Die Flechten bilden Berge en miniature, Sandsteinhänge mit vielfältigen feuchten und sonnigen Flecken. Die Felsrücken sind mit harthäutigen grauen Schuppen besprenkelt. Schattige Rillen im Fels schimmern purpurrot. Auf senkrechten Wänden glitzert es türkis, und über sanfte Abhänge ergießen sich konzentrische Kreise in Lindgrün. Die Farben der Flechten wirken wie frisch gestrichen. Ihre Leuchtkraft steht in lebhaftem Kontrast zur wintermüden Lethargie des übrigen Waldes; sogar die Moose sind stumpf und frostbleich.
Im Winter, wenn sich die meisten anderen Geschöpfe zurückziehen, sind Flechten das strahlende Leben – dank einer geschmeidigen Physiologie. In den kalten Monaten überleben sie durch die Kunst des Loslassens. Sie verbrennen keine unnötige Energie auf der verzweifelten Suche nach Wärme, sondern passen ihre Lebenskurve dem steigenden und fallenden Thermometer an. Flechten hängen nicht am Wasser – wie Pflanzen und Tiere. Sie quellen an feuchten Tagen auf und schrumpeln, wenn es trockener wird. Pflanzen schrecken vor Kälte zurück und verpacken ihre Zellen so lange, bis der Frühling sie wieder hervorlockt. Flechten haben einen leichten Schlaf. Wenn der Winter eine kurze Pause einlegt, kehren sie einfach ins Leben zurück.
Auch andere haben, unabhängig von den Flechten, diese Lebenseinstellung für sich entdeckt. Im vierten Jahrhundert vor unserer Zeit erzählte der chinesische Taoist Zhuangzi die Geschichte eines alten Mannes, der in den Strudel zu Füßen eines tosenden Wasserfalls stürzte. Noch bevor Beistehende erschrocken zu Hilfe eilen konnten, verließ der alte Mann, unverletzt und vollkommen ruhig, das Wasser. Als man ihn fragte, wie er in der Wasserhölle überleben konnte, sagte er: »Duldsamkeit … Ich habe mich ans Wasser angepasst, nicht das Wasser an mich.« Schon 400 Millionen Jahre vor dem Taoismus sind die Flechten zu derselben Weisheit gelangt. Die wahren Meister in Zhuangzis Allegorie vom Sieg durch Unterwerfung sind die Flechten, die an den Felswänden des Wasserfalls wuchsen.
Die friedlichen, scheinbar simplen Flechten besitzen ein komplexes Innenleben. Flechten sind ein Amalgam aus zwei Lebewesen: Pilz und entweder Alge oder Bakterie. Der Pilz breitet seine Fäden auf dem Untergrund aus und bereitet so die Lagerstatt vor. Alge oder Bakterie nisten sich in seinen Fäden ein und bilden mithilfe von Sonnenenergie Zucker und andere nahrhafte Moleküle. Doch wie in jeder Ehe verändert das Zusammenleben die Partner: Der Pilz macht sich breit und erhält eine baumblattähnliche Struktur, mit schützender oberer Kruste, einer Schicht für lichtsammelnde Algen und winzigen Atemporen. Der Algenpartner verliert dagegen seine Zellwand, überlässt es ganz dem Pilz, ihn zu beschützen, und gibt alle sexuellen Aktivitäten zugunsten des zügigen, aber genetisch wenig aufregenden Selbstklonens auf. Im Labor lassen sich flechtenartige Pilze auch ohne Partner züchten: als unförmige, kränkliche Witwer. Auch Algen und Bakterien sind ohne ihre pilzigen Partner lebensfähig, aber nur in bestimmten Lebensräumen. Die Flechten haben die Fesseln der Individualität abgestreift und konnten so vereint die Welt erobern: Sie bedecken ungefähr zehn Prozent der Landfläche unseres Planeten; im äußersten waldlosen Norden, wo meistens Winter herrscht, sind sie geradezu übermächtig. Doch auch in meinem Waldmandala in Tennessee ist jeder Stein, Stamm und Zweig mit Flechten überzogen.
Manche Biologen halten die Pilze für Ausbeuter, die ihre Algenopfer hinterrücks umgarnen. Doch diese Interpretation vergisst, dass die Flechtenpartner keine Individuen mehr sind und sich von der Vorstellung einer Grenze zwischen Unterdrücker und Unterdrücktem vollkommen gelöst haben. Wenn sich das Individuum auflöst, verlieren Kategorien wie Sieger und Besiegte ihren Sinn. Wenn eine Bäuerin ihre Apfelbäume oder Getreidefelder hegt und pflegt, wird das Getreide dann unterdrückt? Wird die Bäuerin durch die Abhängigkeit vom Getreide zum Opfer? Solche Fragen gehen von einer Trennlinie aus, die es nicht gibt. Im menschlichen Herzschlag und der Blüte der Nutzpflanzen offenbart sich ein und dasselbe Leben. »Allein« ist keine Option mehr: Bäuerliches Leben ist davon geprägt, dass tierisches Leben seit Hunderten von Millionen Jahren – seit dem ersten wurmähnlichen Tier – von Nahrungspflanzen abhängig ist. Domestizierte Pflanzen leben zwar erst seit zehntausend Jahren mit dem Menschen zusammen, doch auch sie haben ihre Unabhängigkeit verloren. Bei Flechten kommt zur gegenseitigen Abhängigkeit noch die körperliche Nähe: die beiden Körper sind verschmolzen, die Zellmembranen ineinander verwoben.
Die unterschiedlichen Farben der Flechten im Mandala zeugen von der Vielfalt der Algen, Bakterien und Pilze, die an der Flechtengemeinschaft beteiligt sind. Blaue und violette Flechten enthalten blaugrüne Bakterien, Cyanobakterien; grüne Flechten Algen. Die Pilze mischen noch eigene Farben dazu, wenn sie gelbe oder silberne Sonnenschutzpigmente absondern. Bakterien, Algen, Pilze: drei altehrwürdige Stämme des Lebensbaums, die ihre pigmentierten Zweige miteinander verflechten.
Das Grün der Algen verweist auf eine noch ältere Lebensgemeinschaft. Im Algeninneren tief verborgen liegen wahre Pigmentschätze. Sie absorbieren Sonnenenergie, die dann über chemische Kaskaden in die Verbindungen verwandelt wird, die aus Luftmolekülen Zucker und andere Nahrung machen: Der Zucker befeuert nicht nur die Algenzelle, sondern auch ihren Bettgenossen, den Pilz. Die Sonnenfänger-Pigmente sind sicher in winzigen Schmuckkästchen verwahrt, in Chloroplasten, die, von einer Membran umschlossen, ihr eigenes Genmaterial mitbringen. Die flaschengrünen Chloroplaste sind Bakterienabkömmlinge, die schon vor einundeinhalb Milliarden Jahren Unterschlupf in Algenzellen fanden. Die bakteriellen Untermieter gaben dafür ihre harte Außenschicht, ihre Sexualität und ihre Unabhängigkeit auf – so wie die Algenzellen, die sich mit Pilzen zu Flechten vereinigen. Doch Chloroplaste sind nicht die einzigen Bakterien, die in anderen Geschöpfen leben. Alle Pflanzen-, Tier- und Pilzzellen werden von den torpedoförmigen Mitochondrien bewohnt: Miniaturkraftwerken, die die Nahrung der Zelle verbrennen und so Energie freisetzen. Mitochondrien waren einst ebenfalls frei lebende Bakterien und haben, wie die Chloroplasten, zugunsten einer Partnerschaft auf Freiheit und Sex verzichtet.
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