1 ...8 9 10 12 13 14 ...22 Dieser hatte für drei Jahre und zu Beginn der 60er-Jahre für Rapid den Kasten freigehalten. Und auch wenn Anton Herzog in diesem Fall nicht mit, sondern gegen ihn gespielt hatte, kannte man sich doch im Wiener Fußballgrätzel durch zahllose Spiele und Turniere und schätzte sich mitunter auch – wie in einer großen Familie eben.
Auf ähnliche Weise mussten sich zwangsläufig auch die Söhne der beiden Ex-Profis über den Weg laufen. Erst spielte man in der frühen Jugend gegeneinander, Ludwig Huyers Sohn Andreas bereits für Rapid, Andi Herzog noch für Admira Wacker, dann miteinander – denn beide waren im gleichen Alter und verstanden sich fortan prächtig. Und das unter der Regie des mittlerweile zum grün-weißen Nachwuchszeugwart aufgestiegenen Ludwig Huyer.
Der (Ludwig Huyer) hat mich genommen, mich in die Kabine gestoßen und gesagt: „So, Andi, ab jetzt bist a Rapidler!“
Ich war damals noch ein Jahr jünger als meine Kollegen in der U16. Die ersten beiden, die ich kennengelernt habe, waren schon voll austrainiert, während ich noch nicht einmal gescheit in der Pubertät war. Die waren halt schon voll als Männer entwickelt, ein damals jugoslawischer und ein türkischer Mitspieler, und da bin ich wieder raus und hab gesagt: „Herr Huyer, ich bin in der U16, ich spiel noch nicht in der U18.“
„Naa, das ist eh die richtige Kabine, das sind deine neuen Kollegen.“
Da wollt ich den Verein schon wieder verlassen, weil ich mich zu klein und zu jung gefühlt habe. Ich bin wieder raus zu meinem Vater und habe gesagt: „Komm, Papa, fahren wir wieder heim, da möchte ich nicht spielen.“ (Andreas Herzog)
Auch hier wird wieder deutlich: Der junge Herzerl brauchte den berühmten „Schtessa“ ins kalte Wasser, Unterstützer, Freunde an seiner Seite. Aber wer braucht diese nicht? Sein Vater verfügte zudem über das nötige Fingerspitzengefühl, nennen wir es empathisches Einfühlungsvermögen, wenn es denn darauf ankam. Einerseits gab er ihm Zeit zur Entwicklung – ohne zu viel Drill, Druck und Enge. In „gewissen spielerischen Momenten“ forderte er aber auch eine „gewisse Gier“ – dann trieb der Vater seinen Sohn auch gerne an.
„Geh hin zu den Elfmetern, geh hin zu den Freistößen.“
„Du, Papa, wenn ich mich aber nicht gut fühle, dann gehe ich lieber nicht hin.“
„Naa, geh hin, übernimm die Verantwortung.“
Oft hat es dann zu Hause Diskussionen gegeben, und gerne meldete sich in solchen Fällen auch meine Mutter lautstark zu Wort: „Du, Toni, tu den Jungen nicht hineintheatern, du hast das früher ja auch nicht gemacht.“ (Andreas Herzog)
Doch Toni winkte nur ab, wusste er doch genau, was er bei seinem „Buam“ anders machen wollte als in seiner eigenen Karriere. Wenn Anton Herzog davon überzeugt war, dass sein Sohn es kann, dann konnte er es auch. Er pushte ihn und forderte ihn auf, Verantwortung zu übernehmen – um ihm in anderen Phasen, sei es aufgrund der körperlichen Kondition oder der Spielweise, nicht zu viel Druck zu machen. Für den jungen Andreas muss es damals jedenfalls die perfekte Mischung gewesen sein – und der richtige Weg, beginnend bei Admira Wacker in der Südstadt hin zum Sportklub Rapid nach Hütteldorf, eben der rechte Mix aus Zugehörigkeit, Anerkennung der Kompetenzen und Autonomie.
In diesem Zusammenhang bietet sich ein kurzer Blick über die Grenzen hinaus in die USA und hinein in den Staat New York an. Denn dort ergaben wissenschaftliche Untersuchungen an der Universität Rochester, dass sich Menschen besonders dann wohlfühlen, wenn sie ihr Leben beruflich wie auch privat selbst bestimmen können, in ihren Kompetenzen anerkannt werden und sich zu einer Gruppe zugehörig fühlen. Am glücklichsten sind diejenigen Menschen, die alle drei Bereiche auf einem besonders hohen Niveau sowie in der Balance leben können.
Wenn man sich dieser Tatsache bewusst wird, kann man verstehen, wieso sich der junge Andreas Herzog sehr schnell im 14. Bezirk wohlfühlte. Mit Oliver Scheriau und Andreas Huyer hatte er gleich zwei echte Freunde an seiner Seite, die ihm das Ankommen erleichterten – unschlagbar, bedenkt man, dass „Zugehörigkeit“ das wichtigste menschliche Bedürfnis ist. Nicht zu unterschätzen auch eine gewisse Autonomie, die er in all seinen Handlungen hatte. Natürlich musste sich der jugendliche Andreas Herzog wie alle anderen auch an feste Regeln, Rituale und Abläufe halten, aber allein schon im Umgang seines Vaters mit ihm wird deutlich: Drill nein, stattdessen eher die Forderung zur Selbstbestimmung und Eigeninitiative, wenn es seiner Spielweise und Konstitution entsprach. Und dann wäre da noch die Anerkennung der Kompetenzen, die man sich manches Mal hart erarbeiten muss …
In meinem ersten Meisterschaftsspiel haben wir glaube ich 6:0 gewonnen – und da hab ich fünf Tor geschossen. Da dachten die anderen guten Spieler: „Ui, da ist jetzt ein Neuer gekommen, das ist ein richtiger Konkurrent.“ Da hatte ich am Anfang schon Schwierigkeiten, dass ich akzeptiert wurde, obwohl ich gut war. Die Platzhirsche wollten halt nicht akzeptieren, dass ein Jüngerer kommt und gleich fünf Tore schießt, und da war es phasenweise schon so, wenn ich links gelaufen bin, haben sie viel über rechts gespielt, und wenn ich rechts gelaufen bin, haben sie über links gespielt. Da ist mein Vater auch hin und wieder narrisch geworden. (Andreas Herzog)
Nach fünf Spielen hatte Herzog weiterhin fünf Treffer auf seinem Konto – und zwar noch immer die aus dem ersten Spiel. Da galt es, neue Wege zu gehen, auf die Mitspieler zuzugehen, sich durchzusetzen und durchzubeißen – oder anders auf sich aufmerksam zu machen. Diese Herausforderung nahm das neue U16-Talent an – während Vater Toni aus den Emotionen heraus ganz eigene Ideen hatte, die Andi „zum Glück“, wie er heute lachend betont, nicht umsetzte.
„Andi, setz dich einmal am Mittelpunkt hin und schau, ob es denen überhaupt auffallt, weil sie spielen dich eh nie an.“
„Papa, was soll denn das? Was hilft mir das weiter?“
„Naa, setz dich einmal hin, setz dich einmal hin“, wiederholte der Vater so richtig emotional. (Andreas Herzog)
Toni Herzog suchte einfach nach einem Auslöser, einer Initialzündung, er wollte provozieren, damit intern Dinge anders angesprochen werden. „Als Kind habe ich das so noch nicht verstanden“, meint Herzog heute. „Er wollte mit einer außergewöhnlichen Situation zu einer Lösung finden, dachte in Wahlmöglichkeiten.“
Natürlich setzte sich Herzog junior „back in 83“ nicht in den Mittelkreis, fand stattdessen eigene Mittel und Wege, um sich und sein großes Talent zu zeigen. Wenngleich es rückblickend durchaus eine spannende Idee seines Vaters war, geboren aus den Emotionen eines Menschen, der damals schon wusste, welches besondere Talent in seinem Sohn schlummerte. Dieses brauchte einfach nur Raum zur Entfaltung in der Mitte des Feldes. So oder so hätte er auf diese Weise für Aufmerksamkeit und Gesprächsstoff im Team gesorgt. Doch wie an anderer Stelle schon erwähnt, ist es ebenso wichtig, den ganz eigenen Weg zu gehen, sich neben allem Können auch gegen Widerstände durchzusetzen, zu kämpfen, zu hackeln. Das machte Andreas Herzog auf seine ganz eigene Weise, mit Herz, Schmäh, seinem linken Pratzerl und manchmal aus der zweiten Reihe heraus – zumindest, wenn es um die „Duschhierarchie“ in der Kabine ging.
Zwei Greenhorns in den Anfängen: Andi mit Freund Oliver Scheriau
Irgendwann kommst besser in die Mannschaft rein, dann hast mehr Gespräche, dann hat sich das ein bisserl gebessert. Und mit dem Andreas Huyer, der war genauso alt wie ich, der war auch ein Jahr jünger, der war auch immer einer, der als Letzter geduscht hat. Wir haben gewartet, bis die behaarten Männer aus der Kabine waren, dann haben wir uns zum Schluss schnell geduscht, die Spätreifen (lacht herzhaft). (Andreas Herzog)
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