Katharina erinnerte sich später an ihre erste Zeit am russischen Hof als eine schwere. Sie sei bald nach ihrer Ankunft an einer tuberkulösen Rippenfellentzündung erkrankt, die lebensgefährlich gewesen sein muss. Den Grund sah sie später darin, dass sie sich nachts barfuß erhoben hätte, um ihr Lernpensum zu schaffen. 22Katharina wollte, im Gegensatz zu ihrem späteren Mann, die Landessprache lernen und sich auch mit der Orthodoxie vertraut machen. Ihre Lehrer in russischer Sprache, Akademiemitglied Vasilij Adadurov und der Ukrainer Simeon Todorskij, waren ausgezeichnete Gelehrte und berühmt in ihrer Zeit, aber offensichtlich hatten die junge Großfürstin zunächst der Ortswechsel und dann das Lernpensum überfordert. Ihre Rippenfellentzündung wurde mit häufigem Aderlassen, bis zu viermal täglich, bekämpft. Das Aderlassen mochte dem Leben der jungen Großfürstin gefährlicher geworden sein als die Erkrankung an sich. Ihre Mutter, die gegen diese Behandlungsmethode war, geriet darüber in Konflikt mit der Kaiserin, die sich bei Krankheit selbst gerne zur Ader lassen ließ. Dass ihre Mutter die Konversion zur Orthodoxie eher funktional gesehen hatte, zeigt sich gerade in dieser Situation: Johanna Elisabeth wollte, dass Katharina eine letzte Beichte durch einen lutherischen Priester abgenommen werde. Folgt man ihren Erinnerungen, so soll sie jedoch nach ihrem orthodoxen Beichtvater verlangt haben. Dies sorgte für Wohlgefallen bei Elisabeth.
Nach ihrer Genesung nahm Sophie ihre Sprach- und Religionsstudien wieder auf und bereitete sich auf die Konversion vor. Fürst Christian August war als tiefgläubiger Lutheraner wenig begeistert von Sophies Konversion zur Orthodoxie und schärfte ihr in einem aus Zerbst gesandten ›Pro Memoria‹ die Grundsätze des Luthertums ein. Johanna Elisabeth betrachtete diesen Schritt wohl als unvermeidlich für den anstehenden Karrieresprung ihrer Tochter: Großfürstin des Russischen Reiches und Gattin des Thronfolgers. Und auch Sophie selbst wollte ausweislich ihrer Memoiren diesen Schritt gehen – sie nahm ihre Unterweisungen in Orthodoxie ernst. Ihr geistlicher Lehrer, Simeon Todorskij, der aufgrund seiner Kenntnisse des Protestantismus die Glaubensunterschiede klar zu erläutern vermochte – er hatte unter anderem in Halle studiert –, schien sie zu überzeugen: 23Sie bemühte sich brieflich, ihren Vater in Zerbst zu beruhigen. Am 28. Juni 1744 wurde Sophie in den Schoß der Orthodoxen Kirche aufgenommen. Damit war ein Namenswechsel verbunden, Sophie wurde Ekaterina Alekseevna – Katharina. Elisabeth hatte den Namen zu Ehren ihrer Mutter Katharina I. gewählt. Zugleich wurde Katharina zur Großfürstin erhoben. 24
Am folgenden Tag fand die Verlobung der beiden Großfürsten statt. Sie hatten in der mehr als einjährigen Verlobungszeit bereits gemeinsam Termine wahrzunehmen und sich auf ihre Aufgabe als Thronfolgerpaar vorzubereiten, das immerhin mit einem kleinen Hof ausgestattet werden sollte. Sie bezogen eigene Appartements im Winterpalast. Zuvor hatten beide Elisabeth auf eine Reise nach Kiev begleitet, die eine aufwendig inszenierte Wallfahrt zum berühmten und für die Orthodoxie so bedeutenden Höhlenkloster unternahm. Die lange geplante, prachtvolle Hochzeit fand am 21. August 1745 statt, nachdem auch Katharina als volljährig galt. 25
Kaiserin Elisabeth schenkte den beiden bald nach der Hochzeit auch einen eigenen räumlichen Ort für ihren Hof. Während sie in St. Petersburg in Appartements des Winterpalastes aus der Zeit Anna Ivanovnas wohnten, bekamen sie von der Kaiserin das Sommerpalais des Fürsten Menšikov, des Favoriten Peters I., in Oranienbaum geschenkt, etwa 40 Werst von St. Petersburg entfernt. Hier entstanden auf Wunsch Peters Festungsanlagen für seine holsteinischen Soldaten. In der Peterstadt exerzierte er, wie einst sein Großvater Peter I., mit seinen Spielregimentern. 26Katharina hingegen beschäftigte sich, auch als sie alleinige Kaiserin geworden war, in den folgenden Jahrzehnten neben den Palasterweiterungen und -veränderungen mit der Anlage spektakulärer Gartenanlagen und eines chinesischen Pavillons, Ensembles, die den anderen Residenzen der kaiserlichen Familie in nichts nachstanden. 27
Christian August war nicht zur Trauung gereist, und auch Johanna Elisabeths Tage am Hofe waren gezählt. 28Schon bald nach der Trauung wurde ihr nahegelegt, Hof und Land zu verlassen. Sie hatte selbst begonnen, sich aktiv in Hofintrigen, in denen es ja immer auch um Innen- wie um Außenpolitik ging, einzumischen. Und schon ihre Korrespondenz mit Friedrich II. reichte aus, um sie verdächtig zu machen. Sie verließ Russland vier Wochen nach der Hochzeit, um nie mehr zurückzukehren.
Abb. 1: G. A. Kačalov, Feuerwerk aus Anlass der Hochzeit von Ekaterina Alekseevna und Petr Fedorovič (1745).
Auch wenn das Verhältnis Katharinas zu ihrer Mutter ausweislich ihrer Memoiren nicht sehr eng war, nun musste sie sich bei Hofe ohne Johanna Elisabeth behaupten. Dabei war es nicht ausgemacht, ob sie dies gemeinsam oder gegen ihren Gatten würde tun müssen. Die Ehen an den Höfen der Frühen Neuzeit waren Zweckgemeinschaften. Zuneigung und Liebe mochten vorhanden sein – die politische Aufgabe dominierte jedoch. Und diese Aufgabe erfüllten die Eheleute, die sich in den ersten Jahren offensichtlich noch akzeptierten, durchaus. Sie nahmen am Hofleben teil, waren auf ein Einvernehmen mit der Kaiserin Elisabeth bedacht und absolvierten die Termine, die der Jahreskalender vorgab. Aber schon bald begannen die beiden Eheleute sich auseinanderzuentwickeln, im Persönlichen, in ihren Interessen und auch in der Situierung innerhalb der Hofgesellschaft der Kaiserin. Ob es auch daran lag, dass sich Peter nach überstandener Masern- und Pockenerkrankung, die ihn entstellte, mehr und mehr zurückzog, muss dahin gestellt bleiben. 29
Elisabeth und der Großkanzler Bestužev ließen Peter und Katharina kontrollieren, da beide aus Erfahrung wussten, dass die Eheleute zum einen zur Projektionsfläche für politische Parteiungen im russischen und europäischen Kontext gleichermaßen werden konnten, zum anderen aber sich Großfürst Peter als Carevič wie auch Großfürstin Katharina zu zunehmend eigenständigen Akteuren entwickeln konnten. Die für das großfürstliche Paar eingesetzten Hofmarschälle, das Ehepaar Čoglokov, hatten die beiden zu überwachen. Dabei wurde augenfällig, dass Peter, der seine Kieler Bibliothek von etwa tausend Bänden nach St. Petersburg bringen ließ und sich für alles Militärische, aber auch für Musik interessierte, und Katharina, die bald mit intensiver Selbstbildung durch Lektüre begann, unterschiedliche Wege gingen und dabei auch sicherlich unterschiedlich schnell erwachsen wurden. Katharina, die Peters Spiele mit Spielzeugsoldaten in ihren ersten Jahren noch ertragen hatte, war zunehmend abgestoßen, auch wenn das Bild, das sie in den verschiedenen Memoirenversionen immer düsterer malte, sicher maßlos überzeichnet ist. Beide vergnügten sich gern, beide teilten auch Interesse am anderen Geschlecht, nur eben nicht aneinander – und die Kaiserin Elisabeth wartete auf Nachwuchs aus dieser großfürstlichen Ehe, um den Bestand der Dynastie gesichert zu sehen.
1752 ließ sich Katharina auf ein Verhältnis mit dem 26-jährigen Kammerherrn Sergej Saltykov ein, von dem sie in ihren Memoiren sagt, er sei schön wie der Tag gewesen. 30Diese Affäre währte noch, als Katharina 1754 von einem Sohn entband, der auf den Namen Paul getauft wurde und den die Kaiserin in ihre Obhut nahm. Katharina sollte nie eine enge Bindung zu ihrem Sohn entwickeln. 31
Über die Vaterschaft ist viel spekuliert worden. Großfürst Peter erkannte ihn jedenfalls an und sprach in Briefen von »seinem Sohn Paul«. Sergej Saltykov hingegen wurde faktisch vom Hof verbannt, als ihm aufgetragen wurde, Pauls Geburt am schwedischen Hof anzuzeigen. Peter hatte zu diesem Zeitpunkt bereits ebenfalls eine Mätresse, Elisaveta Romanovna Voroncova, mit deren jüngeren Schwester Ekaterina sich Katharina anfreundete.
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