Im September 1762 erfolgte die Krönung mit all jenen Elementen, die die Tradition gebot und die sich nur geringfügig variieren ließen. Auch im Zeitalter der Aufklärung waren die tiefe sakrale Bedeutung und die rituelle Übertragung der Insignien, die Erteilung des göttlichen Segens an die Herrscherin durch die Salbung und das Sakrament des Abendmahls während der feierlichen Liturgie Kern der Herrschaftsübertragung und der Legitimation.
An jenem Sonntagmorgen kündigten Pauken und Trompeten den Beginn der Zeremonie an. 32Das Militär war auf dem Kathedralenplatz des Kremls angetreten. Schaulustige füllten nicht nur den Platz und die Tribünen, sondern auch die Dächer der Häuser und Klöster der Kremlanlage. Katharina erschien am Tor des alten Kremlpalastes und schritt unter Glockengeläut und Ehrensalven die Paradetreppe herab. In der Vorhalle der Mariä-Himmelfahrt-Kathedrale erwartete sie die hohe Geistlichkeit des Reiches. Unter dem Gesang des Psalmes »Gnade und Gericht, singe ich Dir, oh Herr« betrat sie den Innenraum der Kathedrale, »verrichtete vor den Ikonen ihre Andacht« und stellte sich auf den erhöhten Podest, auf dem der edelsteinverzierte ›persische Thron‹ aufgestellt worden war, und verlas das Glaubensbekenntnis.
Die Krone, die ihr auf einem goldenen Kissen vom Novgoroder Erzbischof gebracht wurde, setzte sie sich selbst aufs Haupt. Im Moment der Krönung schossen die Kanonen auf dem Roten Platz Ehrensalut. Katharina verlas ein Dankgebet und begab sich danach in vollem Ornat aus der Krönungskathedrale in die übrigen Kathedralen des Kremlplatzes. Auf ihrem Umzug über den Platz wurden die bereitgestellten 600.000 Goldrubel in die jubelnde Menge geworfen.
Abb. 4: Stefano Torelli, Krönung Katharinas der Großen in der Himmelfahrtskathedrale des Moskauer Kreml (1762).
Damit war der Krönungstag allerdings keineswegs beendet. Im Audienzsaal zeichnete sie mehrere Personen mit Orden und Ehrenzeichen aus, die sich beim Umsturz und der Ausrichtung der Krönungsfeierlichkeiten große Verdienste erworben hatten, schließlich erfolgte ein Mittagsmahl im Facettenpalast. Allein und auf dem Thron sitzend eröffnete sie das Essen, während die hohen Würdenträger des Reiches ihr stehend Ehre bezeugten und erst auf ihr Geheiß zu tafeln begannen. Der Tag der Krönung wurde beschlossen mit einer festlichen Illumination des Kremls, insbesondere des Glockenturms ›Ivan Velikij‹. Gegen Mitternacht zeigte sich die gekrönte Kaiserin noch einmal auf der Paradetreppe des Kremlpalastes, um im Lichterglanz die Huldigungen des noch immer versammelten Volkes entgegenzunehmen.
In der folgenden Woche reihte sich eine Festlichkeit an die andere: Am Montag wurden die weniger bedeutenden Höflinge im Facettenpalast empfangen, das diplomatische Korps brachte seine Glückwünsche dar und die Kaiserin demonstrierte ihre Volkstümlichkeit, indem sie auf dem Kathedralenplatz ein Volksfest ausrichten ließ. Ochsen drehten sich am Spieß, roter und weißer Wein sprudelte aus eigens errichteten Fontänen und mehrfach zeigte sich die Kaiserin dem Volk. Am Dienstag folgte der Empfang des russischen und deutschbaltischen Adels sowie der Gardeoffiziere, ihrer loyalen Parteigänger.
Am Donnerstag empfing sie Deputierte der 1755 gegründeten Moskauer Universität, welche sie mit panegyrischen Oden bereits zu diesem Zeitpunkt als weiseste Mutter des Vaterlandes verherrlichten. Schmeichelei und die Formulierung von Erwartungen an ihre Herrschaft gingen hier Hand in Hand. Abordnungen der Kaufmannschaft schlossen sich an.
Am Freitag schließlich waren Vertreter der Armenier, Tataren, Kalmücken, der Kosaken von der Wolga, vom Don und vom Jaik geladen, um ihr zu huldigen. Beinahe alle gesellschaftlichen Schichten, alle Ethnien des russischen Vielvölkerreiches machten der gekrönten Kaiserin ihre Aufwartung im Facettenpalast – nur den städtischen Unterschichten und den Bauern war es nicht vergönnt, zur Kaiserin vorgelassen zu werden. Sie mussten mit dem Anblick Katharinas auf der Paradetreppe vorliebnehmen. Nach weiteren Bällen und Abendessen folgte genau eine Woche nach dem Krönungssonntag ein Abschlussfeuerwerk.
Katharinas Krönungsfeierlichkeiten können als beispielhaft für den Ausgleich von Tradition und Neuerung sowie eine perfekte Nutzung des Kremls als Bühne für politische Kommunikation gelten. Und die Kaiserin blieb zunächst in Moskau und Umgebung. Weitere Bälle und Lustbarkeiten folgten, aber auch eine Wallfahrt ins Sergej-Troice-Kloster, das seit dem 14. Jahrhundert eines der bedeutendsten Klöster der Orthodoxie war.
Katharina knüpfte unmittelbar anschließend an die Tradition der Herrscherreise an, die auch die Kaiserin Elisabeth unternommen hatte. Peter I., auf den sich beide stets bezogen, war fast permanent in seinem Reich unterwegs gewesen, freilich oft auch, um von einem Kriegsschauplatz zum anderen zu reisen. Reisen, auch religiös motivierte wie Wallfahrten, dienten nach Peter I. ausschließlich der Repräsentation und vor allem der symbolischen Kommunikation mit den Untertanen durch Herrschernähe. So hatte Elisabeth den Sommer des Jahres 1744 in der Ukraine verbracht. In Kiev hatte sie das Höhlenkloster aufgesucht, das für sie als tiefreligiöse Frau Ausgang der Orthodoxie in der mittelalterlichen Rus’ war. Katharina und ihr Mann hatten sie begleiten müssen. Im Sommer des nächsten Jahres hatte sie sich nach Reval begeben. Es war das erste Mal seit Peter dem Großen, dass sich eine russische Herrscherin in die neuerworbenen Ostseeprovinzen begab.
Katharina setzte diese Tradition der Reisen insbesondere zu Beginn ihrer Herrschaft fort und schuf somit Vertrauen in ihre Herrschaft durch Anwesenheit. 1762/63 suchte sie die alten Fürstenstädte Jaroslavl und Rostov auf und erwies damit der mittelalterlichen Rus’ ihre Reverenz, deren Traditionen sie in ihren späteren Schriften zur russischen Geschichte als protonationalen Kern herauszuarbeiten trachtete. 33
1764 reiste sie nun als Kaiserin ins Baltikum, das sie bereits kannte. Die baltischen Provinzen Livland und Estland waren im Großen Nordischen Krieg, den Peter I. gegen Schweden geführt und gewonnen hatte, an das Russische Imperium gekommen. Im Frieden von Nystadt 1721 war die Sozial- und Gesellschaftsverfassung der baltischen Provinzen nicht angetastet worden. Ganz im Sinne einer frühneuzeitlichen monarchia mixta handelte es sich um eine Angliederung, in der sowohl die baltischen Ritterschaften Livlands und Estlands als auch die Städte den Fortbestand ihrer Privilegien und Rechte zugesichert bekommen hatten. Dies galt auch für Konfession und Religion. Insgesamt waren also die baltischen Provinzen grundsätzlich anders verfasst als die übrigen Territorien des Imperiums.
Katharina stand deutlich vor Augen, dass sie mit den baltischen Provinzen über Territorien herrschte, die sich ausgezeichnet als Experimentierfeld für Reformen eignen würden. Gleichzeitig sah sie, dass es sich beim Baltikum um ein »Reservoir tüchtiger Menschen« handelte, 34auf deren Mithilfe sie bei der Regierung und Reform Russlands setzte. Ihre Reise hatte also einen doppelten Zweck: Zum einen wollte sie diese Provinzen an der nordwestlichen Peripherie ihres Reiches besser kennenlernen, zum anderen wollte sie mit einer solchen Reise natürlich auch imperiale Herrschaft demonstrieren und die für sie so wichtigen Untertanengruppen einbinden.
Katharina war bereits zuvor zweimal im Baltikum gewesen: Das erste Mal hatte sie die baltischen Provinzen durchquert, als sie 1744 nach Russland gereist war. Das zweite Mal hatte sie die Kaiserin Elisabeth 1746 gemeinsam mit ihren Mann Peter begleitet. Nun kam Katharina als Herrscherin. 35
Die vierwöchige Reise begann in St. Petersburg am 20. Juni 1764 und führte die Kaiserin zunächst nach Narva. Katharina nahm die gleiche Route wie 1746 mit der Kaiserin Elisabeth. Sie machte auf dem Weg Station auf den Landgütern oder in Poststationen, jeweils wurde sie von ansässigen Adligen empfangen, bevor sie am 24. Juni in Katharinental eintraf und sich am nächsten Tag per Schiff nach Reval begab. Vier Tage voller Festivitäten verbrachte Katharina in der Hauptstadt Estlands. Dann ging es weiter nach Baltischport, einen Ort, den Katharina umbenannt hatte; am 2. Juli folgte der Aufbruch nach Livland wieder über Adelsgüter, bis sie schließlich am 3. Juli in Pernau anlangte. In Riga, der Hauptstadt Livlands, traf sie am 9. Juli ein. Hier wurde sie mit Glanz und allem Aufwand empfangen. Aus den Brunnen vor dem Rigaer Rathaus sprudelte Wein statt Wasser. Stände und Bürger bemühten sich, Provinz und Stadt im besten Zustand zu präsentieren, Renovierungen von Infrastruktur und Stadtbild waren erfolgt. Von Riga aus besuchte die Herrscherin Mitau, und bevor sie dann die Rückreise aus Riga antrat, fuhr sie in Richtung Dorpat. Schließlich verließ sie am 20. Juli Livland und wurde von den Gouverneuren der Provinzen bis nach Narva begleitet, von wo aus sie mit dem Schiff nach St. Petersburg zurückfuhr, wo sie am 25. Juli 1764 eintraf.
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