Der durchschnittliche Verbrauch in Deutschland liegt bei etwa 45.000 Tonnen Heilpflanzen pro Jahr. Mit dieser Menge ist Deutschland im weltweiten Vergleich der absolute Spitzenreiter – auch im Vergleich zu den USA. Das hat wesentlich mit dem bei uns ausgeprägten Bewusstsein für eine gesunde, biologisch-ökologische Lebensweise zu tun.
Ohne die ungeheuren Leistungen der Schulmedizin infrage zu stellen, schätzen die Menschen heute vor allem, dass bei sachgemäßer Anwendung eine Heilung auf sanftem Wege möglich ist und keine starken Nebenwirkungen auftreten. Viele Heilpflanzen heilen den Körper, ohne Nieren und Leber zu schädigen oder den Darm in Mitleidenschaft zu ziehen. Im Gegenteil: Das Immunsystem wird nachhaltig gestärkt und die Wahrscheinlichkeit einer erneuten Erkrankung verringert.
Die Geschichte der Medizin ist auch eine Geschichte der Heilkräuter. Die Schulmedizin hat die Phytotherapie nie ganz verdrängen können. Mit der heutigen Phytotherapie ist eine eigenständige Wissenschaft gemeint, in der die Bestimmung der Pflanzeninhaltsstoffe und die Erforschung ihrer Wirkung im Zentrum steht. Was die Menschen durch die Jahrhunderte hindurch auf Basis von Erfahrung und Überlieferung praktizierten, wird heute wissenschaftlich untermauert – wie zum Beispiel die Forschungsergebnisse zur Wirkung von Johanniskraut oder Efeu zeigen. Phytotherapien sind mittlerweile auch bei den Schulmedizinern akzeptiert und werden oft unterstützend, manchmal auch alternativ zur Heilung verwendet. Rund 70 Prozent der deutschen Bevölkerung nutzt pflanzliche Arzneien zur Behandlung von Beschwerden. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass aktuell 80 Prozent der Weltbevölkerung pflanzliche Heilmittel innerhalb der grundlegenden medizinischen Betreuung einsetzen. Besonders wertvoll sind sie bei der Behandlung von Alltagsbeschwerden, bei akuten und chronischen Beschwerden.
Neben den Therapien mit einheimischen Heilmitteln sind in Europa Heilbehandlungen im Rahmen des Ayurveda und der Traditionellen Chinesischen Medizin besonders verbreitet. Die Lehre von Yin und Yang, deren Gleichgewicht in der Lebensweise und im Organismus für die Gesundheit verantwortlich ist, half und hilft vielen, auf schonende Weise gesund zu werden und zu bleiben.
Die Heilkraft des Baldrian ist seit der Antike bekannt. Baldrian gilt als beruhigend und schlaffördernd. Klinische Studien im Schlaflabor belegen, dass Baldrian tatsächlich gegen Schlafstörungen hilft.
Für die westlichen wie auch die östlichen alternativen Heilweisen gibt es verschiedene Anwendungsarten. Doch beide haben eine Tradition gemeinsam: Seit Jahrtausenden vertrauen sie auf die Wirkung von Heiltees, Salben und Tinkturen, die sich mithilfe des Suds herstellen lassen. Bisher werden die beiden Teearten in Europa separat und unabhängig voneinander verwendet – man entscheidet sich für den Tee chinesischer Herkunft oder den Tee mit europäischen Kräutern.
Doch genau wie sich die Wirkstoffe innerhalb einer Pflanze gegenseitig verstärken können, so ist das auch übergreifend zwischen Pflanzen – und mehr noch: zwischen den Pflanzen aus zwei Kulturen möglich. Um es mit Aristoteles zu sagen: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.
Synergien zwischen Ost und West
Die östlichen und westlichen Heilpflanzen sind ein Geschenk der Natur und können sich in ihrer Wirkung gegenseitig verstärken. Das Prinzip des Synergismus besteht darin, dass eine Substanz eine andere in ihrer Wirkung unterstützt oder potenziert. Die Gesamtwirkung übertrifft dabei die Summe der Einzelwirkungen. Will man einen Heiltee gegen Kopfschmerzen trinken, fügt man zum Beispiel zu den chinesischen Kräutern Rote Pfingstrosenwurzel (Chi Shao) und Saflorblüten (Hong Hua), die hiesige Weidenrinde und Gelbes Jasminkraut hinzu. So können sich die beruhigenden und schmerzlindernden Kräfte stärker und gezielter entfalten. Manche Kräuter werden durch den Synergieeffekt verstärkt, andere leichter im Körper aufgenommen. Sachgemäß angewendet, potenzieren sich die Wirkungen der Pflanzen und wirken noch spezifischer auf die jeweilige Beschwerde.
Die vorliegenden Rezepturen lassen dem Leser die Wahl: Um den Synergieeffekt zu nutzen, können die Tees auf zwei verschiedene Weisen getrunken werden. Zum einen bereitet man die chinesischen und europäischen Kräuter getrennt zu und trinkt sie nacheinander im zeitlich vorgegebenen Wechsel. In der anderen Variante stellt man sich gemäß den detaillierten Vorgaben eine chinesisch-europäische Kräutermischung zusammen, deren Absud mehrmals täglich eingenommen wird.
Aufgrund des Synergieeffektes können die Kräuter eine Kraft entfalten, die eine schnellere und länger anhaltende Wirkung erzielt als die bisherigen Anwendungen.
Wie in der Geschichte der alten Seidenstraße, der traditionellen Ost-West-Route, durch die sich östliche und westliche Weisheiten und Lehren, Ideen und Religionen befruchten konnten – so können sich beide Kulturen auch bei einem der wichtigsten Themen der Menschheit, der Heilung von Krankheiten, gegenseitig fördern und einen gemeinsamen Nutzen ziehen.
Wie Pflanzen heilen – die wichtigsten pflanzlichen Wirkstoffe
Die Wirk- oder Inhaltsstoffe der Heilpflanzen entstehen während des Wachstums durch den Stoffwechsel der Pflanze und können für den menschlichen Organismus eine direkte oder eine indirekte Wirkung haben. Bei der indirekten Wirkung dienen sie als Transportmittel für die Wirkstoffe in den Organismus. Die Inhaltsstoffe können sich in der ganzen Pflanze befinden oder aber in einem speziellen Teil der Pflanze, wie der Rinde (Cortex), der Blüte (Flos), den Blättern (Folium), den Früchten (Fructus), dem Kraut (Herba), der Wurzel (Radix), dem Wurzelstock (Rhizoma) oder dem Samen (Semen).
Dass viele Pflanzen eine heilende Wirkung entfalten, verdanken sie ihrer sehr komplexen Zusammensetzung. So finden sich in ihnen nicht nur Gerb- und Bitterstoffe, sondern auch ätherische Öle, Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente sowie eine Fülle anderer Inhaltsstoffe. Seit Jahrtausenden machen sich die Menschen Pflanzen und ihre Extrakte für die Heilung und das Wohlbefinden zunutze. Heute jedoch hat man die Möglichkeit, die schon aus den alten Schriften bekannten Heilpflanzen nach wissenschaftlichen Methoden zu untersuchen und sie auf ihre Wirksamkeit zu überprüfen. Falsche Verabreichungen können damit immer häufiger ausgeschlossen werden. Damit sind die Pflanzenwirkstoffe sehr genau auf das jeweilige Beschwerdebild anwendbar und einer natürlichen Heilung steht nichts im Wege.
Die wichtigsten Inhaltsstoffe einer Heilpflanze hat man in folgende Wirkstoffgruppen zusammengefasst: ätherische Öle, Alkaloide, Bitterstoffe, Flavonoide, Gerbstoffe, Glykoside, Kieselsäure, Phytohormone, Saponine, Schleimstoffe (Polysaccharide), Vitamine, Mineralien und Spurenelemente.
Die Zwiebel (Zhe Bei Mu) dieser anmutigen Pflanze hat einen bitteren Geschmack. Ihr Wirkstoff stoppt akuten Husten und heilt Wunden und Schwellungen.
Wirkstoffe
Ätherische Öle:Diese Öle sind pflanzliche Inhaltsstoffe, die leicht flüchtig, im Wasser aber nicht löslich sind. Das Öl wird in den Öldrüsen der Pflanze produziert und lagert sich in spezifischen Zellen oder Gängen ab. Diese befinden sich in Blüten, Blättern, Samen, Fruchtschalen, Wurzeln, Rinden (Zimtrindenöl) oder im Holz. Obwohl ein einziges Öl sehr viele Einzelstoffe beinhalten kann, zeigen alle den gleichen Heileffekt: Sie wirken entzündungshemmend, harntreibend, krampflösend und stärkend auf Magen, Darm, Galle und Leber, Herz und Kreislauf. Ätherische Öle, wie Eukalyptus oder Menthol, dienen auch zur Schleimlösung. Die Öle werden durch die sogenannte Wasserdampfdestillation gewonnen und besitzen einen starken, für die Herkunftspflanze charakteristischen Geruch. Diese Düfte dienen auch in der Pflanzenwelt als Schutz vor Bakterien und Pilzbefall.
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