Krankheitsauslösende Faktoren
Die Traditionelle Chinesische Medizin geht davon aus, dass immer mehrere Faktoren zusammentreffen, wenn Yang und Yin ins Ungleichgewicht geraten und eine Krankheit entsteht. Sie unterscheidet zwischen krankmachenden »inneren Ursachen«, »äußeren Ursachen« und »sonstigen Ursachen«.
Äußere Krankheitsursachen
Zu den äußeren Faktoren zählen klimatische Bedingungen: Wind, Kälte, Hitze, Feuchtigkeit und Trockenheit. Diese Krankheitszeichen können auch im Inneren des Körpers entstehen. Dabei verbinden sich möglicherweise bestimmte Faktoren, zum Beispiel »feuchte Hitze« oder »Wind-Hitze«.
Wind:Die Symptome sind ähnlich denen in der Natur – plötzlich auftretende, akute Beschwerden, die schnell ihre Lokalität wechseln. Das ist zum Beispiel bei Hautkrankheiten der Fall, wenn der Juckreiz von einer Stelle zur nächsten springt.
Hitze:Symptome sind Temperatur (Fieber), Schwitzen, Durst, eine rote Zunge und ein schneller Puls. Rote Hautausschläge und Sonnenbrand zählen beispielsweise zu den Hitze-Erkrankungen.
Kälte:Anzeichen sind Frösteln, kalte Gliedmaßen, Blässe und das Bedürfnis nach Wärme. Kälte blockiert die Leitbahnen im Körper und somit das Qi.
Feuchtigkeit:Symptomatisch sind Klebrigkeit, Unreinheit und Schwere. Die Feuchtigkeit dringt gerne durch feuchte Kleidung oder eine feuchte Umgebung in den Körper und besonders in die Gelenke ein, blockiert den Energiefluss und sorgt für chronische Beschwerden.
Trockenheit:Anzeichen hierfür sind beispielsweise Halsschmerzen, eine trockene, rissige Zunge und trockene Haut.
Innere Krankheitsursachen
Als innere Auslöser einer Krankheit gelten die Emotionen. Zu den Emotionen zählen: Freude, Zorn, Traurigkeit, Sorgen, Angst oder auch Schock. Diese emotionalen Befindlichkeiten sind untrennbar mit dem Körper verbunden, da Geist und Seele eine Einheit bilden. Beispielsweise wird der Mensch bei großer Trauer auch krankheitsanfälliger. Umgekehrt schließt der Therapeut etwa bei jemandem, der schnell aus der Haut fährt, auf eine energetische Störung des Funktionskreises Leber.
Ausschnitt aus einem medizinischen Standardwerk der Qing-Dynastie aus dem 18. Jahrhundert über Akupunktur und Kräutermedizin.
Sonstige Ursachen
Hierzu gehören alle Auslöser, die nicht zu den inneren oder äußeren Ursachen zählen: eine schwache Konstitution, Unfälle, Verletzungen, Vergiftungen, schlechte Ernährung, Überarbeitung, sexuelle Verausgabung oder falsche medizinische Behandlungen.
Die Diagnose in der TCM
Am Beginn jeder Behandlung durch einen chinesischen Arzt steht eine Anamnese, die Abklärung der Vorgeschichte einer Krankheit. Die Diagnostik setzt sich aus vier Teilen zusammen: Befragung, Betrachtung, Tasten, Hören und Riechen. Bei der Befragung erkundigt sich der Arzt nach der familiären Disposition, den Lebensgewohnheiten und bisherigen Erkrankungen und nach sonstigen Beschwerden. Die Betrachtung schließt Gang, Körperbau und Stimme mit ein, außerdem die Beschaffenheit von Haut und Haaren. Ein weiteres wichtiges diagnostisches Mittel ist die Bewertung von Zunge und Puls – damit erkennt der Arzt, wo sich die Erkrankung befindet und wie schwerwiegend sie ist. Bei der Zungendiagnose lassen Farbe und Belag auf akute Körperprozesse schließen. Auch der Puls erlaubt verschiedene Einordnungsmöglichkeiten: Ein erfahrener Arzt kann anhand verschiedener Taststellen und Tiefen bis zu 32 verschiedene Pulse erfassen. Ein langsamer Puls ist immer als Yin einzuordnen, ein schneller als Yang.
Die Akupunkturpunkte liegen auf den Meridianen (Leitbahnen), durch die das Qi fließt.
Anschließend erstellt der Arzt ein sogenanntes »Disharmoniemuster«, aufgrund dessen er seinen Behandlungsplan für den Patienten erarbeitet.
Die fünf Behandlungssäulen
Die Behandlung ist grundsätzlich individuell auf den Patienten abgestimmt. Und sie zielt immer auch auf eine Änderung der bisherigen Lebensgewohnheiten ab, die zu dieser Störung geführt haben. Die Traditionelle Chinesische Medizin kennt fünf Säulen der Behandlung:
Kräuterheilkunde
Akupunktur und Moxibustion (Stimulierung bestimmter Akupunkturpunkte durch Wärme)
Ernährung
Massage
Bewegungslehren wie Tai-Chi, Yoga und Qigong
70 bis 80 Prozent aller Behandlungen erfolgen dabei durch die Kräuterheilkunde, auch wenn die Heilmethode der Akupunktur bei uns vielleicht noch immer bekannter ist. Bei der Akupunktur werden an bestimmten Körperstellen feine Nadeln in die Haut gestochen. Man geht davon aus, dass durch diese Stiche die Energie in den Leitbahnen beeinflusst wird und man damit auch auf die inneren Organe einwirken kann. Akupunktur wird meist auch zur Schmerzlinderung eingesetzt.
Ernährungslehre, Massage und Bewegungsübungen werden häufig ergänzend eingesetzt. Durch die langsamen kontrollierten Bewegungen, z.B. bei Tai-Chi, steigern sich bei regelmäßiger Anwendung Koordination und Flexibilität. Die Achtsamkeit auf den eigenen Körper erhöht sich.
Die Massage (Tui Na) schließt auch Akupressurtechniken mit ein und trägt zur Blockadelösung bei Störungen des Energieflusses bei. Gleichzeitig wird ihr eine positive Wirkung auf die inneren Organe zugeschrieben.
Die Ernährungslehre dient vor allem dazu, fit und gesund zu bleiben und Krankheiten schon im Vorfeld vorzubeugen – ein wichtiges Anliegen der Traditionellen Chinesischen Medizin.
Die Chinesische Kräuterheilkunde in der Praxis
Die Behandlung mit Pflanzen (Phytotherapie) wird individuell und je nach Beschwerdebild genau auf die Bedürfnisse des Patienten abgestimmt. Sie kann rein äußerlich erfolgen, mit Salben, Waschlotionen, Bädern und Umschlägen, oder innerlich in Form von Teezubereitungen, sogenannten Dekokten, und Einnahmepräparaten.
Chinas jahrtausendealter Kräutergarten
Die Rezeptur setzt sich meist aus mehreren Zutaten zusammen, deren Wirkungen sich ergänzen und unterstützen. Dazu verfügt die Traditionelle Chinesische Medizin über einen ungeheuren Schatz an Heilmitteln: Neben den Blättern des Teestrauchs finden dabei auch vielerlei andere Pflanzen und Pflanzenteile Verwendung, etwa Rinde, Ästchen, Stängel, Wurzeln, Samen, Schalen, Früchte oder Blüten. Diese machen rund 90 Prozent der Rezeptur aus. Ergänzend kommen tierische Produkte und Mineralien hinzu.
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