Emil Wettstein, im März 2020
Vorwort des Herausgebers
Zu diesem Buch
Abkürzungen
Zeittafel
Übersicht über die Entwicklung
Anfänge der Berufsbildung
Zünfte − Blütezeit und Niedergang
Konkurrenzfähigkeit durch Qualifizierung der Arbeitenden
Basisausbildung als Voraussetzung für die Berufsbildung
Zwei Wege der beruflichen Grundbildung
Zwei Systeme im Wettbewerb
Kaufmännische Berufsbildung
Landwirtschaftliche Berufsbildung
Kompetenzen für Kantone und Bund
Vollzug der neuen Gesetzgebung
Berufliche Grundbildung als einer von mehreren Qualifizierungswegen
Die Berufsschulen entwickeln sich
Berufliche Grundbildung in der Industrie
Weiterbildung wird zum Thema
Erste Revision des Berufsbildungsgesetzes
Lehrerbildung
Begabtenförderung
Zweite Revision des BBG – der abgebrochene Aufbruch
«Nicht-BIGA-Berufe»
Sekundarstufe II und Tertiärstufe
Berufsbildung an Hochschulen
1980er- und 1990er-Jahre
Bundesverfassung: Bildungsraum Schweiz statt Gewerbeförderung
Dritte Revision des Berufsbildungsgesetzes
Umsetzung der neuen Bestimmungen
Vertiefung
01 Ausbildungsverhältnisse in den Zünften − Vorläufer der Berufslehren
02 Entwicklung der Volksschule
03 Berufsbildung wird zum Thema der Politik − erste Bundesbeschlüsse
04 Kantonale Lehrlingsgesetze
05 Das erste Bundesgesetz zur Berufsbildung
06 Erste Revision 1963
07 Zweite Revision 1978
08 Bundesverfassung: Von der Gewerbeförderung zum «Bildungsraum Schweiz»
09 Dritte Revision 2002
10 Vollzug der Gesetzgebung − Steuerung der Berufsbildung
11 Lehrstellenmarkt und Nachwuchsförderung
12 Kaufmännische Aus- und Weiterbildung
13 Landwirtschaftliche Berufsbildung
14 Ausbildung in der Industrie
15 Nichtärztliche Gesundheitsberufe
16 Monopolberufe
17 Frauen in der Berufsbildung
18 Leistungsstarke und Leistungsschwache
19 Berufliche Grundbildung für Erwachsene
20 Von der Mustersammlung zum Museum für Gestaltung
21 Berufs- und Fachschulen – Vorläufer und Gründungen im 18. und 19. Jahrhundert
22 Berufsschulen − Entwicklungen im 20. Jahrhundert
23 Ziel und Inhalt des Berufsschulunterrichts
24 Professionalisierung der Lehrpersonen in Berufsschulen
25 Berufsmittelschule – Berufsmaturität
26 Modernisierung – IKT als Herausforderung für die Berufsbildung
27 Betriebslehre versus Lehrwerkstätte in der gewerblich-industriellen Berufsbildung
28 Berufliche Grundbildung als Teil der Sekundarstufe II
29 Tertiärstufe: höhere Berufsbildung
30 Tertiärstufe: Hochschulen
31 Weiterbildung
32 Berufsbildung für Migrantinnen und Migranten
33 Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung
Blick zurück – Konstanten und Veränderungen
Verzeichnis der Abbildungen
Verzeichnis der Grafiken
Verzeichnis der Tabellen
Übersicht über die Entwicklung
Anfänge der Berufsbildung
Seit es Kulturen gibt, stehen die Menschen vor der Frage, wie sie das Wissen und Können, das ihre Kultur ausmacht, an die nächste Generation weitergeben. Sie stehen vor der Frage, wie sie dem Nachwuchs beibringen können, wie man jagt, wie man Nahrung zubereitet und Musik macht, wie man Werkzeuge, Gefässe, Schmuck herstellt, wie man kämpft, heilt, handelt und Götter gnädig stimmt. Nach und nach entwickelten sie diesbezüglich eine gewisse Tradition: Verfahren zur Vermittlung des für das Leben notwendige Wissen und Können waren entdeckt.
Ein erstes Zeugnis von intentionaler Berufsbildung sind Regelungen in einem Gesetzeswerk der Babylonier. [–1700] Im römischen Reich existierten bereits zwei Formen von beruflicher Grundbildung, Berufslehren in Betrieben und schulorganisierte Berufsbildungen in Fachschulen. [66]
Die häufigste Form war – und ist heute noch – die Vermittlung während der Ausführung der jeweiligen Arbeit. Ein kleiner aber nach und nach wachsender Teil erwirbt das nötige Wissen und eventuell auch die erforderlichen Fertigkeiten und Verhaltensweisen in Gruppen von Lernenden, angeleitet durch eine Fachperson.
Im Mittelalter erfolgt intentionales (absichtliches) Lehren und Lernen in unseren Breitengraden in Klöstern, an den Höfen von Adligen, an Universitäten und Akademien sowie in Zusammenschlüssen von Handwerkern und Händlern, den sog. Zünften. [900a; 1100a; 1231a; 1460b]
Zünfte − Blütezeit und Niedergang
Die ersten Zeugnisse, wie die Mitglieder von Zünften ihren Nachwuchs ausbildeten (und unliebsame Konkurrenz verhinderten), stammen aus dem 12. Jahrhundert. Es wird festgelegt, wer ausbilden darf (nur «Meister»), wer als Lehrling in Frage kommt (meist nur ehelich geborene Knaben aus der Stadt), wie lange die Ausbildung bis zum ersten Abschluss dauert (oft drei Jahre), wie der Erfolg der Ausbildung gemessen wird (Lehrstück), wie die Weiterbildung erfolgt (Wanderschaft), wer einen eigenen Betrieb führen darf und vor allem: wer all diese Regeln festlegt. [1350a]
Viele der Regeln dienen nicht nur der Qualifizierung des Nachwuchses, sondern auch der Sicherstellung eines ausreichenden Einkommens durch Vermeidung von Wettbewerb. In vielen Gegenden und Branchen dürfen bestimmte Tätigkeiten nur in Städten und nur von Zunftmitgliedern ausgeübt werden. Alle Mitglieder einer Zunft haben die gleichen Produkte und Dienstleistungen anzubieten und zu den gleichen Preisen zu verrechnen.
Dies geht lange gut (aus Sicht der Zunftmitglieder), doch nach und nach entwickeln sich ausserhalb der Zünfte neue Technologien (etwa die Herstellung von Farben in chemischen Prozessen), neue Materialien werden bekannt (Kartoffeln, Glas, Gussstahl u. a.), neue Formen, Betriebe zu führen (Einsatz der doppelten Buchhaltung), neue Methoden, Güter über grosse Distanzen auszutauschen (z. B. Wagen mit Achsen aus Eisen). [1740a]
Abbildung 1Eine Spengler-Werkstatt um 1800. Handwerkliche Arbeit erfolgte meist in Hausgemeinschaften, umfassend die Familie des Lehrmeisters, Gesellen und Lehrlinge (Was willst du einmal werden? Bilder aus dem Handwerkerleben. Berlin 1880)
Vor allem aber werden handwerkliche Verfahren immer mehr durch Arbeitsteilung optimiert und die Arbeitenden von Maschinen unterstützt. Die neuen Manufakturen und Fabriken treiben die nach herkömmlichen Methoden arbeitenden Handwerker in den Ruin [1819a]. Im 18. Jahrhundert fällt das Zunftsystem überall in Europa zusammen. [1776a]
In der Schweiz beginnt diese Entwicklung mit der Ablösung der alten Eidgenossenschaft durch die Helvetik 1798. Die Handels- und Gewerbefreiheit wird in Ansätzen mit der ersten Bundesverfassung 1848 und als Grundrecht mit derjenigen von 1874 realisiert. [1848a; 1874a]
Mehr zu den Zünften in Kapitel 01
Konkurrenzfähigkeit durch Qualifizierung der Arbeitenden
Mit der Auflösung der Zünfte verschwindet die Sicherung des Nachwuchses, also die Ausbildung von Handwerkern und Händlern. Neue Transportmittel und die Entstehung grosser Unternehmen, die den Willen und die Kraft haben, neue Märkte zu erschliessen, führen zum Anwachsen des überregionalen, später des internationalen und ab dem Aufkommen von Dampfschiffen (ab 1860) auch des interkontinentalen Handels. Ab 1850 ist Weizen aus den USA billiger zu haben als einheimischer, sodass die Landwirte vom Ackerbau auf Vieh- und Milchwirtschaft umstellen müssen. Die industrielle Herstellung von Bekleidung und anderen Gütern führt zum Niedergang vieler Gewerbebetriebe. [1850c; 1850d]
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