Die Denkräume, die Queertheorie öffnet, sind, wie bei jeder Kritik an bestehenden Mythen und Begriffen, zugleich vage und einladend. Vage ist Queertheorie insofern, als sie sich keiner festen Paradigmen bedienen kann, also das, was wir in den Texten suchen, nicht vorher schon offenkundig ist. Ausgeblendete Phänomene aber sichtbar zu machen und die prinzipielle Offenheit dieser Theorie, die sich für Jargose als so signifikant erweist, bilden zugleich den Reiz der Theorie. Für welchen Menschen könnte diese kritische Denkbewegung uninteressant sein und, was im Zusammenhang dieser Einführung ebenso bedeutend ist, für welchen Text kann die Hinterfragung der sexuellen Orientierung seiner Figuren nicht eine erhebliche Lektürehilfe eröffnen? Sicher ist, wie bei allen Theorien und Methoden, nicht jeder Text gleichermaßen dafür geeignet, ihn mit der Brille der Queer Studies zu untersuchen. Bestimmte Texte, in denen die Liebesbeziehungen oder die sexuellen Verwicklungen ihrer Figuren im Vordergrund stehen, bieten sich für queeres Denken gewiss besser an als Texte, in denen andere Inhalte dominieren. Es ist aber ein Kurzschluss zu glauben, dass die Texte, für die sich Queer Studies als Methode besonders eignen, immer von den offenkundig aus dem Heterosystem Ausgestoßenen handeln müssten. In einem Aufsatz über neue Entwicklungen in der Literatur- und Kulturwissenschaft stellt Eveline Kilian Queer Studies zwar als Instrumentarium für diese Art von Texten vor, indem sie eine Transsexuellenautobiographie, einen Text einer Transgenderaktivistin und eine Textcollage, die für ein fluides Identitätskonzept plädiert, analysiert. Queer Studies an diesen Gegenständen anzuwenden ist sofort einleuchtend, so dass der Aufsatz gut lesbar und seine Argumentation schlüssig ist. Dass sich aber bestimmte Texte geradezu für eine queere Analyse anbieten, soll nicht heißen, dass der Erkenntnisgewinn, der durch Queer Studies erzielt werden kann, nur auf ein Textkorpus beschränkt bleiben darf. Für eine queere Analyse eines Textes muss nicht vorausgesetzt werden – was der zitierte Aufsatz auch gar nicht behauptet –, dass die Protagonist*innen bewusst den Versuch unternehmen, Geschlecht und Identität neu zu denken.12
Sie rechnet mit der Möglichkeit eines Textbegehrens, das sich in einer unterschwelligen symbolischen Ordnung kodiert und nicht mit jenem Begehren deckungsgleich ist, das sich in den Stimmen des Autors, des Erzählers und der Figuren artikuliert.13
Mir scheint aber das Vorurteil weit verbreitet zu sein, dass Texte queer zu lesen nur dann als sinnvoll erachtet wird, wenn sich in diesen Texten ein queeres Begehren deutlich artikuliert. Deshalb werde ich eine Breite von literarischen Texten des 20. und 21. Jahrhunderts vorstellen, die nicht per se schon in einem paradigmatischen Zusammenhang mit queerer Identität stehen, denn in diesem Einführungsbuch soll queeres Denken sich als ein Lektüreschlüssel empfehlen, der keine marginalisierte Existenz verdient, der allerdings auch nicht andere Methoden zwangsläufig in die zweite Reihe zu verdrängen trachtet. Queeres Denken ist für Literaturwissenschaftler*innen deshalb so inspirierend, weil sich die meisten literarischen Figuren deutlich als Objekte von mythischen Geschlechtervorstellungen zu erkennen geben, die jedoch im Laufe der Erzählung immer wieder gebrochen und unterlaufen werden. Das Queere ist etwas, das sich permanent mitteilt, aber eben nur derjenigen Person sichtbar ist, die es sehen will/kann. Die Voraussetzung für eine queere Lektüre besteht darin, die Systemblindheit abzulegen. In einer queeren Analyse eines Textes muss es nun darum gehen, die unterschwelligen, leisen Stimmen zum Sprechen zu bringen, die sich als Unterwanderung der Heteronormativität lesen lassen. Queer Studies bestehen auch für uns als Literaturwissenschaftler*innen in Heteronormativitätskritik. Ohne diesen Begriff sind wir kaum in der Lage, die Beziehungen in den Blick zu nehmen, die ausgeblendet werden. Haben wir mit ‚Heteronormativitätskritik‘ ein Konzept, das klarer denotiert ist als ‚ queer ‘?
2. Heteronormativitätskritik als queere Denkbewegung
Die Philosophin und Rhetorikprofessorin Judith Butler (*1956) gilt als Begründerin der Queertheorie. Grundlegend für die Auseinandersetzung mit der Konstruktion des Begehrens ist ihre Publikation Gender Trouble 1 aus dem Jahr 1990. Sie erschien bereits 1991 unter dem Titel Das Unbehagen der Geschlechter auf Deutsch. Butlers „Unbehagen“ wurde zum Kultbuch, das eine breite, meist auch sehr kritische Rezeption anstieß. Die Schrift erschien nun schon in der 19. Auflage. Es gibt zahlreiche Einführungen in ihr Werk und Judith Butler gilt auch in unserem Fach bereits als „Klassiker[in] der modernen Literaturtheorie.“2 20 Jahre nach Erscheinen der den Queerdiskurs begründenden Publikation wurde die Autorin in einer deutschen Philosophiezeitschrift im Rückblick auf die damals bahnbrechenden Thesen befragt. Ich zitiere eine lange Passage des Interviews, weil diese meines Erachtens in den Kern queeren Denkens einführt.
Ihr Buch „Das Unbehagen der Geschlechter“ handelt von der Frage, wie sexuelles Begehren und geschlechtliche Identität entstehen – eine Frage, die für Sie fundamental für das Verstehen von Kultur ist. Können Sie das erklären?
Zunächst steht Kultur für mich immer im Plural. Wir müssen uns viele Kulturen denken. Doch in fast jedem kulturellen Kontext kommt die Frage auf, ob eine geschlechtliche Festlegung Vorbedingung für kulturelle Teilhabe ist. Muss jemand als Mädchen oder Junge etabliert sein, um in einer bestimmten Kultur verständlich oder erkennbar zu werden? Einige indianische Kulturen haben das Konzept eines dritten Geschlechts. Oder mancherorts bestehen Kategorien für hermaphroditische Menschen. Eine Frage, die mein Buch aufwarf, ist, ob wir im vorherrschenden Gesellschaftsmodell von jemandem eine lesbare geschlechtliche Identität verlangen, um sie oder ihn als Menschen anzuerkennen. Damit wird die Geschlechtsidentität zu einer kulturellen Voraussetzung für das Menschsein.
Sie versuchen in Ihrem Buch zu zeigen, dass unsere geschlechtliche Identität als Mann oder Frau keineswegs natürlich ist. Wie ist das zu verstehen? Gibt es nicht ganz offensichtlich biologische Unterschiede?
Wissen Sie, ich bin ja nicht verrückt. Ich bestreite keineswegs, dass es biologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt. Doch wenn wir sagen, es gibt sie, müssen wir auch präzisieren, was sie sind, und dabei sind wir in kulturelle Deutungsmuster verstrickt. Zum Beispiel sagen Leute zu mir: „Frauen können Kinder gebären, Männer nicht – ist das kein Unterschied? Das leugnen Sie doch nicht!“ Die eigentliche Frage ist aber: Es gibt viele Frauen, die nicht gebären können oder nicht wollen – behaupten wir, sie seien keine Frauen? Wenn wir sagen, Frauen unterscheiden sich von Männern durch diese Fähigkeit, es sich aber herausstellt, dass diese Fähigkeit nicht wesentlich dafür ist, wer sie sind, dann befinden wir uns in einem kulturellen Akt: Wir setzen eine kulturelle Norm der Reproduktion zur Bestimmung eines biologischen Unterschieds fest. Es lässt sich nicht wirklich sagen, was in dieser Debatte biologisch ist und was kulturell.3
Mit diesen Aussagen stehen wir im Zentrum der Heteronormativitätskritik. Denn wenn die Geschlechtsidentität in „kulturelle Deutungsmuster verstrickt“ ist, gilt das auch für das Begehren. Auch ihm ist im Sinne Butlers keine Natürlichkeit zuzuschreiben, denn diese Zuschreibungen unterstehen „einem kulturellen Akt“.
Heteronormativität ist ein zentraler Begriff der Queer Theory , mit dem Naturalisierung und Privilegierung von Heterosexualität und Zweigeschlechtlichkeit in Frage gestellt werden. Das bedeutet, dass nicht nur die auf Alltagswissen bezogene Annahme, es gäbe zwei gegensätzliche Geschlechter und diese seien sexuell aufeinander bezogen, kritisiert wird, sondern auch die mit Zweigeschlechtlichkeit und (ehevertraglich geregelter) Heterosexualität einhergehenden Privilegierungen und Marginalisierungen.4
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