„Es ist doch möglich, dass keiner eine Ahnung hat, wer von den beiden es wird“, warf der jüngste Redaktionssekretär ein.
„Na, dann können sie es ja im Dagbladet lesen“, verkündete Erhardsen fröhlich, der größte Firmenwagen im Raum, der zweitgrößte im ganzen Haus. „Es scheint ja zu laufen“, sagte er und klopfte sich offensichtlich gut gelaunt auf den Oberschenkel. „Beweisen wir, dass wir die anderen Zeitungen um Längen schlagen. Auf, Leute!“, fuhr der Chefredakteur fort, stand auf, ging hinaus und schloss die Tür hinter sich.
„Was für eine Ansprache“, murmelte der Cheffotograf, worauf der gesamte Tisch laut loslachte. Sogar Willatzen.
*
Parteisekretär Peder Schou wand sich. Er hatte nur selten das Gefühl, den Fraktionsvorsitzenden zurechtweisen zu müssen. Doch seit zwei Stunden war das Handy, dessen Nummer nur er und wenige andere kannten, auf Voicemail geschaltet. Das einhundertzweiundfünfzig Gramm schwere Telefon in Erik Pingels Innentasche war das Rote Telefon der Partei, wie jenes, das im Kalten Krieg den Kreml und das Weiße Haus verbunden hatte. Man sollte den Fraktionsvorsitzenden immer erreichen können. Egal warum. So war es abgesprochen. Doch obwohl es alle fünf Minuten klingelte, hatte es fast zwei Stunden gedauert, bis Pingel rangegangen war. Und nicht zum ersten Mal machte Peder Schou in einem vorsichtigen Tonfall darauf aufmerksam, während er von dem Unfall erzählte.
„Ach, was für ein Mist. Kommt er durch?“
„Ich weiß nicht mehr als Ritzau. Das letzte Telegramm zu Aksel ist eine halbe Stunde alt. Da lag er im Koma, aber es heißt, er werde sterben. Lars Bruun ist im Krankenhaus. Ich habe eine Nachricht hinterlassen, dass er anrufen soll.“
„Lars?“
„Aksels Sohn.“
„Ich komme sofort. Kannst du irgendwas schreiben, dass ich trauere, dass Hanne ein großer Verlust für die Partei ist, die Familie in unseren Gedanken ist und all so was und das dann an Ritzau schicken?“
„Das hast du vor einer dreiviertel Stunde gemacht.“
„Gut! Ich bin in einer halben Stunde da.“
Peder Schou legte auf. Erik Pingel klappte sein Handy zusammen. In acht Jahren einer sehr engen Zusammenarbeit hatte er gelernt, wann ein Gespräch beendet war und dass banale Höflichkeitsfloskeln wie Danke, Tschüss und Hallo formelle Umgangsformen waren, mit denen sie ihre Zeit nicht verschwenden wollten. Außerdem schuldeten sie einander so viel, dass sie sich den ganzen Tag über beieinander hätten bedanken können. Schou wusste jedoch genau, dass er Pingel mehr schuldete. Und wenn er es doch mal vergaß, ließ Pingel keine Gelegenheit verstreichen, um ihn – sehr diskret, oft bloß durch einen kleinen Blick – daran zu erinnern.
Peder Schou rauchte die neunte von täglich sechzig Zigaretten. Er wusste genau, dass es Nummer neun war. Bis auf zwei lagen alle Kippen in seinem großen Aschenbecher. Der Parteisekretär hatte die Angewohnheit, seine Aschenbecher aufzuteilen. In den einen aschte er – die pyramidenförmige Asche wurde im Laufe des Tages immer höher. In den anderen drückte er die Filter aus, die immer bis ganz an den Rand geraucht waren. Sie lagen in ordentlichen Reihen wie ein Holzstapel. Zwölf ganz unten. Die ersten beiden Zigaretten des Tages lagen auf der Helsingør-Autobahn. Da landeten normalerweise auch die letzten zwei des Tages, wenn er spätabends zurück in sein Haus in Hørsholm fuhr, um sofort ins Bett zu gehen. Bis vor wenigen Jahren war er verheiratet gewesen. Die Scheidung war undramatisch und gleichgültig gewesen. Sie hatte sein Leben nicht verändert, sie hatten keine Kinder und keine finanziellen Probleme, sodass er im Haus bleiben konnte. Abgesehen von den sechzig Zigaretten brauchte Peder Schous langer, schlaksiger Körper bloß einige Liter Kaffee, ein Käsebrot, zwei belegte Brote und abends ein ganz kleines, etwas exklusives Essen. Üblicherweise in einem Restaurant in der Stadt. Er sah das nicht als Luxus, dachte kaum daran, was es kostete. Der Parteisekretär konnte sich gar nicht mehr daran erinnern, wann er das letzte Mal ein Abendessen in der Stadt selbst bezahlt hatte. Auch diesen Teil des Lebens übernahm die Diners-Karte der Partei. Er wusste, dass er ein ungesunder Vierundvierzigjähriger war. Er wusste, dass ihm mindestens zehn Kilo fehlten, um auch nur in die Nähe des Normalgewichts zu kommen. Er wusste ebenfalls, dass er sich daran gewöhnt hatte, dass es ihm egal war.
Das Telefon klingelte.
„Peder Schou.“
Er nahm das Telefon und feuerte seinen Namen ab wie eine Maschinengewehrsalve. „Peder“ verschwand fast im Mund. „Schou“ erklang hart zwischen den dünnen Lippen und in einem Was-zum-Teufel-willst-du-Tonfall, ein Resultat der acht Jahre, in denen er viel zu oft von Leuten angerufen worden war, die praktisch alle etwas wissen oder eine Erlaubnis haben wollten.
„Pia Baggesen, Fernsehnachrichten, hallo Peder.“
„Hallo Pia.“
„Was für eine Scheiße, was?“
„Das kann man wohl sagen.“
„Was passiert nun?“
„Ich weiß gar nichts. Ich habe gerade mit Erik gesprochen. Er ist auf dem Weg hierher.“
„Können wir ihn filmen, wenn er nachher kommt? Draußen auf dem Parkplatz zum Beispiel?“
„Ja … das könnt ihr sicher.“
Peder Schou überlegte einen Sekundenbruchteil: Gute oder schlechte Idee? Gut. Also abgemacht, gut.
„Ich bespreche das mit ihm. Es dauert noch eine knappe halbe Stunde.“
„Was ist mit der Fraktionssitzung?“
„Die kommt wahrscheinlich erst morgen früh, wie geplant. Ich weiß es nicht hundertprozentig, aber danach solltest du Erik lieber nicht fragen, wenn du ihn erwischst. Ich meine, … bei dem Beitrag sollte es wohl um den Schock des Unfalls gehen. Um die Hoffnung, dass Aksel überlebt und so was.“
„Ja, ja. Das ist klar.“
„Was die Fraktionssitzung angeht, entscheiden wir später, aber rechne nicht damit, dass es vor morgen etwas Offizielles gibt.“
„Wie geht’s euch?“
„Was meinst du?“
„Ja, wegen Aksel und seiner Frau und allem.“
„Nun. Wir sind natürlich schockiert. Aksel war wirklich okay, oder ist es. Er ist ja schließlich nicht tot. Noch nicht. Birthe, meine Sekretärin sitzt vor dem Büro und weint leise. Wobei man das nicht zu hoch hängen darf. Sie weint auch, wenn eine Hausfrau einen Volkswagen beim Glücksrad gewinnt. Aber es ist scheiße. So richtig scheiße.“
„Das allerdings. Wir sprechen uns. Danke für die Hilfe mit Erik.“
„Das war doch nichts. Soll ich ihn bitten, zunächst rechts vor dem Schlossgarten zu parken? Dann könnt ihr die Kamera direkt richtig platzieren?“
„Das wäre toll. Danke, Peder. Tschüss.“
Peder Schou zündete eine Zigarette an und rief sofort Erik Pingel an. Er war immer noch auf der Autobahn, noch fünfzehn Minuten entfernt, und würde darauf achten, nach rechts in Richtung von Pia Baggesen, ihrem Kamerateam und den dänischen Wohnzimmern zu fahren, wenn er in den Schlossgarten kam.
Pia Baggesen! Peder Schou konnte sie vor sich sehen. Wie sie zielstrebig aus der Nachrichtenredaktion in der zweiten Etage die Treppe hinunterging, die spitzen Absätze hallten auf den Marmorstufen wider, der Kameramann mit seinen Geräten wie üblich sechs bis acht Schritte hinter ihr.
Sie hatten fast gleichzeitig in Christiansborg angefangen. Sie hatte eine feste Stelle bei den Fernsehnachrichten bekommen, nachdem sie eine Weile Vertretung gemacht hatte. Wäre sie nicht so hübsch oder ein Mann gewesen, hätte man sie nicht etwas kritisch ehrgeizig genannt. Dann hätte sie einfach nur zum Job gepasst. Doch wenn man zwar keine klassische Schönheit, aber doch hübsch war, 35 Jahre, ohne Kinder und Mann und ganz in seinem Beruf in einem traditionell männlichen Umfeld wie Christiansborg aufging, dann war man auf eine etwas suspekte Art ehrgeizig. Jedenfalls fanden das viele. Peder Schou mochte sie allerdings. Sie war kompetent, schnell und hatte keine Angst, gute Storys zu bringen, wenn beide etwas davon hatten.
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