„Es ist Montag. Noch nicht mal zehn.“ Torp schielte auf den Computerbildschirm, der nicht mehr angeschaltet worden war, seit er am Freitagabend seinen Pferdemetzgerartikel beendet hatte.
„Aksel Bruun hatte einen Autounfall. Seine Frau ist tot. Sieht so aus, als sterbe er auch. Treffen um elf Uhr. Leg los!“ Willatzen war weder wütend noch aufgeregt. Er war einfach im Arbeitsmodus. Er wusste auch, dass Ulrik Torp mit seinen zwölf Jahren Erfahrung als Journalist – die letzten fünf davon in Christiansborg – keine Belehrung darüber brauchte, wie man so eine Nachricht angeht:
Eine Reportage über den Unfall, Zeugen, Details. Beschreibung seines Zustands. Nachruf auf die Frau, Aussagen von Angehörigen, Freunden und Feinden – auch von früher –, um all das soll sich die Inlandsredaktion kümmern. Wer war der letzte Politiker, mit dem er gesprochen hat? Nachruf, klar, falls er kurz vor Redaktionsschluss sterben sollte. Ansonsten ein Porträt. Politische Kommentare. Politische Konsequenzen, wer übernimmt die Macht in der Demokratischen Partei?
Ulrik Torp konnte die fertigen Zeitungsseiten praktisch schon vor sich sehen, während er den Computer hochfuhr und die Telefonistinnen des Dagbladet bat, die anderen drei Politikreporter und den Volontär zu kontaktieren, die unter seiner Leitung das Politikressort der Zeitung ausmachten. Ja, sie sollten auf der Stelle kommen!
*
Aksel Bruun war im Grunde die Demokratische Partei, soweit viele sich erinnern konnten. Er saß seit zweiunddreißig Jahren im Parlament. Die letzten einundzwanzig Jahre als unbestrittener Anführer seiner Partei. Er war nicht das, was man in Christiansborg als typischen Parteibesitzer verstand. Parteibesitz verlangt vollkommene Aufopferung und Brutalität. Aksel Bruun betrieb ihn nicht und strebte ihn auch nicht an. Die Aufopferung verlangte einen zeitlichen Einsatz, den er nicht leisten wollte. Selbst als jüngerer Mann wollte er oft schnell nach Hause zu „Hanne“, wie sie hieß und daher auch von allen Freunden und Parteigenossen sowie Feinden und Medien genannt wurde. Und die Brutalität, die so viele Machtmenschen liebten, sagte ihm nichts. Im Gegenteil, er konnte auch nachsichtig sein. Den Leuten eine zweite Chance geben. Er musste bei Fraktionstreffen keine Parteigenossen fertigmachen, bloß um anderen zu zeigen, was passieren könnte. Einen Anschiss gab es – fast – immer hinter verschlossenen Türen und unter vier Augen. Und wenn andere davon erfuhren, dann nicht von Aksel Bruun.
Maßvoller Widerspruch war erlaubt, das wussten die Parteimitglieder. Aksel Bruun schätzte ein anspruchsvolles Gegenspiel. Wohlgemerkt solange man akzeptierte, dass er zu jeder Zeit die Grenzen ziehen konnte. Das tat er bei Weitem nicht immer. Oft ließ er andere die Konsequenzen ziehen, und manche hielten die Offenheit zu Beginn für Konfliktscheue, Wankelmut oder den Wunsch nach einer gemeinsamen Entscheidung. Aber das waren keine Zufälle, das wusste man in der Partei.
Als Parteivorsitzender kam Aksel Bruun manchmal in Situationen, in denen es keine Alternative zur Brutalität gab. Und dann zögerte er nicht. Es war, als würde seine normale, etwas übertriebene Offenheit dann zu einer übertriebenen Gewalt.
Als ob er, psychologisch gesehen, eine Brutalitätsquote zu erfüllen hatte, die jeder Parteivorsitzende auf Lager haben musste, um zu funktionieren. Eine Quote, die er nicht in täglichen Minidosen verschwendete, sondern nur in wenigen Momenten seines Lebens aufbrauchte.
Wenn es denn also geschah, kam die Brutalität – selbst nach den Normen von Christiansborg – in so gewaltigen Mengen und mit einer solchen Kraft, dass die meisten im Schloss – Freunde, Feinde, Journalisten, Reinigungskräfte, Kantinenangestellte und Wachen – nach Luft schnappten. Viele erinnerten sich immer noch daran, wie Aksel Bruun vor neun Jahren seinen besten Freund und politischen Kampfgefährten live im Fernsehen abgeschossen hatte. Dem vorausgegangen waren mehrere Tage mit Artikeln über den wirtschaftspolitischen Sprecher Bo Hartmann, der Verluste in seinem Unternehmen durch Währungsspekulationen ausgleichen wollte. Eine Zeit lang war das gut gegangen, doch als das internationale Währungssystem plötzlich einbrach, verlor Bo Hartmann in wenigen Tagen sein ganzes Vermögen und 240 Mitarbeiter seines Unternehmens ihre Arbeit. All das wegen einer – selbst in den Augen der liberalsten Geldwechsler – wahnwitzigen Währungsspekulation.
Als es herauskam, tobte die Debatte über Hartmanns Rolle zwei Tage lang in den Medien. Ob er den Posten als wirtschaftspolitischer Sprecher behalten könnte? Und was sagte sein Jugendfreund, der Parteivorsitzende Aksel Bruun dazu? Niemand zweifelte daran, dass Bo Hartmanns hohes Ansehen beim Parteivorsitzenden und seine ansonsten makellose politische Karriere sein politisches Leben retten würden. Die Frage war nur, wie viele Schrammen er davontragen würde.
Zwei Tage lang versuchte Bo Hartmann vergeblich, Aksel Bruun zu erreichen. Bei Fraktionstreffen wurde die Sache mit keiner Silbe erwähnt. Aksel Bruun würdigte Bo Hartmann keines Blickes. Jeder Versuch des persönlichen Kontakts wurde ignoriert. Genau wie Telefonnachrichten. Alles Nachhaken von Journalisten, um eine Meinung aus ihm herauszubekommen, wurde auf den täglichen achtzig Metern zwischen dem Fraktionsraum und dem Büro freundlich aber bestimmt abgewiesen.
Alle – Bo Hartmann, Fraktionsmitglieder, die Partei, Christiansborg und die Öffentlichkeit – warteten auf Aksel Bruuns Urteil.
Das kam am dritten Tag bei einem Livebeitrag in den Fernsehnachrichten.
Die Demokratische Partei hatte eine abendliche Fraktionssitzung und alle Medien warteten geduldig vor dem Fraktionszimmer. Nicht, weil man annahm, dass diese Sitzung zu einer Klärung führen würde. Aber irgendwann müsste Aksel Bruun reagieren, und es wäre eine Katastrophe, dann nicht zur Stelle zu sein. Daher waren die Medien in diesen Tagen alle ziemlich darauf fixiert. Die Klärung stand kurz bevor und egal, wie sie ausfiel, würde daraus eine gute Story werden. Entweder wurde Hartmann in der Fraktion degradiert, dann könnte man einen politischen Nachruf schreiben. Oder ihm passierte nicht viel, dann musste man über den moralischen Anspruch an Politiker schreiben und die Frage, wieso der nicht für die Demokratische Partei galt. Die Morgenzeitungen müssten sich mit einer empörenden Geschichte zufriedengeben.
Die Tür ging auf und Aksel Bruun kam als Erster aus dem Fraktionsraum. Er blieb stehen, ohne dass ihm andere aus dem Raum folgten. Damit wussten alle, dass jetzt das Urteil gefällt werden würde.
Die Journalistin der Fernsehnachrichten lachte fast vor Begeisterung. Aksel Bruun kam mitten in der Sendung. Eine Viertelstunde später wäre das Ganze live in den Nachrichten der Konkurrenz gelandet. Jetzt kam es „live von Pia Baggesen in Christiansborg“:
„Ich habe gerade die Fraktion und damit auch Bo Hartmann über die politischen Konsequenzen einer Reihe von Währungsspekulationen, über die Sie in den letzten Tagen so oft berichtet haben, informiert. Ich habe erklärt, sollte er bis zur Fraktionssitzung morgen um zehn Uhr nicht aus der Fraktion ausgetreten sein, wird er sowohl aus der Fraktion als auch aus der Partei ausgeschlossen. Am liebsten wäre mir, wenn er das Parlament verlassen würde, aber das ist natürlich seine eigene Entscheidung. Was Bo Hartmann getan hat, war nicht illegal. Aber es war falsch!“
„Hat Hartmann gesagt, dass er sich zurückziehen will?“ Pia Baggesen spürte die Aufregung im ganzen Körper. Sie war 26, hatte gerade die Journalistenschule beendet, hatte eine Vertretungsstellung bei den Fernsehnachrichten und stand jetzt genau da, wo sie stehen sollte: Im Zentrum, live und mit der Chance sowohl auf eine Außenreportage als auch auf eine Festanstellung.
„Bo Hartmann hat sich bei der Fraktionssitzung nicht zur Situation geäußert. Das war auch nicht geplant. Aber ich sehe es als selbstverständlich an, dass er natürlich meinem Rat folgen wird.“
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