„Schadet das der Demokratischen Partei?“
„Keine weiteren Kommentare.“
Unbeantwortete Fragen prasselten auf Aksel Bruun ein, während er ging. Die anderen Fraktionsmitglieder drängten gleichzeitig aus dem Raum. Als Bo Hartmanns gejagtes Gesicht in der Tür auftauchte, ging ein Ruck durch die vierte Macht. Die Kontrolleure der Demokratie drückten, riefen, schubsten und drängelten sich. Ein Fotograf, der aus Erfahrung einen kleinen Tritt mitgebracht hatte, um das richtige Bild zu schießen, fiel um, doch niemand achtete darauf. Pia Baggesen, die normalerweise immer Platz für ihre hübschen Ellbogen fand, landete eingequetscht zwischen Dagbladet und Expressen. Wie ein Kind, das in Tivoli in wenigen Sekunden von seinen Eltern getrennt wurde, verlor sie den Blickkontakt zu ihrem Kamerateam. Tränen traten ihr in die Augen, als ihr bewusst wurde, dass ihr die erste Livereportage ihrer Karriere entglitt.
Mehrere der Demokraten bildeten nun einen Schutzkreis um Bo Hartmann. Wie durch ein Wunder schaffte er es in den Flur und zum Aufzug, der unbeirrt auf und ab fuhr, egal, was in Christiansborg geschah.
Der Nachrichtensprecher bedankte sich bei Pia Baggesen in Christiansborg und versprach eine Fortsetzung. Das war natürlich besser als nichts.
Die Fortsetzung kam am nächsten Morgen, als Hartmann schriftlich seinen Rückzug aus dem Parlament mitteilte. Zwei Tage später beging er Selbstmord.
Aksel Bruun kommentierte diese Tragödie nie. Im darauffolgenden Jahr ging die Demokratische Partei eine Koalition ein. Der neue Außenminister konnte kurz darauf in einem bunten Wochenblatt lesen, dass er gerade eine Diät beendet hatte. In nur zehn Monaten hatte er sechzehn Kilogramm abgenommen und war mit seinen nun sechsundachtzig Kilo auf einhundertfünfundachtzig Zentimetern nah am Idealgewicht, wie es im Blatt hieß, das ebenfalls wusste, dass die Ehefrau des Außenministers begeistert von ihrem „neuen“ Mann war. Nur Hanne Bruun wusste, dass ihr Mann nicht mal im Traum eine Diät machen würde.
Seine Zeit als Außenminister hätte Aksel Bruuns politischer Höhepunkt werden sollen. Stattdessen wurden es drei Jahre voller harter Arbeit. Die Koalition war mehr eine Vernunftehe als eine Liebesheirat. Und mit der Zeit schliefen die Parteien auch getrennt auf dem Sofa, wenn sie sich nicht gerade anknurrten, wie die Tageszeitungen es beschrieben. Schließlich teilte Aksel Bruun mit, dass die Demokratische Partei die Regierung verließ, sie aber noch stützen wolle. Da war die Regierung eigentlich tot, das wusste man. Im darauffolgenden Jahr übernahmen die Oppositionen die Ministerwagen.
In den fünf Jahren danach gab Aksel Bruun mehr und mehr seinen direkten Einfluss auf die Partie ab. Er war immer noch der Vorsitzende. Er konnte immer noch zu jeder Zeit Grenzen setzen, aber er tat es immer seltener. Stattdessen ließ er den politischen Sprecher Sven Gunnar Kjeldsen und den Fraktionsvorsitzenden Erik Pingel den Laden leiten. Einer der beiden würde ihm nachfolgen, das hatte Aksel Bruun beschlossen. Ein edler Wettstreit sollte entscheiden, wer.
*
„Kjeldsen oder Pingel?“
Der Chef vom Dienst hatte die Konferenz um Punkt elf mit der Ankündigung eingeleitet, dass für die Berichterstattung in der morgigen Zeitung sechzehn Spalten und die erste Seite vorgesehen waren. Aber Willatzen war, ungeduldig wie immer, schon einen Schritt weiter als die Tagesordnung. Egal, ob Aksel Bruun überlebte oder nicht, als Vorsitzender war er am Ende.
„Kjeldsen oder Pingel?“, wiederholte Willatzen, ohne jemanden anzusehen.
Auch wenn am Konferenztisch des Dagbladet ein Chef vom Dienst, ein Cheffotograf, ein Fotograf, ein Grafiker, zwei Redaktionssekretäre, vier Politikjournalisten, zwei Reporter, zwei Praktikanten und ein Chefredakteur saßen, wusste Ulrik Torp genau, an wen die Frage gerichtet war.
„Kurz und knapp: Kjeldsen ist in der Fraktion der Beliebtere. Pingel ist innerhalb der Partei der Beliebtere. Würde man jetzt die Entscheidung fällen, läge Kjeldsen vorn. Pingel wird alles tun, um die Entscheidung hinauszuzögern.“
Ulrik Torp lehnte sich zurück. Ein bisschen von sich selbst beeindruckt. So klar hatte er die Situation bisher noch nicht zusammengefasst. Doch während er sich selbst zuhörte, war er überzeugt davon, dass es genauso war.
„Gibt es bei Ritzau etwas Neues zu Bruun?“
Willatzen kommentierte Torps Analyse nicht. Das bedeutete, dass er zufrieden und derselben Meinung war. Der Nachrichtenchef hasste diese Konferenzen. Er fand, es war Zeitverschwendung, die Leute um einen Tisch zu versammeln, wenn sie das, was sie tun sollten, auch direkt von ihm erfahren könnten. In Willatzens Weltbild dienten diese Meetings nur dazu, die Firmenwagen zu ehren – so nannte er konsequent die Gruppe von Chefs, von denen moderne Zeitungshäuser glaubten, dass sie für die Herstellung einer Zeitung nötig seien. Heute waren nur drei von ihnen anwesend, es schien also Grenzen zu geben, wie lange man dieses Schauspiel durchziehen wollte. Es war klar zu sehen, dass Willatzen endlich loslegen wollte. Und diese Konferenz passte seiner Meinung nach so gar nicht zum „Loslegen“.
Ulrik Torp stimmte ihm teilweise zu. Aber eben nur teilweise. Willatzen war altmodisch. Ein eminenter Blattmacher und katastrophaler Pädagoge. Er stammte aus einer Zeit, als eine Zeitung noch das Werk weniger Menschen war. Ein Chefredakteur an der Spitze, ein Lehrling ganz unten und dazwischen ein paar Journalisten. Heute war die Produktion einer Zeitung eine komplizierte Angelegenheit, bei der Design, Marketing, Vertrieb und Bündnisse drohten, die Konzentration der Leitung auf das Eigentliche zu ersticken – den Journalismus. Umgekehrt war das Ergebnis – die fertige Zeitung – heute stets von höherer Qualität als jemals zuvor. Sie war übersichtlich, kritisch, informativ, analysierend und viel besser geschrieben als pensionierte Journalisten zugeben wollten. Wenn man das Beste aus Willatzens Welt mit der heutigen Zeit mischte, konnte es kaum besser werden. Das Problem war nur, dass es nicht mehr viele Willatzens gab, dachte Torp und betrachtete das immer unruhige Gesicht des Nachrichtenchefs liebevoll: die breite Nase und die unglaublich vielen Haare, die aus seiner Nase und seinen Ohren quollen und dieselbe grauschwarze Farbe hatten wie der chaotische Heuhaufen auf seinem Kopf und die zusammengewachsenen, buschigen Augenbrauen.
Wäre er eitel gewesen, hätte er ein Vermögen für den Friseur und Rasierer ausgegeben. Aber das war Willatzen nicht. Er war ungeduldig.
„Ritzau. Bruun!“
Die jüngste Redaktionssekretärin wedelte mit einigen kurzen Telegrammen.
„Das hier kam um 10:58 Uhr. Bruun liegt im Koma und wurde ins Rigshospital gebracht. Zwischen den Zeilen wird angedeutet, dass er im Sterben liegt. Um 10:45 Uhr gab es eine Erklärung von Pingel. Einen Moment … hier ist sie: Ich bin über den Unfall tief betroffen. Hanne Bruun war nicht nur ein warmherziger Mensch und eine herausragende Kinderpsychiaterin. Sie war auch eine unschätzbare Stütze für Aksel Bruun und eine Inspiration für die Demokratische Partei. Meine Gedanken gelten ihrem Sohn und den Enkeln, die … “
Willatzen unterbrach den Redaktionssekretär, der sich nicht sehr gelungen an einer Parodie der Königin versuchte. „Er hat echt keine Zeit verloren, dieser Pingel.“
Für die Firmenwagen ließ Willatzen die Diskussion zwanzig Minuten gewähren. Alle wussten, dass sich der größte Wagen um 11:30 Uhr mit einem führenden Autor zu einem zweiten Frühstück traf. Von 11:28 Uhr an konnte man sich daher ganz in Ruhe der Zeitung widmen. Es war also wichtig, sich nicht zu sehr festzulegen.
„Den Unfall und das Krankenhaus haben wir abgedeckt. Bjarne und Lars sind mit den Fotografen auf dem Weg dorthin. Aber im Fernsehen und im Radio geht es den ganzen Tag darum. Das reicht für morgen früh also nicht. Wir MÜSSEN mehr bringen. Auf jeden Fall auf der ersten Seite. Wir müssen beantworten, wer der Neue an der Parteispitze wird. Und das ist deine Aufgabe, Torp.“ Willatzen schielte zur Uhr links neben der Tür. 11:27 Uhr.
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