Der Krach ruinierte den Frieden auf der Landstraße in weniger als einer Sekunde. Länger dauert es nämlich nicht, ein Auto zu zerstören, eine Frau zu töten und einen Mann schwer zu verletzen. Noch bevor der Schauer aus Glassplittern zu Boden gefallen war, ging der Tag weiter. Als wäre er nur einen kurzen Augenblick eingefroren gewesen. Eine Krähe schrie heiser. Ein Moped schleppte sich am Horizont den Hügel hinauf. Bloß der Lkw, der hundert Meter weiter zum Stehen kam, schien sich zu kümmern. Die Reaktion des Rad fahrenden Mädchens auf das, was sie zunächst hörte und dann eine Sekunde später beim Blick über die Schulter sah, hatte es noch nicht bis ins Hirn und aus der Kehle geschafft.
Die Polizei bestätigte, dass der geschockte Lkw-Fahrer die Situation korrekt erfasst hatte, als er über sein Handy den Notruf informiert hatte. Die Autofahrerin – eine ältere Frau – war durch schwere Kopfverletzungen auf der Stelle tot. Der Mann auf dem Beifahrersitz war auf den ersten Blick besser davongekommen. Auch wenn die eine Gesichtshälfte ein einziger Blutfleck war, so lebte er noch. Doch er war bewusstlos, es war also nichts sicher.
Durch das unbeschädigte Nummernschild wussten die Polizisten schnell, dass die tote Frau die zweiundsechzigjährige Hanne Bruun sein musste, Kinderärztin mit dem Schwerpunkt Psychiatrie und Ehefrau des Abgeordneten, früheren Außenministers und aktuellen Vorsitzenden der Demokratischen Partei, des dreiundsiebzigjährigen Aksel Bruun. Also musste er es sein, den der Rettungsdienst gerade aus dem Auto holen wollte. Das war leichter gesagt als getan. Mehrere Minuten lang versuchten die Retter vergeblich, die rechte Vordertür zu öffnen. Schließlich schnitten sie mit einer Rettungsschere das Blechdach des japanischen Autos auf.
Der Polizist bemühte sich, ganz unbeeindruckt zu klingen, als der diensthabende Beamte über Funk das prominente Ergebnis der Computersuche des Nummernschildes mitteilte.
Weiter vorn versuchte sein Partner das Mädchen auf dem Fahrrad zu trösten. Kollegen aus dem anderen Polizeiwagen sprachen mit dem Lkw-Fahrer. Noch wusste niemand von ihnen, dass die Arbeit des Tages und ein tragischer Unfall zu einem nationalen Zwischenfall werden würden.
„Wird er durchkommen?“, erklang die Stimme des diensthabenden Beamten krächzend über Funk. Die Frage entsprang eindeutig privater und nicht professioneller Neugier.
„Woher zum Teufel soll ich das denn wissen?“, antwortete der Polizist, ohne wirklich zu registrieren, was er sagte. Dreißig Meter weiter vorn sah er, dass es der Rettungsmannschaft endlich gelungen war, den bewusstlosen Aksel Bruun aus dem Auto zu ziehen. Um Hanne Bruun kümmerte sich noch niemand. Jetzt galt es zuallererst, den Verletzten auf eine Trage und in den Rettungswagen zu bringen.
Der Rettungswagen fuhr an der Absperrung vorbei und dann mit Vollgas in Richtung Krankenhaus Hillerød. Auf der fast verlassenen Landstraße war keine Sirene nötig. Um den Ernst der Situation trotzdem zu betonen, schaltete der Fahrer das Blaulicht an. Kurz danach hatte man Hanne Bruun auf eine Trage gelegt und in den anderen Rettungswagen gebracht.
Im Gegensatz zu Aksel Bruun verließ Hanne Bruun die leichte Rechtskurve ganz langsam.
*
Keine Stunde nach dem Zusammenstoß erfuhr Ritzaus Bureau davon. Früher waren die Polizisten auf dem Revier darüber irritiert gewesen, dass Journalisten routinemäßig auf der ewigen Jagd nach „Neuigkeiten“ anriefen. Inzwischen hatten sich die Partner angewöhnt, dass der diensthabende Beamte selbst anrief, wenn es etwas Neues gab. Auf diese Weise waren die meisten etwas entspannter. Das System funktionierte gut.
Nicht zuletzt, weil die Polizisten mit der Zeit ein gutes Gespür entwickelt hatten, was als „Neuigkeit“ für das Lokalradio, die Wochenzeitung, die regionale Tageszeitung und die landesweiten Medien zählte.
Zwei Minuten nachdem der Journalist von Ritzau an diesem Montagmorgen mit dem Polizisten gesprochen hatte, ging die Geschichte als Eiltelegramm an die Redaktionen:
Aksel Bruun lebensgefährlich verletzt:
Aksel Bruun, der Vorsitzende der Demokratischen Partei, Abgeordnete und früherer Minister wurde am Montagmorgen bei einem Autounfall schwer verletzt. Seine Ehefrau Hanne Bruun war sofort tot, wie die Polizei Hillerød mitteilt. (Später mehr).
Noch war es bloß eine elektronische Nachricht unter den Eingeweihten und Informierten. Doch in sechs Minuten, um zehn Uhr, würden die Radionachrichten diese spärlichen Informationen einer Million Dänen mitteilen.
In der Redaktion des Dagbladet in Christiansborg saß Ulrik Torp allein und blätterte etwas willkürlich in den Sonntagszeitungen. Überprüfung der Konkurrenz. Hatten die anderen Zeitungen etwas gebracht, worüber das Dagbladet hätte schreiben sollen? Nein, dieses Wochenende nicht, sagte Ulrik Torp sich selbst. Vielleicht abgesehen von einem erneuten Artikel im Feuilleton des Expressen über eine junge Abgeordnete der Demokraten, die behauptete, dass sie sich bis vor einem Monat vier Jahre lang in ihrem Wahlkreis in Thyborøn anderthalb Zimmer mit einer Freundin geteilt habe und nicht mit ihrem Freund in einer Fünfzimmerwohnung auf Amager zusammenwohnte. Der Unterschied zwischen den beiden Adressen– abgesehen vom Ort, dem Freund, ihren Möbeln, dem Weg zur Arbeit und zu den Bekannten – betrug 57.000 Kronen jährlich steuerfrei als besondere Kostenpauschale vom Parlament.
Am Sonntag ging es im Expressen um eine anonyme Information eines Lebensmittelladens in Thyborøn, dass die Abgeordnete nicht mal für ein bescheidenes Wochenende dort eingekauft hatte. Der Artikel brachte eigentlich kaum etwas Neues und diente nur noch dazu, die Geschichte rund um die Abgeordnete am Kochen zu halten. Doch der Rauch rund um die Affäre verzog sich langsam.
In den Fluren von Christiansborg war den meisten klar, was hinter der Geschichte mit den zwei Adressen steckte. Darüber war auch schon mehrfach geschrieben worden, aber man kann ja nicht ständig weitermachen! Meine Güte, so wichtig war sie als Politikerin nun auch nicht, selbst wenn die meisten fanden, dass sie viel zu billig davongekommen war, indem sie verkündet hatte, nun mit ihrem Freund zusammenzuziehen und auf alle besonderen Zulagen zu verzichten. Insbesondere weil – wie Ulrik Torp wusste – sie schon vor einiger Zeit wegen des Arrangements gewarnt worden war. Aber es war nicht der Stil des Dagbladet, Kampagnen gegen Personen zu fahren, rief Ulrik Torp sich ins Gedächtnis. Das konnte er auch später dem Chef vom Dienst sagen, wenn dieser über die Sonntagsgeschichte des Expressen nörgeln würde.
Die Christiansborgredaktion des Dagbladet hatte sich vor mehreren Wochen von der Sache abgewandt.
Zum vierten Mal an diesem Morgen blätterte er zu seiner eigenen Seite in der Sonntagsausgabe und genoss es, seinen Namen über dem Artikel zu sehen und seine Einleitung zum Skandal um die Gesundheitsministerin zu lesen: Wäre die Gesundheitsministerin ein Pferd, wäre sie geschlachtet worden.
Wer weiß, vielleicht war sie ja ein Pferd? Jedenfalls waren alle Medien dabei, den Kadaver aufzuteilen, nachdem das Dagbladet letzte Woche enthüllt hatte, dass die Ministerin über ihren Staatssekretär zwei Beamte gebeten hatte, die Statistiken zur Warteliste zu frisieren, damit sie besser aussahen. Würde gern wissen, ob sie die Woche überlebt, dachte Ulrik Torp gerade kühl, als das Telefon klingelte.
„Torp!“
„Willatzen. Hast du die Pressemitteilung von Ritzau gesehen?“, fragte der Nachrichtenchef aus der Hauptredaktion weniger als tausend Meter von Christiansborg entfernt. Willatzen verfügte nur über einen einzigen Tonfall, egal, ob er plauderte, befahl, fragte oder erklärte. Alles wurde im selben Stil und Rhythmus vorgebracht wie die Telegramme, die Willatzen zu Anfang seiner journalistischen Karriere bei Ritzau geschrieben hatte. Ob er auch mit seiner Frau so sprach?
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