Schweigend und mit einem Gefühl, das ihn nur selten beschlich, setzte er sich in Bewegung.
Das Gefühl war nackte Angst.
* * *
Boden war tot. So tot, wie eine Stadt nur sein konnte. Wo Albin Nielsen auch hinsah, entdeckte er Leichen. Tote Menschen auf den Straßen, den Gehwegen, in den Parkanlagen. Tote in Fahrzeugen. Hinter den Fenstern ihrer Wohnungen, auf den Balkons. Die meisten sahen aus, als wären sie einfach umgefallen, was sie angesichts der bisherigen Beobachtungen wohl auch waren. Einige andere waren durch ihren Tod in Unfälle verwickelt worden: waren mit ihren Autos in andere gekracht, hatten Fußgänger und Radfahrer gerammt, Hauswände und Schaufensterscheiben durchbrochen. Ein Bus lag quer auf der Straße. Im Gegensatz zu den vielen anderen Opfern waren die Reisenden in keinem guten Zustand mehr, ihre Körper mit Blut überströmt, durchzogen von heftigen Schnittwunden, die sie sich beim Umkippen zugezogen hatten, und durch Glassplitter, die beim Aufprall wie tödliche Schrapnelle durch die Gegend geflogen waren.
Aus einigen Häuser qualmte es. Angebranntes Essen, in Brand geratenes Bratfett, vergessene Zigaretten oder Kerzen, die zündelten.
Nielsen kam an einer Tankstelle vorbei. Zwei Wagen standen an den Zapfsäulen. Zum Glück hatten die Ventilstopps an den Hähnen funktioniert und keinen Treibstofftank zum Überlaufen gebracht. Die Besitzer der Fahrzeuge lagen tot daneben. Genau wie der Tankstellenpächter hinter den Fenstern des Verkaufsraumes.
Das in Boden stationierte Ausbildungsregiment hatte es ebenso ohne Vorwarnung überrannt und ausgelöscht wie den Rest der Bevölkerung. Nielsen bezweifelte, dass es sinnvoll gewesen wäre, den Kommandanten vorab über eine mögliche Bedrohung in Kenntnis zu setzen. Wenn sie vorher gewusst hätten, was geschehen könnte, hätte die ganze Umgebung evakuiert werden müssen.
Niemand hatte jedoch das Ausmaß dieses Angriffs erahnen können. Nielsen schluckte hart und kämpfte mit den Tränen, während er durch die verlassenen Straßen ging. Wäre er durch die Obduktion der Leichen vom Buddbyträsket nicht schlauer gewesen, hätte er vermutet, dass irgendeine Supermacht oder eine Terrororganisation eine Neutronenbombe innerhalb des Stadtzentrums gezündet hätte. Keine Zerstörung, nur Tod.
Ein Virus schloss er mittlerweile ganz aus. Das hätte auch ihn infizieren müssen, doch was immer Boden heimgesucht hatte, war nach dem Morden an der Bevölkerung verschwunden.
Vielleicht nicht ganz.
Als Nielsen die nächste Kreuzung erreichte, starrte er schräg gegenüber direkt in die an den Medborgarplatsen angrenzende Fußgängerzone und sah sie .
Sie stand dort auf dem Kopfsteinpflaster zwischen all den Toten. Ihr silbernes, langes Haar wehte im aufkeimenden Wind. Von Weitem konnte Nielsen nur erkennen, dass sie einen Mantel trug und die Hände in die Seitentaschen vergraben hatte.
»Hey!«, rief er ihr zu.
Ihr Kopf ruckte in seine Richtung. Nielsen überquerte die Straße. Im Näherkommen sah er, dass er sich nicht geirrt hatte, ihr Haar war tatsächlich silbern und nicht etwa grau. Es schimmerte metallisch in der Morgensonne.
Als sie ihn sah, drehte sich die Fremde fort und ging in Richtung Fußgängerzone.
»Halt, warten Sie!« Das gibt’s doch nicht, die einzige Überlebende geht mir durch die Lappen.
Doch sie rannte nicht. Sie machte zwei Schritte vorwärts und blickte genau in dem Moment über ihre Schulter zurück, in dem Albin Nielsen einer inneren Eingebung nachgab und sein Mobiltelefon hob, um ein Foto der unbekannten Frau zu schießen.
Er drückte den Auslöser.
Nur den Bruchteil einer Sekunde darauf musste er geblendet die Augen schließen, denn genau dort, wo die Frau stand, explodierte eine Lichtkaskade in Tausenden von Funken, die wie ein Insektenschwarm in alle Himmelsrichtungen davonstoben.
Nielsen blinzelte. Flecken tanzten vor seinen Augen. Er brauchte einen Moment, bis er wieder einigermaßen sehen konnte.
Die Fremde war fort. Sie hatte sich gewissermaßen in Luft aufgelöst.
Nielsen blickte auf das Handy und wählte die Galerieansicht, um das Foto aufzurufen. Es war etwas überbelichtet, offenbar zündete die Lichtflut gerade. Die Frau war zu sehen, allerdings war ihr Bild körnig, unscharf und viel zu weit entfernt, als dass man Details hätte erkennen können. Aber das Foto war zumindest ein Beweis, dass er sich die Sichtung nicht eingebildet hatte. Er revidierte allerdings seine Vermutung, dass die Frau eine Überlebende war. So hatte sie sich ganz und gar nicht verhalten, sondern eher wie …
Nielsens Gedanken stockten. »Wie jemand, der nach einem Angriff sein Werk begutachtet.« Ihm wurde schwindelig bei der Eingebung. Er hatte soeben den Feind gesehen.
Und ihn laufen lassen.
* * *
Er zuckte zusammen, als sich eine Hand auf seine Schulter legte. Rasch griff er in die Luft, wirbelte herum und hätte Hanna Agren beinahe direkt ins Gesicht geschlagen.
»Was zum …? Wie kommen Sie denn hierher?«
»Sind Sie noch bei Trost?« Dr. Eggström war bei ihr und starrte Nielsen entsetzt an. »Nehmen Sie gefälligst die Hand herunter.«
Nielsen gehorchte und ließ Hannas Arm los. »Entschuldigung. Ich habe Sie für jemand anderen gehalten.«
»Wer sollte denn noch hier sein?«, fragte die Wissenschaftlerin.
Als Antwort hob Nielsen sein Telefon, aktivierte das Display und hielt es Hanna unter die Augen. Mit fasziniertem Blick studierte sie seinen Schnappschuss.
»Wer ist das?«, fragte Eggström, der Hanna über die Schulter blickte.
Nielsen zuckte die Achseln. »Sie stand dort drüben. Dann verschwand sie in einer Lichtexplosion. So wie sie sich bewegte, vermute ich, dass Sie für den Angriff verantwortlich ist. Sie tat gerade so, als begutachte sie ihr Werk.« Er sah Hanna an. »Warum sind Sie nicht im Zelt?«
Die Ärztin legte den Kopf schief. »Sie sind seit über zwei Stunden hier draußen und haben sich nicht mehr gemeldet. Über Funk konnte ich Sie nicht erreichen. Wir haben uns Sorgen gemacht und sind ebenfalls hergekommen.«
»Beim nächsten Mal …« Nielsen machte eine Pause und hob den Finger. Er zeigte direkt auf Hanna, dann zu Eggström, »… hören Sie auf das, was ich sage. Hier ist es nicht sicher. Wenn diese Fremde tatsächlich den Angriff zu verantworten hat, kann sie jederzeit auch uns treffen. Ich hab nicht den blassesten Schimmer, warum wir überhaupt noch leben. Alle anderen sind tot.«
Ein Schreien strafte seine Worte Lügen. Nielsens Kopf ruckte hoch. Hanna zuckte zusammen. Eggström runzelte die Stirn.
Das war ein Kinderschreien.
Babygeschrei!
»Das kommt von dort drüben!« Dr. Eggström deutete auf ein Gebäude, das auf dieser Straßenseite schräg hinter dem Eingang zur Einkaufszone lag.
Nielsen sah ein geöffnetes Fenster. Das konnte unmöglich sein. Boden war tot. Und doch …
»Wir sollten nachsehen«, sagte Hanna, als das Schreien nicht abriss. »Klingt, als hätte da jemand Hunger.«
»Na schön.« Nielsen presste die Lippen aufeinander. Sie hatten ohnehin nichts Besseres zu tun, als zwischen Leichen zu waten. Er glaubte nicht, dass sie von den Toten bessere Erkenntnisse gewannen als von jenen, die sie am See gefunden und im Basiscamp obduziert hatten. Aber vielleicht gab es Antworten von den Lebenden. »Folgen Sie mir.«
Zu dritt überquerten sie die Straße. Nielsen nahm das Lokipuls von der Schulter, lud es durch und hielt den Lauf gesenkt. Die ganze Zeit über war er der Meinung gewesen, die Waffe nicht zu brauchen, doch jetzt hatte er einen Feind vor Augen. Eine Gestalt. Ein Gesicht. Etwas, auf das er zielen und schießen konnte, sollte es sich noch einmal zeigen und angreifen.
Sie , korrigierte er sich in Gedanken. Auch wenn er die Frau nur von Weitem gesehen hatte, ging ihm ihr Bild nicht mehr aus dem Kopf. War sie wirklich der Feind?
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