»Sir, ich muss Sie bitten, sofort das Telefon auszuschalten.«
Liam O’Connell ignorierte die Flugbegleiterin. Er hatte sie vorhin beim Servieren der Getränke kurz angeschaut. Hochtoupiertes, angegrautes Haar. Das Gesicht von so viel tiefen Falten durchzogen, dass auch die Spachtelmasse Make-up kein Aufhübschen mehr hinbekam. Ihre Stimme klang viel zu hoch und tat ihm in den Ohren weh. Das Oxford-Englisch klang viel zu gestelzt und unnatürlich. Man merkte, dass sie Sprachkurse belegt hatte, sich aber nicht in Umgangssprache zurechtfand.
»Sie bekommen sowieso kein Netz«, fuhr die Dame der schwedischen Fluggesellschaft fort. »Hier oben in der Luft erreichen Sie keinen Sendemasten.«
Ah, eine ganz Schlaue , dachte O’Connell und tippte unbeirrbar weiter auf seinem Blackberry Touchscreen. Selbstverständlich bekam er ein Netz. Dafür sorgte das Iridium Satellitentelefon, das er aktiviert hatte und mit dem er eine kabellose Internetverbindung für das Blackberry Smartphone aufbaute, um sich mit den neuesten Nachrichten zu versorgen.
»Sir, bitte. Ich muss darauf insistieren.«
Oh bitte! O’Connell stand auf, drückte sich an der Frau vorbei und eilte den Gang entlang zu den Toiletten.
»Nun machen Sie schon das Telefon aus!«, rief jemand aus den Reihen. »Oder wollen Sie, dass wir abstürzen?«
»Das ist Schwachsinn!«, meldete sich ein anderer. »Es ist nicht bewiesen, dass je ein Mobiltelefon für einen Flugzeugabsturz verantwortlich gewesen ist. Es nutzt Funkwellen auf Frequenzen, die die Elektronik eines Flugzeugs nicht …«
Den Rest bekam O’Connell nicht mit. Er zog die Toilettentür hinter sich zu, lehnte gegen das Waschbecken und scrollte durch seine E-Mails. Die von Aidan Smythe weckte sein Interesse. Er berührte die Nachricht und öffnete sie. Es war eine Weiterleitung einer Depesche, die der MI6 durchgegeben hat.
Notstand für Nordschweden
Der Großraum Luleå ist unter Quarantäne gestellt worden. Inoffizielle Meldungen berichten von einem Angriff auf Luleå selbst. Es wird mit massiven Todesopfern gerechnet. Der Upload eines YouTube-Videos wurde unterbrochen. Unsere Experten versuchen die Teile des Videos, die übertragen wurden, zu extrahieren und zusammenzusetzen.
O’Connell verließ das Menü und rief eine Trackingapplikation auf. Er gab Ariane Hellenbergs Nummer ein und sah kurz darauf, wo sie sich in Schweden befand. Sundom. Allerdings bewegte sie sich nach Nordosten, statt wie vereinbart auf ihn zu warten. Er rief sie an. Nach einem Freizeichen bekam er ein Besetztzeichen und kurz darauf die Mitteilung, dass der Teilnehmer nicht erreichbar sei.
Verdammt!
Er musste mit dem Kapitän sprechen. Wenn Luleå unter Quarantäne stand, würde man das Flugzeug nicht landen lassen und wohl doch eher nach Tornio umleiten. Doch was sollte er in Tornio? Das lag über hundert Kilometer von Luleå entfernt.
Sein Telefon fiepte. Er sah aufs Display. Eine unbekannte Nummer mit schwedischer Mobilvorwahl.
»Hallo?«
»Liam, ich bin es, Ariane.« Sie klang gehetzt. Und näselte. Entweder war sie verschnupft oder hatte sich die Augen aus dem Kopf geweint. Er tippte auf Letzteres. Irgendetwas war seit ihrem letzten Telefonat geschehen.
»Was ist das für eine Nummer?«
»Die von Ella. Mein Akku ist leer. Ich … ich bin nicht mehr in Sundom. Es … ist etwas Schreckliches passiert. Alle sind tot, Liam, alle.«
»Beruhige dich.«
Es klopfte an der Toilettentür. Die Stimme der Flugbegleiterin war zu hören, die ihn wieder aufforderte, das Handy auszuschalten.
»Ich hab es mitangesehen. Liam, was immer es ist, es ist kein Virus. So etwas habe ich noch nie gesehen. Die Menschen sind einfach umgekippt. Reihenweise. Auch die Tiere. Es ist … es war schrecklich.« Sie schluchzte, schnäuzte und dann weinte sie.
O’Connell presste die Lippen zusammen. »Ari, wir sind im Landeanflug auf Luleå. Ich werde mir sofort einen Mietwagen nehmen und zu euch …«
»Nein!« Ariane fing sich wieder. »Du darfst nicht in Luleå landen. Ich weiß nicht, warum ich überlebt habe, aber alle Einwohner von Sundom und auch der Fährkapitän sind tot. Ich habe es gespürt , Liam. Es war bei mir, in mir. Eine Art … Funke, der von mir Besitz ergreifen wollte. Dann wurde ich ohnmächtig. Ich glaube, dass alle Menschen dies kurz vor ihrem Tod spüren. Sie fragen sich, was sie wahrgenommen haben. Achte auf ein Stichwort. Auf eine erstaunte Frage, irgendetwas in Richtung ›Was war das?‹ oder so. Das ist ein sicheres Zeichen, dass es sie gleich erwischt.«
»Ari.« Er unterbrach ihren Redefluss. »Was ist mit deiner Freundin? Mit Ella?«
Ein Schlucken klang aus dem Lautsprecher des Telefons.
»Ich weiß es nicht.«
»Was heißt das?«
»Es … hat sie auch erwischt. Wie mich. Sie schläft, aber … es ist bei ihr anders als bei mir. Sie scheint sich zu verändern.«
»Verän…?«
Es donnerte gegen die Tür.
»Hier ist der Kapitän! Sir, ich muss Sie auffordern, sofort aus der Toilette zu kommen und mir Ihr Telefon auszuhändigen.«
»Ari, ich muss auflegen, hier gibt es Probleme. Lass dieses Telefon eingeschaltet. Das ist wichtig. Darüber kann ich dich finden.«
»Du arbeitest nicht für die Polizei, oder?«
»Später. Fahrt weiter in Richtung finnische Grenze. Ich werde euch dort irgendwo aufgabeln.«
Er unterbrach die Verbindung, schob das Telefon in sein Sakko, richtete die Krawatte und öffnete die Toilettentür.
»Gibt’s irgendein Problem?«
Im Gang standen die Flugbegleiterin und der Pilot. Der Mann sah ungehalten aus. Er streckte fordernd eine Hand O’Connell entgegen.
»Ihr Telefon.«
O’Connell hob abwehrend die Hände. »Ich bitte Sie, ich habe doch gar kein …«
Irgendetwas zog die Aufmerksamkeit des Kapitäns auf sich. Sein Kopf ruckte plötzlich herum. Das Gesicht wurde bleich. Er sprang los und rannte durch den Gang nach vorne. Trotz des dick aufgetragenen Make-ups der Flugbegleiterin wurde auch ihre Haut merklich blasser. Ihr entsetzter Blick ließ ahnen, dass etwas Schreckliches geschehen sein musste, doch sie blieb wie festgewachsen neben der Toilettentür stehen. O’Connell zwängte sich an ihr vorbei und sah das Unheil. Vorn in der Passagierkabine der ersten Klasse sackten die Menschen reihenweise in sich zusammen. Auf dem Boden lagen zwei der anderen Flugbegleiterinnen und rührten sich nicht mehr. Der Kapitän hatte die erste Frau noch nicht ganz erreicht, als er unvermittelt stehen blieb und irritiert den Kopf hob.
»Was zum …?«
O’Connells Augen weiteten sich alarmiert. Das Stichwort, das Ariane ihm genannt hatte, wenn auch abgewandelt. Nur eine Sekunde darauf stürzte der Pilot zwischen den Sitzen zu Boden und begrub den Körper der Flugbegleiterin unter sich.
Ein schriller Schrei schmerzte in O’Connells Ohren. Die Flugbegleiterin hinter ihm brüllte hysterisch und machte die anderen Fluggäste, vornehmlich die in der Economy Class, erst recht auf den Vorfall aufmerksam. O’Connell versetzte der Frau einen Schlag mit der flachen Hand ins Gesicht. Er unterschätzte seine Kraft. Ihr Kopf flog herum und stieß gegen die Wand der Toilettenkabine. Die Frau verdrehte die Augen. Ihre Lider flatterten, dann kippte sie kopfüber in den engen Raum und schlug nochmals mit dem Kopf auf der Kante des WCs auf.
Scheiße!
O’Connell nahm eine Silhouette im Übergang zur Economy Class wahr und sah hoch.
»Scheiße!« Diesmal sprach er es laut aus.
»Ich wusste nicht, dass du dich mit Frauen prügelst«, sagte Noah Zabot in einem Tonfall, als hätte er gerade eine interessante Neuigkeit erfahren und keinen krampfhaften Scherz gemacht.
»Noah, was zum Henker? Wie kommst du hierher?«
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