Ariane spürte, wie ihr das Blut in den Adern zu gefrieren schien. Entsetzt sah sie mit an, wie der Mann am Anlegesteg zusammenbrach. Aus dem Haus war ein Klappern und Poltern zu hören.
»Mein Gott, es ist hier!«, rief Ella.
Der Skipper hob die Brauen und legte den Kopf schief. »Hm?«
Eine Sekunde darauf schlug er hart auf dem Deck seiner Fähre auf.
Tot.
Ariane wusste, was als Nächstes kam. Nur noch sie und Ella waren übrig. Mit einer Mischung aus Panik, Angst und der stillen Gewissheit, dass alles in den nächsten Augenblicken zu Ende sein würde, ergab sie sich ihrem Schicksal.
Ellas Kopf fuhr herum. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie Ariane an. »Was war das?«
Was war das? , dachte Ariane.
Ella fiel – wie in Zeitlupe.
Ihre Knie knickten weg. Sie sackte in sich zusammen, prallte auf die Planken neben dem Volvo. Sie war nicht sofort tot wie die anderen. Ihr Körper wand und verkrampfte sich in rasanten Zuckungen.
Dann nahm Ariane etwas am Rande ihres Bewusstseins wahr. Einen Reflex. Sie konnte ihn nicht genau zuordnen. War es ein Funke? Ein Geräusch? Ein Gefühl?
Was war das? , fragte sie sich und erinnerte sich an Ellas Worte und an das schlichte »Hm?« des Skippers, ehe er zusammenklappte und starb.
Ein Schwindelgefühl kam über sie. Sie sah doppelt, wankte, streckte eine Hand aus und hielt sich an der Dachkante des Volvos fest.
Komm schon, bring es zu Ende!
Ein schwarzes Tuch wurde über Ariane geworfen. Die plötzliche Dunkelheit wirkte beklemmend und riss die Journalistin in einen tiefen Schlund. Sie merkte nicht, wie sie fiel.
Und fiel.
Tiefer. Der Sturz dauerte scheinbar endlos, war haltlos, schnürte ihr die Kehle zu. Ihr gellender Schrei klang wie ein Tosen in ihren Ohren. Die Lungen brannten. Ihre Zunge wurde trocken. Die Augen tränten.
Dann war da nichts mehr.
* * *
Sie hatte diesen Song im Ohr. Eine engelsgleiche Stimme, die zu Gitarrenklängen sang. Ein Ohrwurm. Sie konnte sich noch gut an das Konzert der Band erinnern, die ihre eigene Interpretation von Mocheebas Enjoy the Ride zum Besten gab.
Colours and dreams , dachte sie und lächelte.
Wenn sie gekonnt hätte, hätte sie zum Takt der Musik, die in ihren Gedanken so lebendig spielte, als würden Sängerin und Gitarrist direkt neben ihr stehen, mitgewippt.
With the moonlight to guide you
Feel the joy to be alive
The day that you stop running
Is the day that you arrive
And the night that you got locked in
Was the time to decide
Stop chasing shadows
Just enjoy the ride
Ariane Hellenberg konnte nicht wippen. Soweit es sie betraf, war sie gerade gestorben. Noch während sie darüber nachdachte, welchen Zeitraum das Wort gerade umfasste, sinnierte sie darüber nach, ob sich der Tod richtig anfühlte. Es war finster. Kalt. Sie hatte Schmerzen.
Du bist tot.
Stop chasing shadows.
Aber sie dachte. Sie atmete. Wenn das der Tod war, schien er nichts zu gleichen, wovon man unter den Lebenden berichtete. Keine Höllenhitze. Kein lichtes Paradies. Keine ewige Dunkelheit.
Ein Husten riss sie aus den Überlegungen. Es war ihr eigenes. Sie schmeckte Erbrochenes, gemischt mit Blut. Ariane wurde übel. Gedanklich schüttelte sie den Kopf.
Das war nicht der Tod.
Das war das beschissenste Leben, das sie sich vorstellen konnte.
Sie schlug die Lider auf und wünschte sich sofort, sie hätte es nicht getan. Der eiskalte Blick des Skippers starrte sie direkt an. Seine Zunge hing aus den Mundwinkeln. Die Pupillen waren trüb. Etwas seitwärts von ihm, direkt neben dem Wagen auf der Fährladefläche, lag Ella. Sie zuckte noch immer in Krämpfen. Ihr Körper bebte, bockte auf, schlug wieder auf den Boden. Der Kopf wand sich hin und her. Aus dem Mund spritzte unkontrolliert Speichel und die weißblonden Haare waren klatschnass.
Ariane hob leicht den Kopf. Ihre Wange löste sich aus einer Pfütze Erbrochenem. Angewidert strich sie sich über die Haut und das Haar und stellte fest, dass es völlig verklebt war. Sie würgte. Spätestens jetzt akzeptierte sie, dass sie noch lebte.
Sie und Ella. Als Einzige. Ariane blickte zum Ufer hinüber. Sundom war tot. Die gesamte Gemeinde war innerhalb weniger Sekunden gestorben. Aber was bedeutete es, dass sie überlebt hatte? War sie immun gegen das Virus? War es überhaupt ein Virus?
Vage erinnerte sie sich an die Wahrnehmung kurz vor ihrem Zusammenbruch. Aber sie konnte noch immer nicht einordnen, was sie überhaupt gespürt hatte. Ariane schloss die Augen und wollte begreifen, welches Gefühl sie vor ihrer Ohnmacht gehabt hatte.
Ein Funke. Es war ein Funke.
Aber den hatte sie nicht gesehen, sondern irgendwie wahrgenommen. Als würde er in ihr entstehen. In ihren Gedanken.
Ariane atmete tief durch und sog den Gestank der Kotze ein. Sie drückte sich vom Boden hoch, kam auf die Knie und rutschte auf allen vieren zu Ella hinüber. Sie nahm sie in die Arme, strich ihr über die Stirn und drückte sie an sich.
»Sch! Sch! Ruhig, alles wird gut.« Ariane merkte nicht einmal, wie hohl und unglaubwürdig ihre Worte klangen. Sie fand auch nicht die Kraft, sich an ihnen festzuklammern, um Hoffnung zu schöpfen. Alles, was sie sagen konnte, war, dass sie dankbar war, noch am Leben zu sein.
Tränen schossen ihr in die Augen. Sie schluchzte und weinte, bis selbst das zu anstrengend war. Apathisch starrte sie geradeaus, nichts um sie herum wahrnehmend und unentwegt durch Ellas Haar streichend.
»Alles wird gut. Alles wird gut.«
Ariane vermochte später nicht zu sagen, wie lange sie so dagesessen hatte. Ihr kam es wie Stunden vor, doch es hätten genauso gut Tage sein können. Irgendwann hörte Ella auf, zu zucken und sich zu winden. Ihr Körper zitterte noch. Die Lippen bebten und stießen immer wieder Zischlaute aus.
»Wir müssen fort«, sagte Ariane und löste sich von ihrer Freundin. Sie ging um den Wagen, öffnete die Beifahrertür, kehrte dann zu Ella zurück und packte die Schwedin unter den Schultern.
»Mein Gott, bist du schwer!« Sie schaffte es nur, den Oberkörper leicht anzuheben, und zog Ella schleifend über die Planken der Fähre. Mit einiger Mühe bugsierte sie sie auf den Beifahrersitz, schnallte sie an und drehte ihren Kopf so, dass er gegen die Fensterscheibe lehnte.
Ariane atmete tief durch. Sie suchte den Fahrstand der Fähre auf, fand einen Kanister mit Wasser und wusch sich notdürftig durch das Gesicht und die Haare. Den Gestank nach Erbrochenem wurde sie nicht los, aber zumindest konnte sie sich von den klebrigen Resten befreien. Sie zog Jacke und Pullover aus, warf beides achtlos fort und kehrte zum Volvo zurück. In ihrem Koffer fand sie einen zweiten Rolli und eine Strickjacke.
Sie setzte sich hinter das Steuer und dankte dem toten Skipper dafür, dass er bereits die Rampe heruntergelassen hatte. So startete sie den Motor und fuhr von Bord durch die leblosen Straßen Sundoms. Wo sie nur hinblickte, ob auf dem Asphalt, den Gehwegen, auf Rasen, Schaufenstern, an einer Tankstelle oder im Eingang eines Hofes – überall lagen Leichen. Die Menschen waren einfach zusammengeklappt und gestorben. Wie der Skipper. Und offenbar ging allen etwas voraus: eine Wahrnehmung und die verwirrte Frage, was das gewesen war.
Warum bin ich nicht gestorben?
Während Ariane den Wagen auf den Zubringer zur Autobahn lenkte, wandte sie den Kopf zur Seite und sah Ella an.
Warum Ella nicht?
Ihre schwedische Freundin schlief. Endlich hatte sie sich beruhigt und aufgehört zu zittern. Ihre Haut war schweißnass, das Haar verklebt. Das Blond hatte einen silberfarbenen Schimmer angenommen. Ellas Haar sah aus, als hätte sie es frisch gefärbt. Und sie redete im Schlaf. Doch beim besten Willen hörte Ariane nicht ein einziges schwedisches Wort heraus. Sie wusste nicht, in welcher Sprache Ella träumte.
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