Zabots Blick fixierte eine Stelle hinter O’Connell. Seine Augen weiteten sich. Er sprang plötzlich vor, packte den Agenten am Arm und zog ihn mit sich in Richtung Economy Class.
»Los, beeil dich, wir haben nicht viel Zeit.«
O’Connell stemmte sich gegen den Kollegen und streifte seine Hand ab. Er blickte über die Schulter zurück und sah, dass die Passagiere noch immer zusammenklappten. Sie fielen der Reihe nach, als wenn eine Welle aus Richtung Cockpit durch das Flugzeug rollte und jeden, den sie berührte, mit sich riss. Aber eine Welle aus was ?
»Sieh nicht hin!«, rief Zabot. »Komm schon, Liam!«
Wieder spürte er die Hand des Kollegen an seinem Ärmel. Er ließ sich mitziehen. Zumindest zwei Meter weit. Dann befreite er sich wieder vom Griff des anderen, packte ihn an den Schultern und starrte ihm direkt in die Augen.
»Was – ist – hier – los?«
Zabots Blick wirkte kalt, ohne Emotion. Jede Regung darin hätte O’Connells Widerstand vermutlich verstärkt, doch als Zabot sprach, wusste O’Connell, dass er jetzt die Entscheidung treffen musste, ob er leben oder sterben wollte. Es würde kein Später geben, um Fragen zu beantworten.
»Ich bin hier, um dich zu retten, Liam. Komm!«
Zabot drehte sich um und rannte den Gang entlang durch die Economy Class. Er schob Passagiere, die von ihren Sitzen aufgestanden waren, achtlos beiseite, drückte sie in die Sessel zurück oder schubste sie vor sich her.
O’Connell folgte ihm. Er spürte etwas Eisiges, Lauerndes in seinem Nacken. Etwas, das ihn wollte. Das um jeden Preis zu verhindern beabsichtigte, dass er ihm entkam. Neben ihm sackte eine Frau in sich zusammen, als wäre sie plötzlich eingeschlafen, doch ihre Muskeln erschlafften völlig, die Lider blieben offen, die Augen starrten zur Decke.
Tot.
O’Connell sprang über einen Mann hinweg, den Zabot niedergeschlagen hatte.
»Sie Mistkerl!«, rief der Passagier ihm hinterher. »Moment, was war das denn?«
Mein Gott, die Welle! Sie holt uns ein.
»Beeil dich, Liam, sie sind bereits hier!«, schrie Zabot.
»Wer?« O’Connell schämte sich dafür, als er einen Mann mit einem Fausthieb niederstreckte und ihn wieder in seinen Sessel zurückschickte. »Wer ist hier?«
»Renn!«
Gesprächsfetzen hallten durch seinen Verstand. Worte von Ariane. Ein ganzes Dorf. Ausgelöscht. Die Menschen fielen einfach um. Wie die Fliegen. Wie Marionetten, deren Fäden mit einem Mal gekappt wurden.
Sie befanden sich in einem Flugzeug. Was glaubte Zabot, wie er sie retten konnte?
Der andere MI6-Agent verschwand hinter dem Vorhang des nächsten Kabinenteilers. O’Connell setzte ihm nach. In der Passagierkabine schwoll Gebrüll und Gekreische an, als die Menschen endlich begriffen, dass etwas Unheimliches diese Maschine heimsuchte und es keinen Ort gab, an den sie fliehen konnten.
Atemlos erreichte O’Connell die hintere Toilette.
»Rein da!«, sagte Zabot.
»Was?«
»Rein da, wenn du leben willst.« Er drückte ihn in die Kabine und zwängte sich hinterher. Mit einem Klicken drückte er die Falttür ins Schloss.
Es war eng. Zu eng für zwei Personen.
»Noah, ich schwör dir, ich …«
»Halt die Klappe! Nenn mir einen Ort. Wohin?«
»Was?« O’Connell wollte sich umdrehen, doch der andere drückte ihn gegen die Wand.
Plötzlich spürte er Zabots Atem an seinen Ohr. Dann war seine Stimme ganz nah bei ihm.
»Einen Ort, Liam. Wohin?«
O’Connell presste die Lippen fest aufeinander. Er unterdrückte den Wunsch, dem Kollegen den Ellbogen ins Gesicht zu stoßen, griff stattdessen mit der Hand in seine Jackentasche und förderte das Smartphone zutage, das noch immer eine drahtlose LAN-Verbindung zum Satellitentelefon aufrechterhielt. Mit einem Brummen berührte er den Bildschirm und hielt Zabot das Telefon unter die Nase.
»Dorthin.«
Der andere sog scharf die Luft ein. »Selbst wenn es da unten im Moment sicher ist, wird es das nicht für l…«
»Ich denke, du hast gesagt, wir haben keine Zeit zu verlieren.«
Zabot nickte. »Du hast recht. Halt dich an mir fest. Es wird jetzt etwas … ah, du wirst schon sehen.«
O’Connell sah, wie Zabot an seine Gürtelschnalle griff. »Noah, ich schwöre dir, ich …« Noch ehe er den Satz vollenden konnte, begann der Höllenritt.
Ein Ruck ging durch seinen Körper. O’Connell hatte das Gefühl, als würde sein Leib in alle möglichen Richtungen gleichzeitig gerissen. Sein Kopf flog nach oben, die Arme und Beine seitwärts fort. Der Torso drehte sich in einer irren Spiralbewegung in die Tiefe. Sein Gehirn.
Ja, wo war eigentlich sein Gehirn?
Wenn er hätte kotzen können, hätte er es getan. Aber er wusste nicht, wie er das ohne Magen tun sollte. Gefühlsmäßig war ihm dieser in die Kehle geschossen, doch er fühlte ihn irgendwo bei den Zehen.
Grelles Licht blendete ihn.
Er schrie und kniff die Augen zusammen.
Eine Feuerwoge fegte über ihn hinweg. O’Connell glaubte, seine Haut würde auf den Knochen zerschmelzen und anschließend wieder erkalten und mit ihnen verwachsen.
Er brauchte eine Weile, bis er begriff, dass das Tosen in seinen Ohren, sein eigener Schrei war.
Eine Weile, bis er erkannte, dass aus der sengenden Hitze eine bittere Kälte geworden war, die seinen Körper zittern ließ.
Eine Weile, ehe er begriff, dass er sich nicht mehr an Bord des Flugzeugs befand und der unheimlichen Welle entkommen war.
Liam O’Connell schlug die Augen auf. Ehe sich das Bild scharf stellte, würgte er und übergab sich. Er fühlte, wie es zwischen seinen Beinen feucht wurde, doch in diesem Moment war es ihm völlig egal, ob er sich wie ein kleines Kind benahm und in die Hosen pinkelte.
Er lebte. Das zählte.
»Wo zur Hölle bin ich?« Seine Stimme hörte sich fürchterlich an. Rau. Kratzend. Beinahe ohne Klang. Er sah sich um. Ein Straßenrand. Hinter ihm die Küste der Ostsee. Auf der anderen Seite der Fahrbahn eine Grasebene. O’Connell hörte das Brummen eines Motors und wandte den Kopf nach links. Ein Volvo fuhr die einsame Straße entlang. Instinktiv wusste er, dass Ariane darin saß. Sein Blick wanderte zu Zabot. Der Kerl stand selbstgefällig da, die Arme vor der Brust verschränkt. Doch statt zu grinsen, wie O’Connell es erwartet hätte, blickte er besorgt drein.
»Wenn du auch nur ansatzweise wüsstest, wie sehr du recht behältst.«
O’Connell hustete und spuckte Speisereste aus. »Was faselst du da? Wie kamst du so plötzlich in das Flugzeug? Und wie zum Teufel hast du uns hergebracht?«
Noah Zabot ging neben ihm in die Hocke. Er deutete mit einem Arm über die Ebene. »Sie haben uns gefunden. Ich weiß nicht, wie. Eigentlich hielt ich die Erde für ziemlich sicher. Aber ziemlich ist auch nur so ein Wort eurer Sprache, auf das kein Verlass ist. Sie kommen, Liam. Das ist ihre Vorhut. Bald werden sie in Scharen hier einfallen. Und das, mein Lieber, ist dann wirklich die Hölle und der letzte Ort im Universum, an dem man sein will.«
O’Connell richtete sich auf. »Du bist ja völlig irre.«
»Ich wünschte, es wäre so.« Zabot senkte den Blick und holte tief Luft. Seine Hand näherte sich erneut der Gürtelschnalle.
O’Connell sah zu dem sich nähernden Wagen, dann zu Zabot. Doch der war plötzlich fort, als wäre er nie hier gewesen.
Teil 2 Ausnahmezustand
Der Ausdruck stockfinster traf Albin Nielsens Situation nicht einmal annähernd, denn in dem sogenannten Stockhaus, dem alten Wort für Gefängnis, war es niemals so dunkel, dass man rein gar nichts sehen konnte. Sosehr sich Nielsen jedoch anstrengte, es war nicht das kleinste Lichtteilchen da, das eine Reaktion auf seiner Netzhaut hervorrufen konnte, ganz gleich wie weit seine Pupillen geöffnet waren. Selbst wenn er einen Restlichtverstärker gehabt hätte, wäre dieser nicht in der Lage gewesen, überhaupt ein Bild zu erzeugen.
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