»Hm.«
Wie auch immer.
Ariane kehrte zum Auto zurück, setzte sich diesmal jedoch auf den Beifahrersitz und stellte ihn in eine halbe Liegeposition. Sie holte ihr iPhone aus der Tasche und drückte kurz die Home-Taste. Das Display erwachte zum Leben. Kein Netz. Und die Akkustandanzeige näherte sich bedenklich dem roten Bereich. Ariane wischte mit dem Finger über das Display, entsperrte es und wählte sofort das Einstellungenmenü, um den Flugmodus zu aktivieren. Damit unterband sie die ständige Suche nach einem verfügbaren Netz und würde etwas Akkuleistung sparen. Sie schob das Handy in die Jackentasche, verschränkte die Arme vor der Brust lehnte den Kopf an die Nackenstütze des Sitzes. Über den Gedanken, wie sie dem ganzen Mist, in den sie sich manövriert hatte, entfliehen konnte, schlief sie ein.
* * *
Das tiefe Brummen eines Nebelhorns holte Ariane Hellenberg aus dem Schlaf. Sie hob träge die Lider und glaubte zu träumen. Entschlossen, einfach weiterzuschlafen, fielen ihr wieder die Augen zu, doch der erneute Ton des Horns und ein Stups in ihre Seite ließen sie schlagartig wach werden. Verschlafen blinzelte sie und drehte den Kopf zur Seite, nur um festzustellen, dass ihr Nacken steif war. Ihre Beine taten weh, die Schultern waren verspannt. Sie verzog das Gesicht und drehte den Kopf etwas weiter.
»Guten Morgen!«, sagte Ella neben ihr. »Du schnarchst.«
Morgen? Erst jetzt fiel Ariane auf, dass es heller Tag war. Sie bewegte einen Arm, um auf ihre Uhr zu sehen.
»Neun.« Ella gab ein Brummen von sich, als wäre sie selbst nicht erbaut darüber, so lange geschlafen zu haben. »Dieser Mistkerl hat uns nicht geweckt, als er das Boot festgemacht hat.« Die Schwedin nickte in Richtung Ufer, während Ariane immer noch damit rang, ihre Gedanken zusammenzubekommen.
»Wo sind wir?«
»Sieht nach Sundom aus.« Ella schüttelte den Kopf. »Wir sind viel weiter nördlich als vereinbart.«
»Der Kapitän wollte mich wecken, wenn wir in Reichweite eines Radiosenders sind.«
»Na, wie du siehst, ist daraus nichts geworden. Ich bin ganz schön sauer.«
»Wo steckt der Kerl denn?«
»Ist an Land gegangen. Er will wohl die Konditionen für den Liegeplatz aushandeln.«
Ariane streckte sich und drückte die Beine unter Schmerzen durch. Dann beugte sie sich vor und drehte am Knopf in Ellas Autoradio.
»Oh, ich darf doch?«
»Sicher. Ich bin auch gerade erst wach geworden.«
»Du hast geschlafen wie ein Murmeltier.«
»Schwindel mich nicht an, Ariane, ich weiß, dass ich schlecht geträumt habe und mehrmals im Schlaf hochgeschreckt bin.«
Aus dem Radio kam zunächst ein Rauschen. Ariane probierte eine andere Sendetaste und bekam eine Station herein.
»… die Vorfälle in Boden sind noch immer nicht verifiziert. Nach Angaben der Behörden, vornehmlich des Gesundheitsministeriums, handelt es sich um eine Virusepidemie, die von einem Touristen eingeschleppt wurde. Derzeit befindet sich Boden in Evakuierung. Infizierte werden in Quarantäneauffangstationen untergebracht, während die bisher als gesund eingestuften Einwohner in ein Zwischenlager zur Beobachtung gebracht werden, um einen weiteren Ausbruch der Krankheit zu vermeiden. Aus ungesicherten Pressequellen berichten zwei Reporter von einer Vertuschung der Angelegenheit. Angeblich sei das Militär vor Ort und habe ein Experiment mit Biowaffen durchgeführt, dem die gesamte Bevölkerung Bodens zum Opfer gefallen sei. Diesen Berichten nach soll niemand mehr in Boden am Leben sein. Das würde bedeuten, dass mehr als 19 000 Bürger …«
Ella schaltete das Radio aus. Tränen liefen über ihre Wangen.
Ariane beugte sich zu ihr hinüber und nahm sie in den Arm.
»Es ist genauso wie am See. Wie bei meinem Bruder und seiner Familie. Niemand will etwas wissen. Alle reden nur von einem Unfall oder einer Epidemie. Keiner sagt die Wahrheit.«
»Es tut mir leid.« Ariane kam sich hilflos vor. Ihr kam eine Idee. Sie nahm ihr Telefon und schaltete es ein. Die Batterieanzeige war fast leer und rötlich eingefärbt. Vielleicht reichte es noch für einen Anruf. Sie schaltete den Flugzeugmodus ab und wartete, bis das Gerät ein Netz fand. Anschließend wählte sie Liams Nummer. Zu ihrer Überraschung bekam sie ein Freizeichen. Nach zweimaligem Klingeln wurde am anderen Ende abgenommen.
»Hallo, Ari!«
»Liam. Wo bist du?«
»Noch unterwegs in einem Passagierflieger nach von Stockholm nach Lule…«
»Hast du die Nachrichten gehört?«, unterbrach Ariane ihn.
»Ja, offenbar sind deine mysteriösen Todesfälle auf eine Virenepidemie zurückzuführen.«
»Das glaubst du doch selbst nicht, sonst wärst du nicht unterwegs hierher.«
»Ich weiß nicht, was ich glauben soll«, sagte Liam. »Man hat mich geschickt, um mir ein Bild von der Situation zu machen.«
»Man hat dich geschickt«, echote Ariane tonlos. Sie wollte gerade etwas einwenden, was sicherlich in eine Grundsatzdiskussion ausgeartet wäre. Aber dafür blieb ihr keine Zeit. Und auch nicht genug Akkustrom.
»Ich erkläre es dir, wenn wir uns sehen. Wo bist du?«
»Außerhalb von Luleå. Der Ort heißt Sundom. Ich weiß nicht, etwa zwanzig Kilometer nördlich. Wir sind mit einer Fähre hierhergekommen. Ella ist bei mir.«
»Gut, bleibt dort. Mein Flug sollte erst gecancelt werden, aber wir haben nicht mehr genug Sprit für einen Rückflug. Wir werden so oder so in Luleå oder, falls die Epidemie um sich greift, in Tornio landen.«
»Tornio klingt gut.« Ariane holte tief Luft. »Der Fährmann sagte, von dort gehen Flüge nach Helsinki. Wäre also ein Notanker.«
»Ich werde nach Sundom kommen und gebe dir Bescheid, sobald ich in Luleå gelandet bin.«
»In Ordnung. Mein Akku ist fast leer, ich hoffe, ich finde irgendwo eine Steckdose.«
»Okay. Bis später, Ari!«
»Ja.«
Sie drückte die Verbindung weg und schaltete rasch das Display aus.
Liam O’Connell arbeitete nicht für Scotland Yard. So viel war sicher. Die schickten keinen Kriminalermittler von England nach Schweden, um eine Virenepidemie zu untersuchen. Sie war jetzt schon auf seine Erklärung gespannt.
Das Öffnen der Fahrertür ließ Ariane zusammenzucken. Ella machte Anstalten auszusteigen.
»Wohin …?«
»Der Skipper kommt zurück.«
Ariane sah den Mann in seinem Ölmantel den Anlegesteg heraufhumpeln. Er zog das linke Bein nach. Hinter ihm schüttelte ein Mann an der Anlegestelle den Kopf und scheuchte mit einer Handbewegung eine Frau ins Haus zurück.
Ella rief etwas auf Schwedisch.
Anscheinend war der alte Skipper auch ihr gegenüber nicht gesprächiger. Er antwortete in der Ariane gewohnten Weise.
»Hm.«
»Was hat er gesagt?« Ariane biss sich auf die Zunge. Wie doof von mir.
Ella sah sie an, als zweifle sie an ihrem Verstand. Sie wiederholte die Frage, diesmal auf Englisch.
»Gibt es Probleme?«
Der alte Mann erreichte den Bootsrand und deutete mit dem Daumen nach hinten. »Sie wollen uns nicht. Die Anlegestelle sei wegen der Epidemiewarnung in Luleå gesperrt und müsse für Rettungskräfte freigehalten werden. Wir fahren weiter nach Norden. In Råneå gibt es noch eine Möglichkeit anzulegen. Von dort gelangt ihr genauso auf die Autobahn.«
Ella runzelte fragend die Stirn.
»Tornio«, sagte Ariane. »Er meinte, es wäre das Beste, wenn wir von dort aus nach Helsinki fliegen.«
»Hm.«
»Hm?«, hakte Ariane nach, schaffte es aber nicht, seinen brummenden Tonfall zu imitieren.
»So habe ich das nicht gesagt.«
»Egal, ich …«
Ella schrie auf und deutete den Steg entlang. Am Ufer stürzte jemand mitsamt seinem Fahrrad um. Ein Scheppern war zu hören, als ein kleiner Fiat in ein Haus neben dem Anlegesteg krachte. Weiter hinten in der Bucht sah Ariane zwei Menschen, die eben noch am Strandufer mit einem Hund spazieren gingen, einfach umkippen. Der Hund rannte, blieb plötzlich stehen, schnüffelte und fiel seitwärts zu Boden. Er rührte sich genauso wenig wie die Menschen.
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