Silke hatte wohl den Fehler gemacht, sie mit Sexgesuchen zu beauftragen. Ihre Aufgabe war es, Profile von Frauen anzulegen, die es in der wirklichen Welt gar nicht gab. Sie beschrieb diese fiktiven Frauen ausschweifend, exotisch und so als besäßen sie besondere Vorlieben für Männer mit extravaganten Wünschen. Charlotte suchte sich ihre Ideen im Internet oder erfand sie. Sie war übereifrig und wollte gleich von Anfang an beweisen, wie gut sie diese Arbeit beherrschte. Und tatsächlich, ihre Fantasie kannte keine Grenzen. Silke war stark beeindruckt von dem, was sich das junge Ding alles ausdachte. Das erzählte sie mir zumindest. Die neue Mitarbeiterin hatte regelrecht Spaß daran, immer exklusivere Wünsche von Frauen aufzuzeigen. Aber dann drängte Silke sie weiter und weiter, immer mehr Profile sollte sie erstellen, denn der Zuspruch ließ ja nicht lange auf sich warten bei den vielen speziellen Angeboten. Es war an der Zeit, auch für ausreichend Frauen zu sorgen. Doch nach einigen Wochen war Charlotte nur noch ein Nervenbündel.
Sie bekam wegen der vielen Arbeit am Computer eine Sehnenscheidenentzündung und Silke hatte sie nach einer verbalen Auseinandersetzung fristlos gekündigt. Daraufhin zog ihre Mutter mit ihr und einem Anwalt vor Gericht. Für Silke sah es nicht gut aus.«
»Und Sie? Haben Sie etwa nichts von diesem ominösen Arbeitsverhältnis gewusst?«, fragte Olli und auch Lisa war skeptisch.
»Das kann ich mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, schließlich waren Sie der Geschäftspartner von Frau Peters und sie hat Ihnen sicher auch alles anvertraut.«
»Über die Neueinstellung der Kollegin war ich selbstverständlich informiert. Personelle Veränderungen besprachen wir gemeinsam, allerdings war ich nie in konkrete Details ihrer Arbeit in Rostock eingeweiht, da ich noch nicht hier wohnte. Silke betrachtete das neue Portal von Anfang an als ihre besondere Chefsache. Erst als der Brief von einem Rechtsanwalt hereinflatterte, konnte sie die Geschichte nicht länger geheim halten und outete sich schließlich auch mir gegenüber. Ehrlich, ich war total entsetzt, erst recht, als ich mit dem gesamten Ausmaß und der fristlosen Kündigung konfrontiert wurde.«
»Was ist bei der Verhandlung rausgekommen?«
»Silke wurden die überhöhten Anforderungen an Charlotte angekreidet. Es hieß, die neue Mitarbeiterin sei durch die maßlose Überanstrengung der Tastaturarbeit arbeitsunfähig geworden. Die fristlose Kündigung musste sie natürlich auch zurücknehmen. Die unverhältnismäßig hohen Überstunden von Frau Schmidt wurden anerkannt und das fehlende Geld musste Silke überweisen. Die inhaltlichen Formulierungen und der Zweck des Arbeitsinhalts, den Charlotte täglich ins Netz zu stellen hatte, wurden gar nicht besprochen. Konnten sie ja auch nicht, denn die Profile waren ja Charlotte Schmidts eigener Fantasie entstanden.«
»Dann kann diese Sache wohl kaum der Grund für den schnellen Abgang Ihrer Geschäftspartnerin gewesen sein. Was war es also dann?«, fragte Olli.
»Kommen Sie endlich zum Punkt!«, mischte sich nun Lisa ein.
Niels Sauer beeilte sich mit einer Antwort: »Ich bin nie richtig schlau aus der Sache geworden. Silke kam mit einer geringen Summe an Schmerzensgeld relativ günstig davon, aber trotzdem rief sie mich eine Woche später an und fragte, ob ich die Agentur übernehmen will. Ich kannte bereits den Ablauf und war mit allem vertraut, deshalb sagte ich sofort zu. Das war endlich meine Chance, mich selbstständig zu machen. Beim geschäftlichen Teil wurden wir uns zügig einig. Ich hatte ohnehin das Gefühl, dass sie um jeden Preis nur schnell wegwollte. Ich nahm einen Kredit auf, überwies die Hälfte der Summe mit dem Vertragsabschluss und dieselbe Summe läuft weiter auf Abzahlung.«
»Und wie ist Ihr Kontakt heute?«
»Na ja, von Kontakt kann kaum die Rede sein. Seit einem Monat habe ich überhaupt nichts mehr von ihr gehört. Selbst auf meine Einladung zur Eröffnung der neu gestalteten Agentur, vor etwa sechs Wochen, reagierte sie nicht. Sie können sich bestimmt vorstellen, wie enttäuscht ich bin. So ein Verhalten hätte ich ihr niemals zugetraut. Aber soweit ich weiß, wollte sie mit dem Metier nichts mehr zu tun haben.«
Lisa hörte dem Mann die ganze Zeit aufmerksam zu und stellte fest, dass sie im Unrecht lag. Er wusste nichts, sie hakte trotzdem weiter nach: »Und Sie machen jetzt allein mit der Seitensprungagentur weiter?«
»Ich werde mich demnächst wohl von der Seitensprungagentur verabschieden. Sie ist sowieso schon stillgelegt. Die Partnervermittlung reicht mir, vorerst jedenfalls. Das andere Portal passt nicht zu mir und seit der Sache mit Charlotte bin ich ohnehin sensibilisiert und halte mich besser an die Vorschriften.«
»Womit Frau Peters derzeit beschäftigt ist, wissen Sie aber schon? Wenn Sie nicht mit diesem Portal beschäftigt sind und Frau Peters nicht, wer könnte es sonst sein? Kennen Sie womöglich jemand in der Szene, dem Sie das Engagement in dieser Richtung zutrauen würden? Wir wissen jedenfalls, dass da immer noch was laufen muss. Es gibt einige Aussagen«, meinte Olli übertrieben.
»Nein, aber falls mir was zu Ohren kommt, werde ich mich bei Ihnen melden.«
»Bitte auch, wenn sich Frau Peters melden sollte«, ergänzte Lisa.
»Seit der Übergabe des Geldes habe ich zwar von Silke nichts mehr gehört. Weder weiß ich, wo sie hingegangen ist, noch was sie jetzt macht. Wenn sich daran etwas ändert, erfahren Sie das als Erste.«
»Gab es seitdem Frau Peters die Agentur verließ im Nachhinein Beschwerden?«
Lisa setzte gleich eine Frage drauf: »Wir meinen beispielsweise Übergriffe auf Frauen oder etwas in dieser Richtung?«
»Nein, davon habe ich nichts gehört.«
Olli stand auf und Lisa folgte ihm mit einer letzten Bemerkung an Sauer. »Dann wäre das vorläufig alles. Bitte halten Sie sich zu unserer Verfügung, falls wir weitere Angaben benötigen.«
»Selbstverständlich, ich will schließlich nicht bei der Polizei in Ungnade fallen.«
Lisa lächelte kurz. »Dazu gibt es aus unserer Sicht bisher auch gar keinen Grund.«
»Dann hoffe ich, dass Sie uns wenigstens dienstlich nicht mehr aufsuchen müssen«, meinte Niels Sauer und deutete lächelnd zur Tür.
Draußen auf der Straße holten Lisa und Olli erst mal tief Luft. Obwohl der jetzige Chef um einiges angenehmer rüberkam als seine Vorgängerin, beschlich Lisa dasselbe ungute Gefühl wie im August.
»Wer weiß, wo Silke Peters inzwischen steckt? Wir sollten sie nicht aus den Augen verlieren, um sicherzugehen, dass sie mit den geschädigten Frauen nichts zu tun hat. Ich werde jedenfalls ein mulmiges Gefühl nicht los.«
»Zerbrich dir bloß nicht deinen schönen Kopf. Wie es weitergeht, besprechen wir nachher im Büro.«
»Du hast recht, muss mich wohl erst wieder an die Gepflogenheiten im Job gewöhnen. Der Austausch mit Kollegen ist ja schon ein paar Tage her.«
Beide hatten einen strammen Schritt drauf, vor einer langen Menschenschlange blieb Lisa aber plötzlich stehen. So wie meist, wenn sie in der Altstadt unterwegs war, packte sie der Appetit auf eine echte Rostocker Currywurst ohne Darm. Sie brauchte Olli nicht lange überreden, die lange Schlange schreckte ihn auch nicht ab. Er meinte lediglich: »Eine Rostocker ohne Darm geht immer …«
Bis zur Sitzung um 14 Uhr blieb ihnen etwas Zeit, um sich nebenan einen Kaffee zu genehmigen. Olli setzte sich mit seinem Kaffee und der Currywurst Lisa gegenüber und sah ihr dabei zu, wie sie in einem Büchlein blätterte. Das Buch trug sie neuerdings stets bei sich. Das war ein Tipp ihres Psychologen nach dem Übergriff im Sommer.
Lisa legte das Buch kurz zur Seite, um in ihrer Tasche nach einem Stift zu suchen, den sie aber nicht sofort fand. Olli war schneller, griff in seine Jackentasche und gab ihr seinen Kugelschreiber.
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