Lisa und Olli hatten sich darauf geeinigt, an diesem Tag nur das Haus zu inspizieren, ohne sich dem Personal gegenüber zu outen. Fürs erste sollte es reichen, sich einen Überblick über die Achtsamkeit der Leute an der Rezeption zu verschaffen.
Behielt das Personal wirklich das Kommen und Gehen der Gäste im Blick oder ging es eher salopp zu?
Das war zumindest gleich nach dem Betreten des Hotels ihr erster Eindruck. Sie wollten vor allem nach Fluchtwegen Ausschau halten und sich einen ersten Eindruck vom Hotel verschaffen. Vielleicht hatten sie ja Glück und ein sexhungriges Paar ließ sich blicken.
Erst einmal fuhren sie mit dem Fahrstuhl in die oberste Etage, dabei entging ihnen nicht, dass das problemlos möglich war, selbst, ohne Gast des Hotels zu sein. In vielen Häusern gab es längst eine Karte, die als Zimmer- und Fahrstuhlschlüssel diente. Ohne ein angemietetes Zimmer bekam niemand die Chance, den Lift zu nutzen. Unliebsamen Besuchern wurde durch so ein Prozedere ein Riegel vorgeschoben. Aber das schien der Hotelleitung offenbar nicht wichtig zu sein.
Im obersten Stockwerk angekommen, erstreckten sich lange, weitläufige Flure. Ein Putzwagen stand zwar im Flur, doch eine Putzfrau war weit und breit nicht in Sicht. Alles machte den stillen Eindruck eines leeren Hauses.
Plötzlich öffnete sich eine Tür, heraus kam ein gut gelauntes Paar. Der Mann zog einen Rolli hinter sich her und die ihm nachfolgende Frau trug leichtes Handgepäck. Die Frau ließ die Tür offen stehen, wahrscheinlich für die Putzfrau, deren Wagen genau vor der Tür stand. Lisa und Olli gingen weiter in Richtung der offenen Tür. Lisa blieb vorsichtshalber draußen, um Olli rechtzeitig zu warnen, falls jemand käme.
Olli warf einen vorsichtigen Blick zunächst in den Flur, dann ging er in das großzügige Zimmer hinein.
»Beeile dich, ich kann die Putzfrau schon hören«, meinte Lisa unruhig.
Olli ging unsicher weiter, ohne weiter auf Lisas Worte zu achten. Auf einmal rief er begeistert: »Das musst du dir ansehen! Das ist ein besonders großes Appartement, ich würde sagen erster Klasse.«
»Erkennst du etwas, das mit unseren Nachforschungen zu tun hat?«
»Ich sehe mich jetzt in dem separaten Wohnbereich etwas näher um.«
Dieser Raum war hell und sah von innen weitaus freundlicher aus, als das Haus von außen vermuten ließ. Beim Blick aus dem Fenster sah Olli einen großzügigen Innenhof mit wenigen rotgoldenen Blättern an den Bäumen und Rosen, die sehr kurz beschnitten waren. Die parkähnliche Anlage machte einen gepflegten Eindruck, dabei störten lediglich die ungeordneten Tische und Stühle.
Draußen hatte er genug gesehen.
Interessiert begann Olli die Räume weiter nach Auffälligkeiten abzusuchen. Dabei entgingen seiner Aufmerksamkeit die hochwertigen Möbel und die dazu passenden Zierfiguren nicht. Alles war perfekt aufeinander abgestimmt und machte einen stilvollen, gehobenen Eindruck. Es gab viel Platz, obwohl eine moderne Sitzgruppe mitten im Raum ihren Platz fand. Das Badezimmer war mit einem Whirlpool ausgestattet, an dessen Rand hochwertiger Nippes standen.
Ansonsten gab es nichts Interessantes zu sehen, also kehrte Olli um und gab Lisa das Zeichen, hineinzugehen.
»Schau du dich auch um, vielleicht fällt dir etwas auf, was ich übersehen habe.«
Olli übernahm die Beobachterrolle und Lisa betrat die Suite.
Auf den ersten Blick erkannte Lisa nichts, was ihr wichtig erschien. Deshalb wollte sie gerade den Rückweg antreten, als ihr ein winziger Knopf an der Wand auffiel, der zunächst unscheinbar aussah. Nur durch Zufall sah sie dorthin, weil an dieser Stelle ein Buch stand, das ihr Interesse weckte.
Lisa drückte am Knopf hin und her, ihr Spürsinn vermutete sofort einen geheimen Raum dahinter. Doch selbst nach festem Drücken bewegte sich nichts. Es musste einen besonderen Trick geben und ihre Fantasie überschlug sich jetzt erst recht. Zuerst dachte sie an ein Versteck für jene, die nichts Seriöses im Schilde führten. Aber wofür so ein Raum wirklich gut sein sollte, wollte sie besser mit Olli besprechen.
»Beeil dich, ich höre Schritte, die in unsere Richtung kommen«, rief Olli laut in den Flur des Appartements hinein.
Lisa hatte verstanden und kam unmittelbar nach Ollis Ruf heraus.
»Hast du etwas Markantes entdeckt?«, fragte er Lisa ungeduldig.
Lisa schüttelte zuerst den Kopf, dann dachte sie an den womöglich geheimen Raum »Ist dir der winzige Knopf an der Bücherwand aufgefallen?«
»Nee, was soll da sein?«
»Ein geheimes Versteck, was sonst. Wozu manipuliert oder tarnt man denn sonst eine Wand mit einem Bücherregal?«
»Wie kommst du auf ein Versteck? Das passt gar nicht zu diesen first-class Räumen.«
»Vielleicht gerade deshalb. Wenn du jedenfalls genau davorstehst und hinsiehst, erkennst du ganz genau den Rand, der sich präzise abzeichnet. Es könnte aber auch etwas anderes dahinterstecken.«
Ollis Interesse schien geweckt zu sein. Er ging selbst ins Zimmer zurück, um sich das aus der Nähe anzusehen. In dem Moment öffnete sich in unmittelbarer Nähe eine Tür und die Putzfrau kam heraus. Die sah Lisa erstaunt an.
Lisa ging ihr geistesgegenwärtig entgegen, um sie abzulenken. »Haben Sie vielleicht ein kleines Mädchen gesehen? Eben war sie noch da«, sagte Lisa extra laut, damit Olli sie auch hören konnte. Der verstand ihr Ablenkungsmanöver zum Glück sofort und verließ schnell die Räume.
»Liebling. hier ist Susann auch nicht«, meinte er, dann sprach er die Putzfrau an. »Hat meine Frau schon gefragt, ob Sie unsere Tochter Susann gesehen haben?«
Lisa riss ihre Augen weit auf. Sie hoffte, dass er sich nicht in Einzelheiten verstricken würde, und sprach daher dazwischen: »Lass uns unten weitersuchen. Vielleicht ist sie schon draußen. Hoffentlich ist ihr nichts passiert.« Lisa legte all ihr schauspielerisches Talent in ihre Stimme, um ehrlich besorgt zu klingen.
Die dunkelhäutige Frau musterte Olli, dann Lisa und zuckte mit den Schultern, was wohl bedeuten sollte, dass sie nichts verstanden hatte.
Lisa und Olli verabschiedeten sich wie aus einem Mund und gingen hastig zur Treppe.
»Glück gehabt, hätte auch anders ausgehen können. Und? Was meinst du? Bist du meiner Meinung?«
»Ja, könnte sein. Vielleicht ist es nur ein Raum für Eltern, die mit Kindern reisen und mal für ein paar Minuten ungestört sein wollen.« Seine Antwort schien ihm selbst eher vage zu sein, weshalb er mit den Schultern zuckte. »Das werden uns die Leute vom Haus sicher besser erklären können. Auch, ob dieser Bereich häufiger frequentiert wird als andere.«
Lisa wäre dennoch am liebsten sofort der Sache auf den Grund gegangen, doch Olli verstand es sie zu besänftigen. »Das werden wir erfahren, gedulde dich bis zum nächsten Mal. Spätestens, wenn wir im Kommissariat mit der Befragung der Frauen weitergekommen sind, wissen wir mehr.«
»Ja, und der Chef wird zufrieden sein, weil wir für den Anfang vorsichtig vorgegangen sind.«
»Bisher hat jedenfalls niemand Verdacht geschöpft.«
In den oberen Räumen hatten sie vorerst genug gesehen. Auf dem Rückweg liefen sie über die Treppe und nahmen dabei auch die anderen Gänge in Augenschein. Die darunter liegende Etage sah genauso aus wie die darüber, nur ohne die Schrägen des Dachs. Sie stiegen Treppe für Treppe nach unten, entdeckten aber nichts, was ihr Interesse weckte. Später wollten sie sich gegebenenfalls von der Rezeption den Fluchtplan geben lassen. Aber erst, wenn klar war, ob auch die anderen Frauen dieses Haus als Treffpunkt genutzt hatten.
Eine gute halbe Stunde später kamen sie erneut an der Rezeption vorbei. Alles lief genauso ab wie zuvor. Die Frauen waren mit Papieren beschäftigt, an der Bar saßen inzwischen drei Personen mit jeweils einem Kaffee in der Hand, die sich unterhielten.
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