Niemand schien von ihnen Notiz zu nehmen, geschweige denn, dass sie gefragt wurden, wohin sie wollten oder ob sie Gäste des Hauses waren. Die Leute von der Rezeption schauten nicht mal hoch, als Lisa und Olli mit einem Gruß an ihnen in Richtung Ausgang gingen.
»Also perfekt für diejenigen, die unentdeckt und anonym bleiben wollen«, sprach Olli aus, was Lisa dachte.
»Damit hat sich meine Vermutung bestätigt. Aber wir sind in diesem Haus bestimmt noch lange nicht fertig«, brachte Lisa gerade noch raus und war bereits mit dem nächsten Ziel beschäftigt. Sie suchte schnell die Rufnummer der ihr vom Sommer her bekannten Partnervermittlungsstelle raus, dann bat sie Olli darum, den Besuch dort schon mal anzukündigen. »Ruf du an. Sie werden dich sicher für einen potenziellen Kunden halten.«
»Weiß zwar nicht, wozu das gut sein soll, aber ich mache es. Gib mal die Nummer ein und mach den Lautsprecher an.«
Ein lautes Klingeln ertönte, prompt hörten sie die dominante Stimme einer Frau. »Hallo? Weber am Apparat, Partnervermittlung ›Meer – Lust‹ in der Altstadt!« Weiter kam die Stimme nicht, weil Olli hastig auf die Aus-Taste drückte. »Also ehrlich, ich habe keinen Bock auf solche Spielchen. Da ist jemand, das wars doch, was wir wissen wollten.«
Lisa schaute ihren Kollegen fragend an, besann sich, bevor sie eine pampige Antwort gab, und meinte kurz: »Beruhige dich, es ist alles gut, Olli. Nix passiert.« Dann machte sich ein Schmunzeln in ihrem Gesicht breit. Olli musste auch lächeln und schien selbst über sein schroffes Verhalten erstaunt zu sein. »Du kennst mich, ich schieße gern mal übers Ziel hinaus.«
Nachdem es ihnen gelang, das Auto in einer Querstraße abzustellen, liefen sie die paar Meter bis in die Altstadt zu Fuß weiter. Lisa war froh, ein paar Schritte gehen zu können, der Nachmittag im Büro würde noch lang genug werden.
An der Fensterfront zur Partnervermittlung entdeckte Lisa sogleich die erste Veränderung: Keine Gesichter von strahlenden Männern und Frauen auf riesigen Fotos wie im Sommer, sondern zeitlose Naturaufnahmen aus der Ostseeregion. Wer nicht wusste, dass sich hier eine Partneragentur versteckte, vermutete auch keine. Genauso hatte sich auch der gesamte Eingangsbereich verändert. Nichts erinnerte Lisa an ihren ersten Besuch, dabei waren seitdem gerade mal drei Monate vergangen.
Der einst geräumige und ungemütlich wirkende Eingangsbereich war jetzt strukturiert und gut aufgeteilt. Olli und Lisa gelangten zunächst in einen Vorraum, in dem sie von einer Empfangsdame begrüßt und nach dem Anliegen gefragt wurden.
»Hier, mein Anliegen!« Olli hielt seinen Ausweis vor das Gesicht der Empfangsdame, sodass sie die Polizeimarke genau erkennen konnte. »Mein Name ist Olaf Wilke.« Er deutete auf Lisa, die sich selbst vorstellte. »Lisa Liebich, wir möchten die Geschäftsführerin, Silke Peters, sprechen.«
»Frau Peters gibt es bei uns nicht mehr. Etwa vor zwei Monaten hat der Inhaber gewechselt. Die frühere Chefin hatte alles urplötzlich verkauft und ist auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Sie soll ins Ausland gegangen sein, munkeln einige. Hatte wohl einige Leichen im Keller, aber da wissen Sie wahrscheinlich mehr als ich.«
Lisa schaute ihren Kollegen fragend an. »Habe ich etwas überhört? Kannst du dich erinnern, dass Heilmeyer davon gesprochen hat?«
Olli wirkte nicht minder überrascht, ließ sich aber fast nichts anmerken, und reagierte stattdessen forsch. »Na, dann eben jemanden von der Geschäftsführung. Oder gibt es hier auch keine Partnervermittlung mehr? Die müsste sich erst gestern aufgelöst haben, sie steht jedenfalls im Register.«
»Natürlich arbeiten wir hier weiter, nur unter einem neuen Chef. Ich läute mal durch, ob Niels … Pardon, Herr Sauer, frei ist.«
»Sagen Sie ihm bitte gleich, falls er keine Zeit haben sollte, darf er uns auch gern im Kommissariat beehren. Ein zweites Mal kommen wir nämlich nicht vorbei.«
»Ist ja schon gut.«
Sie wählte kurz und nuschelte unverständliche Worte in den Hörer. Anschließend dauerte es nicht lang und Niels Sauer stand in der Tür.
»Womit habe ich Ihren Besuch verdient? Bitte kommen Sie doch mit in mein Büro.« Er hielt die Tür zum angrenzenden Raum auf und zeigte auf eine gemütliche Sitzecke.
»Kann ich Ihnen einen Kaffee anbieten?«
Keine Antwort abwartend, gab er der Mitarbeiterin am Empfang ein Zeichen. Niels Sauer war ein smarter, gut aussehender Mittdreißiger, der mit guten Umgangsformen zu glänzen verstand. Doch Lisa ließ sich davon nicht beeindrucken. »Ich konnte im August Ihre Vorgängerin Silke Peters kennenlernen, damals sah es nicht so aus, als wolle sie bald ihren Dienst quittieren.«
»Das ist interessant, davon weiß ich gar nichts. Und Sie sagen, dass Sie schon einmal den Kontakt zu uns suchten? Im August war ich ja auch schon da. Die Partnervermittlung habe ich endgültig erst vor wenigen Monaten übernommen, sozusagen als ihr ehemaliger Stellvertreter. Silke verschwand Hals über Kopf, weil es für sie nach jede Menge Ärger aussah. Eine Angestellte hatte sie verklagt. Aber wieso und weshalb, das brauche ich Ihnen wohl nicht zu erzählen. Außerdem arbeitet diese Angestellte auch nicht mehr bei uns.«
»Moment mal. Das hängt ganz davon ab, ob die Sache auch mit unseren Fragen zu tun hat.«
»Uns ist bekannt, dass seit einiger Zeit über Ihre Partneragentur eine weitere ›Vermittlung‹ angeboten wird. Ein sogenanntes Seitensprung-Dating-Portal, richtig?« Olli blickte Niels Sauer herausfordernd an.
»Wenn Sie schon so gut Bescheid wissen, warum sollte ich das leugnen? Das läuft ganz legal ab und spielt bei uns nur eine untergeordnete Rolle. In diesem Land gibt es leider nicht viele Menschen, die offen zugeben, dass sie fremdgehen wollen. Dennoch sind es immerhin 57 % aller Männer und die Frauen schneiden mit 54 % auch nicht viel schlechter ab.«
»Sie kennen sich ziemlich gut aus.« Lisa missfiel die selbstherrliche Art des Mannes, deshalb unterbrach sie ihn. Doch kaum war der Satz draußen, ärgerte sie sich über ihre Spontanität. Umso heftiger fiel ihre darauffolgende Frage aus. »Ja und? Hat die Flucht der ehemaligen Chefin mit diesem Portal zu tun?«
Niels Sauer verzog die Lippen, was Lisa freute. Sie hatte es geschafft, den smarten Blender aus seiner Komfortzone zu locken. Es dauerte etwas, bis er die Frage bedächtig beantwortete: »In gewisser Weise schon.«
Die Anspannung zwischen Lisa und dem Chef der Agentur war wohl nicht mehr zu übersehen, was Olli veranlasste, einzugreifen. »Na, da haben wir wohl direkt ins Schwarze getroffen. Erzählen Sie uns einfach der Reihe nach, warum Silke Peters so schnell über alle Berge ist.«
Im selben Moment kam die Empfangsdame mit Kaffee und ein paar Plätzchen herein, die sie betont laut direkt vor der Nase der Gäste platzierte. Eisige Stille machte sich breit, bis die Tür wieder geschlossen wurde und sie zu dritt im Raum zurückblieben.
Niels Sauer stand auf, ging zu seinem Schreibtisch, nahm einen Ordner vom Tisch, mit dem er sich wie ausgewechselt vor ihnen hinsetzte und schwungvoll zu erzählen begann: »Silke hatte die Idee mit dem Seitensprungportal. Ein Kunde hatte mal beiläufig danach gefragt und über einige seiner besonderen Vorlieben beim Sex gesprochen. Silke hatte später recherchiert und tatsächlich mehr dazu im Internet rausgefunden. Dieses Portal schien die ideale Ergänzung zu unserer Partnervermittlung zu sein. Zeitgleich bekamen wir die Bewerbung von Charlotte Schmidt. Ich hielt sie für dieses neue und spezielle Gebiet eigentlich nicht für geeignet. Sie war gerade mal 20 Jahre alt und ich fand sie etwas naiv. Aber Silke meinte, dass sie genau die Richtige sei.«
»Ja und? Kommen Sie zum Punkt.«
»Na ja, wie soll ich Ihnen das beschreiben? Charlotte brachte alles ins Rollen und wie sich etwas später herausstellte, war sie alles andere als naiv.
Читать дальше