»Meinetwegen, übernehmt ihr morgen früh das Hotel und im Anschluss könnt ihr gleich die Partneragentur aufsuchen.«
»Apropos Hotel, das CityHotel soll in unmittelbarer Nähe zum Rostocker Hauptbahnhof sein. Von dort ist man relativ schnell aus der Stadt verschwunden. Seht euch das genauer an. Vielleicht ist es sogar möglich, anonym rein- und rauszuspazieren.«
Lisa nickte. Sie kannte sich in der Gegend relativ gut aus, weil sie manchmal mit dem Zug von Graal-Müritz nach Rostock fuhr.
»Nicht schlecht gewählt«, meinte auch Olli.
»Aus diesem Grund nehmt ihr morgen als Erstes das Hotel unter die Lupe. Bin gespannt, welche Neuigkeiten ihr herausbekommt. Wenn es als Stammhaus des Seitensprungportals läuft, dürfte das den Leuten von der Rezeption nicht entgangen sein«, ergänzte Heilmeyer.
Olli nickte unruhig und deutete auf seine Uhr als Zeichen, dass er noch einen Termin in anderer Sache hatte.
»Gebt mir eine Minute, bevor wir für heute etwas zeitiger auseinander gehen. Jens, du machst bei den Webseiten im Netz weiter. Vielleicht gibt es noch mehr Portale, die spezielle Dates anbieten.« Heilmeyer stand auf, ging zur Pinnwand und zeigte auf die angebrachten Fotos. »Die beiden Frauen hier an der Wand sind nicht die Einzigen. Die dritte Frau blieb bis auf wenige Telefonangaben bis jetzt zwar anonym, aber ich denke, dass keine weitere dazukommen darf. Das ist uns allen wohl klar. Macht heute mit euren Recherchen weiter. Ich bin im Außendienst, morgen schließen wir an dieser Stelle an.«
Lautes Klopfen auf den Tisch wurde von schrillem Schurren der Stühle verstärkt.
Bevor sie mit den anderen hinausging, verschaffte sich Lisa in einem Ordner einen Überblick über die Arbeit der letzten Monate und merkte, dass einiges nachzuholen war.
Um 17 Uhr war Lisas erster Arbeitstag Geschichte, aber ihr Job als vollwertige Kollegin in Heilmeyers Team hatte gerade erst begonnen. Sie war keine Praktikantin mehr, und das wollte sie ab jetzt auch unter Beweis stellen.
Alle Kollegen waren bereits auf dem Weg zu ihren Autos, nur Olli kam ihr entgegen und hielt sie am Arm fest. »Hey, nicht so schnell. Ich freu mich wirklich, dass du zurück bist. Wollte dir das nur noch einmal persönlich sagen. Um welche Uhrzeit treffen wir uns morgen?«
»Wie gesagt, manchmal fahre ich mit dem Zug von Graal-Müritz nach Rostock, das dauert etwa eine halbe Stunde. Ich denke, um neun Uhr könnte ich am Bahnhof sein. Hol mich dort ab, dann laufen wir zum Hotel rüber und anschließend zur Partneragentur.«
»Gut, so machen wir das. Kann ich sonst irgendwas für dich tun?«
Lisa schaute Olli überrascht an. »Hallo? Du, ich bin fit. Du musst dir keine Sorgen um mich machen. Ich habe genug getan, um die böse Geschichte vom Sommer loszuwerden. Aber, wenn was sein sollte, wärst du der Erste, der davon erfährt. Versprochen.«
»Dann verstehen wir uns ja und fangen einfach dort an, wo wir im Sommer aufgehört haben. Ich denke, das wird die beste Basis für eine gute Zusammenarbeit sein.«
»Danke Olli, du hast recht. Wir sollten so schnell wie möglich zur Normalität zurückkehren. Morgen wird ein guter Start dafür sein. Dir einen schönen Abend, bis später.«
Olli nickte zustimmend und ging mit ihr zusammen in Richtung Parkplatz. Als er in sein Auto stieg, schaute Lisa ihm mit einem langen Blick hinterher und spürte plötzlich ein wohliges Gefühl durch ihren Körper fließen. »Ich bin zurück«, dachte sie gut gelaunt.
Auf der Heimfahrt nach Graal-Müritz ließ Lisa den ersten Arbeitstag Revue passieren. Dieser war deutlich einfacher verlaufen, als sie es zuvor vermutet hatte. Ihre Leute freuten sich aufrichtig und erleichterten ihr mit ihrer Freude den Wiedereinstieg. Ihr wurde zwar immer noch mulmig zumute, wenn sie am Waldstück in der Rostocker Heide vorbeifuhr, in das der Mörder sie entführt hatte. Doch ab heute sollte der normale Alltag beginnen. Sie wollte endlich zur Normalität zurückkehren.
Sie erreichte gerade Torfbrücke, den Vorort von Graal-Müritz, als ihr der leuchtend bunte Blätterwald auffiel. Die goldenen Baumkronen glitzerten in der Sonne und ihr wurde vom Anblick warm.
Bis vor einigen Tagen hatte Lisa überhaupt keine Augen für den Herbst mit seiner bunten Pracht gehabt. Die fallenden Blätter sah sie als Gleichnis für ihre momentane Situation. Altes fiel ab, damit Neues entstehen konnte. Dieser Gedanke gefiel ihr und sie atmete leicht und unbeschwert durch, so wie schon lange nicht mehr.
Selbst zu Hause ging Lisa vieles leichter von der Hand. Sie dachte daran, dieses besondere Gefühl an diesem Abend mit einem Titel ihrer Lieblingsmusik zu unterstreichen. Sie ging ihre übersichtliche und gut sortierte Schallplattensammlung durch. Nach dem Umzug von Rostock nach Graal-Müritz vor drei Jahren, wollte sie nur noch wenige behalten. Die mit Nelly Furtado war zwar eine Platte älteren Datums, aber der Titel » I'm Like A Bird « sprang ihr dennoch sofort ins Gesicht. Mit diesem Lied ließ sich garantiert ihre gute Laune verstärken.
Behutsam legte sie die Platte auf den uralten Player und drehte die Lautstärke ungewöhnlich laut auf. Die Musik würde eh niemanden stören, weil im Herbst kaum Leute anzutreffen waren. Selbst das Haus, in dem sie lebte, blieb meist Feriengästen vorbehalten, sodass Lisa in der Nachsaison fast allein in diesem dreistöckigen Haus wohnte.
Graal-Müritz strahlte in der Nachsaison eine entspannte Ruhe aus. Der Ort gehörte wieder den Einheimischen, aber das bedeutete nicht, dass Lisa sich einsam fühlte. Sie mochte den Herbst mit all seiner bunten Pracht besonders gern. Die Abende wurden zwar kürzer, aber umso gemütlicher machte sie es sich in dieser dunklen Jahreszeit zu Hause mit einem guten Buch vor dem knisternden Kamin. Sie würde neu durchstarten und den Kollegen zeigen, dass es richtig war, ihr eine zweite Chance zu geben. Der Anfang war geschafft. Ihre Gedanken wanderten in eine positive Richtung, nach vorn. Sie war raus aus dem Tief.
Punkt neun Uhr kam Lisa auf dem riesigen Bahnhofsvorplatz an. Olli stand rauchend am Auto und als Lisa ihn sah, musste sie lächeln. Er war wie immer überpünktlich und hatte das mehr als einmal unter Beweis gestellt. Sie stiegen ohne lange Begrüßungsfloskeln ins Auto und Olli steuerte zügig das CityHotel an. Das Hotel befand sich in unmittelbarer Nähe, eigentlich hätten sie dorthin laufen können. Im Anschluss wollten sie aber gleich den Termin in der Altstadt wahrnehmen und um 14 Uhr hatte der Chef wie immer die Besprechung geplant, also brauchten sie das Auto, um zügig voranzukommen. Nicht erst beim Aussteigen fiel Olli auf, wie gut gelaunt Lisa war. Kaum zu vergleichen mit dem gestrigen Tag. »Du bist richtig gut drauf, hast dich wohl auf mich gefreut?«
Lisa sah Olli mit schrägem Blick an. »Ich dachte eigentlich, das Kapitel ist abgeschlossen. Aber ansonsten freue ich mich immer, wenn ich dich sehe.«
Ollis Stimmung verschlechterte sich augenblicklich, nicht wegen Lisas Abfuhr, es gab schlichtweg in der Nähe des Hotels keinen Parkplatz. Extra in die Tiefgarage wollte er nicht fahren, also hieß es: Weitersuchen.
»He, da fährt gerade ein Auto weg, beeil dich!«
»Offenbar bist du mein Glücksbringer, da kann der Tag ja nur gut werden.«
Nach wenigen Schritten standen sie vor der Eingangstür des Hotels, die genauso schmucklos aussah wie der gesamte Hotelkomplex.
»Ein Haus ohne Gesicht«, stellte Lisa gleich fest.
»Kein Wunder, Leute, die anonym bleiben wollen, suchen sich so einen Kasten aus. Der ist vergessen, ehe man drin gewesen ist. Also mein Geschmack ist anders.«
Lisa antwortete auf Ollis Feststellung mit einem müden Lächeln.
Sie durchschritten eine große Pendeltür und standen in einem ausladenden Foyer. Zwei schwere Säulen ließen den Raum riesig erscheinen. In ihrer direkten Blickrichtung lag die mittig angebrachte Rezeption. Zwei Mitarbeiterinnen waren mit Unterlagen beschäftigt und ein Mann unterhielt sich mit einem Gast. Auf der gegenüberliegenden Seite saß eine junge Frau auf einem bequemen Schwingsessel an einer kleinen Café Bar.
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