Heilmeyer hatte nun alle seine Fotos angebracht. »Seht euch die Fotos genau an. Frau Paul berichtete freiheraus auf ›nicht normalen Sex‹ zu stehen. So nannte sie das am Telefon, und dafür traf sie sich eben mit speziell veranlagten Männern. Sie wandte sich nur deshalb an die Polizei, weil sie das letzte Mal lebensbedrohlich verletzt wurde. Sie meinte, dass die Aktion einer Vergewaltigung gleichgekommen wäre und sie wohl von Glück sprechen könne, dass sie noch am Leben sei.«
»Und das alles erzählte sie am Telefon?« Lisa war überrascht.
»Genau, sie hatte den Mann noch am selben Tag angezeigt und erwähnt, dass der Schläger ein Kondom benutzt hat, bestimmt, um bei einem möglichen Gentest keine verwertbaren Spuren zu hinterlassen.«
»Und? Wann war das?«, wollte Olli ungeduldig wissen.
»Das war vor zwei Tagen!«
»So ein Date läuft natürlich absolut anonym ab, oder?«
»In der Regel schon.«
»Und? Wir sollen untersuchen, ob der Mann derselbe ist, der auch die andere Frau hart zugerichtet hat?«
»Ganz richtig, Jens. Einiges spricht dafür, anderes weniger. Auf den ersten Blick sieht es jedenfalls nach einem möglichen Zusammenhang aus. Frau Paul, die in der Lage war bei uns anzurufen, meldete sich ja gleich am selben Tag. Ihr erinnert euch? Sie nannte sogar das Hotel, aus dem sie anrief. Ob Frau Stolz im gleichen Hotel unterwegs war, müssen wir erst klären. Wir werden sie später sprechen, wenn sie überhaupt dazu in der Lage sein sollte, noch erlauben es die Ärzte nicht.«
»Der Typ hat sie ziemlich zugerichtet, jedenfalls soweit es auf den Bildern zu erkennen ist«, äußerte sich Lisa angewidert.
Heilmeyer antwortete nicht und ließ die Aussage für sich stehen.
»Das ist kein Zufall und wir sollten nicht warten, bis Frau Stolz vernehmungsfähig ist. Wir müssen handeln!« Ollis Ton klang ungewohnt barsch.
»Solange werden wir auch nicht brauchen«, gab Heilmeyer zur Antwort.
»Gibt es weitere Hinweise?«, meldete sich nun Lisa erneut zu Wort.
»Ja, der Mann hat sein mitgebrachtes Messer mehrfach zum Einsatz gebracht, um Frau Stolz bewusst Schmerzen zuzufügen. Wahrscheinlich befriedigte ihn das sexuell. Aber diese Verletzungen reichten ihm nicht, er fesselte sie auch und fügte Frau Stolz lebensgefährliche Schnittwunden zu. Nicht nur am Hals, wie hier deutlich zu sehen ist, sondern auch an den Armen, aber vor allem am Oberkörper. Mit seiner Quälerei zwang der Täter sie, perverse Handlungen an ihm vorzunehmen.«
»Ja und? Berichtete die Frau, die anonym aus dem Hotel anrief, Ähnliches?«
»So ist es, Jens. Wir haben es hier also jedes Mal mit einem identischen Muster zu tun. Deshalb habe ich mich im forensischen Bereich kundig gemacht.«
Olli nickte, bevor er seine Stimme erneut erhob »Die Fotos zeigen ganz klar sadistische Züge. Die Würgemerkmale, die blauen Flecken, alles sieht selbst auf den Fotos noch grauenvoll aus.«
»Hmm …« Lisa runzelte die Stirn. »Warum wurden die Frauen überhaupt mit dem Messer so stark verletzt, wenn er sie zuvor gefesselt hat?«
»Eine berechtigte Frage Lisa, die einem normal denkenden Menschen natürlich sofort aufkommt. Die Psychologen nennen das Dissexualität . Das ist eine Verhaltensstörung, die in beiden Fällen klar zu erkennen ist.«
Heilmeyer stand auf, ging zur Pinnwand und stellte sich, die Arme verschränkt, davor. Auf seiner Stirn erschien eine tiefe Falte, die Lisa sogar von ihrem Sitz aus gut erkennen konnte.
»Hierzulande kommt es zum Glück nur selten zu derartig schweren Übergriffen mit Vergewaltigungen in einem solchen schweren Ausmaß. Aber genau aus diesem Grund liegt das jetzt mit hoher Priorität auf unserem Tisch. Ich möchte noch mal die Psychologen zitieren, die meinen, dass bis zum sexuell motivierten Töten nur ein kurzer Weg sein kann. Der eine oder andere wird sich dunkel daran erinnern, dass wir im Strafgesetzbuch unter ›Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung‹ in den Paragrafen § 174 – 184 alles zur Rechtslage nachlesen können. Wen das im Detail interessiert, sollte da ruhig mal reinschauen, weil wir mit derartigen Straftaten eher selten zu tun haben.«
»Also können wir davon ausgehen, dass die Männer oder der Einzeltäter bald töten wird?«
»Genau, Jens. Solange diese Männer ihre Fantasie in den eigenen vier Wänden mit ihren eigenen Partnern auf freiwilliger Basis ausleben und kein anderer Mensch geschädigt wird, bleiben die Handlungen eine persönliche Angelegenheit. Sobald Personen vergewaltigt und zu perversen Handlungen gezwungen werden, ist das abnorm und wir müssen handeln.«
Peter Heilmeyer machte eine kurze Pause, bevor er weitersprach. »Ihr wisst, die Umstände machen die Tat. Wir müssen also verhindern, dass aus der nächsten Vergewaltigung ein Mord wird.«
»Und zwar so schnell wie möglich. Es dürfen nicht noch mehr Frauen in die Falle dieser kranken Männer tappen«, mischte sich Lisa mit fester Stimme ein. Die brutalen Vergehen an diesen Frauen erinnerten sie nur allzu genau an ihre eigene drastische Situation vor wenigen Monaten. Sie schluckte schwer. Besann sich aber schnell und wollte sich besser auf die anstehende Arbeit mental einstellen und aktiv werden.
»Ich könnte mich morgen früh gleich auf den Weg in die Partnervermittlungsstelle machen und den Frauen dort mal auf den Zahn fühlen. Die dürften nicht mehr so unwissend rüberkommen wie beim letzten Mal. Zumal Reiman, der von uns überführte Mörder, auch ein Klient von ihnen war. Kooperativ konnte man die Zusammenarbeit mit denen ohnehin nicht nennen. Bin gespannt, was die Blondinen dieses Mal zu bieten haben.«
»Gut, Lisa. Du kennst dich dort ja aus. Doch wie gesagt, es geht uns jetzt nicht um die Partnervermittlung, sondern um die neue Seitensprungagentur . «
»Vielleicht gibt es weitere geschädigte Frauen, die ihren Lover dort kennengelernt haben?«
»Zumindest Frau Paul gab an, dass sie den Mann auf dieser Seite kennengelernt hat.«
Olli zog sein Handy aus der Tasche und tippte auf diesem kurz rum, bis er vielsagend aufblickte. »Hört mal, ich habe da was recherchiert.« Er räusperte sich, bevor er begann den herausgesuchten Text laut vorzulesen: »Vergiss enttäuschende Bekanntschaften – hier gibt es Männer und Frauen, die Spaß haben wollen! Melde dich bald an und du findest garantiert den Partner, der zu dir passt. Unsere Leute von Seitensprung.de sind natürlich, tolerant und lechzen nach neuen Abenteuern. Du kannst all deine Fantasien ausleben und lang ersehnte Träume wahr werden lassen! Bisher hat jeder bei uns seinen perfekten Gegenpol gefunden.«
»Na ja, das hört sich maßlos übertrieben an, aber das muss es wohl auch, um überhaupt die Leute mit speziellen Vorlieben zu erreichen.« Jens betonte das Wort »maßlos« besonders stark und ergänzte: »Wobei ich denke, dass solche Foren gar nicht schlecht sind. Wenn wirklich ein Topf seinen Deckel finden würde, wäre alles okay. Böse wird es erst, wenn einer von beiden eine andere Vorstellung vom Sex oder der Herangehensweise zum Höhepunkt hat.«
Heilmeyer unterbrach Jens, der seine ausschweifenden Anmerkungen gerade fortsetzen wollte. »Uns interessieren weniger die sexuellen Vorlieben dieser Herren als ihre Straftaten, die in dem Zusammenhang stehen. Deshalb der Reihe nach, der letzte Übergriff auf eine Frau, wurde uns erst gestern gemeldet. Wir prüfen sämtliche Zusammenhänge, die es auch mit anderen Frauen gab, und laden diese so schnell wie möglich zur Befragung zu uns ein.«
»Ich überprüfe die Angaben zum Hotel. Vielleicht plaudern die an der Rezeption etwas aus«, meinte Olli, sah Lisa dann an und gab ihr mit den Augen ein Zeichen. Sie verstand ihn sofort. »Ich könnte mit Olli gemeinsam zum CityHotel fahren und würde von Graal-Müritz mit dem Zug fahren, so wäre es kein Umweg.«
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