»Danke ihr beiden«, erhob Heilmeyer seine Stimme. »Frau Stolz werden wir morgen befragen, danach werden wir unter Umständen ein großes Stück weiter sein. Durch eure Recherchen haben wir nun einen ersten Eindruck vom Hotel, aber auch eine bessere Vorstellung von dem, was die Frau beschreiben wird. Gibt es Videoaufnahmen?«
»Ja, die gibt es. Wir haben einige Kameras entdeckt.«
»Okay, die wird sich Jens später vornehmen, wenn die Frau ihren Aufenthalt im Hotel bestätigt hat.« Heilmeyer sah von Lisa zu Olli. »Und wie war es bei der Partnervermittlung?«
Obwohl der Chef Olli ansprach, machte Lisa weiter: »Da gibt es eine neue Entwicklung. Silke Peters, die frühere Chefin, ist ausgeschieden und arbeitet angeblich gar nicht mehr für irgendein Portal, geschweige denn für ein Seitensprungportal. Niels Sauer, der ehemalige Geschäftspartner, ist jetzt der neue Chef und leugnet jeglichen Kontakt zu seiner damaligen Chefin. Er gab aber zu, dass die Peters Schwierigkeiten mit einer Kollegin hatte.«
»Aus diesem Grund könnte sie weggegangen sein«, ergänzte Olli.
Lisa nickte. »Irgendwas stimmt an der Sache nicht, der muss mehr wissen, als er zugegeben hat. Wir sollten ihm weiter auf die Finger schauen, denke ich jedenfalls.«
»Genauso sehe ich das zwar auch«, unterbrach Olli Lisa energisch, »aber der Sauer meinte auch, dass er selbst nichts mit dem Seitensprungportal zu tun hatte. Genau das nehmen Lisa und ich ihm allerdings nicht ganz ab. Wie schon gesagt, wir sollten dranbleiben. Entweder lügt er oder Silke Peters hat das Portal mit anderen Leuten aufgezogen.«
»Danke euch beiden, im Protokoll werden wir sicher mehr Details dazu nachlesen können. Ich schlage vor, wir machen für heute Schluss. Lisa, du bleibst morgen mit den anderen hier und recherchierst weiter. Vielleicht entdeckst du auf dem Portal von Niels Sauer Neuigkeiten, die bisher noch gar nicht zur Sprache gekommen sind.
Olli und Jens, wir treffen uns um zehn Uhr vor dem Krankenhaus in der Südstadt. Frau Paul, die uns direkt aus dem Hotel anrief, ist für den Nachmittag eingeladen. Bin sicher, dass sie uns den Mann beschreiben wird, das wollte sie am Freitag ja noch nicht machen.«
»Aus purer Angst hat schon manch einer gesprochen. Wer weiß, womit der Mann ihr gedroht hat?«
»Lisa, das sind Vermutungen, die bringen uns nicht wirklich weiter. Du wirst morgen das Gespräch mit Frau Paul führen. Wahrscheinlich wird sie etwas lockerer sein, wenn sie von einer Frau befragt wird. Ich denke, du beginnst und ich stoße später dazu. Olli, du machst das Protokoll!«
Lisa nickte kurz.
Heilmeyer gab das Zeichen für heute Schluss zu machen, indem er begann seine Sachen einzupacken. Sofort wurden die Stimmen im Raum lauter und das vertraute Verabschiedungsgeplänkel war unüberhörbar. Gerade als Lisa den Raum verlassen wollte, winkte Heilmeyer sie zu sich.
»Alles gut bei dir? Durch unseren aktuellen Fall wirst du ja gewissermaßen auf Schritt und Tritt an deine eigene Geschichte erinnert?«
»Stimmt, ist aber auch ein gutes Mittel endgültig davon loszukommen. Leider sterben diese perversen Typen wohl nie aus. Wenigstens arbeite ich an der richtigen Stelle, um denen hin und wieder mal kräftig dazwischen zu funken. Aufgeben gibt es für mich nicht.«
»Wenn irgendwas sein sollte und du eine Pause brauchst, sag bitte Bescheid. Wir würden vorübergehend sicher auch andere Aufgaben für dich finden.«
»Nix da. Ich habe nicht gedrängt, bei euch wieder einzusteigen, um mich wenig später zu schonen. Ich hatte genug Zeit, um mir das gründlich zu überlegen. Peter, bitte keine Extrawurst für mich.«
Der Hauptkommissar griente. »Ist ja schon gut. Du bist unsere einzige Frau im Team, wir wollen dich nicht gleich vergraulen.«
»Verstehe«, meinte Lisa kurz und griente ihren Chef ebenfalls an. »Und versprochen, wenn es was gibt, mit dem ich nicht klarkomme, wirst du es von mir erfahren.«
Peter Heilmeyer nickte zustimmend und reichte Lisa zum Abschied die Hand, die sie zögerlich ergriff.
Draußen begann es gerade dunkel zu werden. Lisa fröstelte, obwohl das Thermometer noch bei guten Plusgraden stand. Mit 10°C war es ungewöhnlich warm für einen Novembertag. Temperaturen entsprechend der Jahreszeit wollten sich bislang in diesem Winter, selbst nach dem langen Sommer, nicht einstellen. Doch Lisas Gänsehaut rührte nicht von der Wetterlage her. Die Darstellung der brutalen Vergewaltigung setzte ihr heftiger zu, als sie anfangs geglaubt hatte.
Lisa rubbelte sich über die Arme und freute sich auf ihren Kamin zu Hause. Den würde sie sofort anmachen und nach langer Zeit einen guten Tropfen Wein dabei trinken. Ob sie eine Freundin anrufen sollte? Nein, dachte Lisa und schüttelte instinktiv den Kopf. Ihr war es lieber in aller Ruhe, die ersten Diensttage Revue passieren zu lassen. Die brutalen Übergriffe auf die Frauen brachten tatsächlich ihre eigenen Erinnerungen zurück.
Auch ihre Geschichte begann mit einem Mann, den sie im Internet kennengelernt hatte. Genau wie bei den Frauen, die sie morgen zu befragen hatten. Und auch bei ihr endete alles mit einem brutalen Übergriff.
Lisa blieb abrupt stehen. Plötzlich stand ihr die unwirkliche Situation in der Rostocker Heide vor Augen. Sie lag auf dem kalten Boden, geknebelt und gefesselt. Das Loch hatte der Mörder bereits ausgehoben, in dem er sie bei lebendigem Leib entsorgen wollte. Ihr wurde kalt. Sie sah seine Augen genau vor sich und es brauchte einiges an Anstrengung, um sein Gesicht zu verdrängen.
Sie schüttelte sich. Die Bilder waren nur in ihrem Kopf. Sie war frei und lebendig. Und sie konnte sich glücklich schätzen, dass ihre Kollegen schnell zur Stelle gewesen waren, noch bevor Hans Reiman, der Psychopath, seine Perversion an ihr ausleben konnte, so wie bei ihrer Freundin Sarah. Schlimm genug, dass sie damals nichts mehr für ihre Jugendfreundin tun konnte. Sarah hatte er genau wie seine Opfer davor, in einem Waldstück getötet. Er hatte sie hingelegt, als ob sie schliefen. Das war sein krankhaftes Muster bei allen Frauen und mit Lisa hatte er das Gleiche vor.
Bis heute hatte Lisa nicht erfahren, woher die Kollegen wussten, dass sie in großer Gefahr schwebte. Sie würde sie später vielleicht einmal danach fragen, bis jetzt war keine Zeit dafür da gewesen, um über diese Nacht zu sprechen. Aber die würde sich demnächst finden.
Lisa fuhr direkt nach Hause und eine gute halbe Stunde später stand sie auf dem Parkplatz vor dem Wohnhaus. Am heutigen Abend waren viele Autos im Ort unterwegs, ganz anders als in der Nachsaison vergangener Jahre. Sie hatte längst das Gefühl, dass die Saison im schönen Ostseeheilbad fast das ganze Jahr über anhielt, zumindest bis Anfang November. Zwar zählte man nicht mehr die große Zahl von Touristen wie im Sommer, aber von der beschaulichen Ruhe wie ansonsten konnte selbst bis in den späten Herbst hinein nur selten die Rede sein.
Als Lisa aus dem Auto stieg, wusste sie, dass nach diesem ereignisreichen Tag ein Spaziergang an der frischen Luft das Beste war. Der späte Nachmittag zelebrierte bereits eine beeindruckende Dämmerung. Dieses spektakuläre Wechselspiel zwischen Licht und Wolken faszinierte sie besonders. Bereits als Kind war sie, beeindruckt im Dämmerschein des Abends, am Meer entlang spaziert.
Lisa ging gar nicht erst ins Haus, sondern lief auf direktem Weg zum Strand. Heute würde es sich bestimmt lohnen, nach Bernsteinen zu suchen. Erst gestern gab es das besondere Intermezzo eines kräftigen Herbststurms, der garantiert den Meeresboden ordentlich aufgewirbelt und eingelagerte Bernsteine freigelegt hatte. Doch zum Suchen war es jetzt zu spät. Sie kannte einige Stellen, an denen es sich auch später lohnen würde hinzuschauen. Bei der Wassertemperatur von 4°C hat das Salzwasser jetzt eine ausreichende Dichte, um Bernsteine an die Wasseroberfläche zu spülen.
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