»Okay, Rostock-Berlin, das sind gerade mal 250 Kilometer. Das dürfte für einen Verbrecher keine große Hürde sein.«
Althaus antwortete auf die knappe Feststellung von Jens genauso knapp: »Für den Täter im Netz sind Entfernungen nicht wichtig, dort gibt es keine räumlichen Barrieren.« Althaus ging auf Jens zu und blieb direkt vor ihm stehen. »Zuerst sind da die Köpfe mit einer Idee, die beginnen Partner zu suchen, dann spinnen sie das Netz weiter. Nicht nur in der zivilen Welt sind Netzwerke unabdingbar.«
Inzwischen lagen vor allen Anwesenden die von Dr. Althaus mitgebrachten Unterlagen. Lisa betrachtete diese genauso interessiert wie ihre Kollegen. Sie erkannte auf einen Blick eine präzise Statistik, deren Spitze durch die Straftaten in Berlin angeführt wurde.
Althaus und Heilmeyer flüsterten, um die anderen nicht zu stören. Dann sagte der Gast laut: »Falls jemand von euch eine Verbindung zwischen eurem aktuellen Fall und den hier aufgezeigten Erhebungen erkennt, der notiert sich das bitte. Wir beziehen jeden weiteren Anhaltspunkt in unsere Arbeit mit ein. Vielleicht kommen wir einen Bruchteil weiter. Unser aller Ziel bleibt es, diesen Banditen das Handwerk zu legen. Bisher haben wir lediglich die Untermänner erwischt. Die Macher bleiben stets im Hintergrund und vernetzen sich sofort wieder neu, sobald einer auffliegt.«
Heilmeyer ergriff das Wort: »Das ist für alle Beteiligten ein schweres Unterfangen, aber wir werden auch in Rostock nicht aufgeben.«
»Ich hätte natürlich die Statistiken per Post senden können«, holte Dr. Althaus aus, um zum Schluss seiner Ausführungen zu gelangen. »Aber bei der Gelegenheit haben wir uns wenigstens persönlich kennengelernt. Das LKA Berlin hat die Absicht, sich auf dem Gebiet der Cyberkriminalität mit möglichst vielen Dienststellen bundesweit zu vernetzen. Nur gemeinsam können wir grundlegend eingreifen.«
Alle trommelten als Anerkennung für das Statement von Althaus auf den Tisch.
»Okay Leute, ich denke, dass wir demnächst mehr miteinander zu tun bekommen. Mein kurzer Auftritt sollte euch lediglich für die aktuellsten Erhebungen sensibilisieren und motivieren, sie nicht gleich in der Tonne verschwinden zu lassen. Noch eins, wenn einer von euch mal in Berlin zu tun hat, kann derjenige ruhig mal bei uns vorbeischauen. Lasse für den Fall ein paar Karten da.«
Auch Lisa schnappte sich eine Visitenkarte und schaute Olli dabei verschmitzt an. »Man weiß ja nie.«
»Was willst du in Berlin, die Ostsee würde dir sowieso bald fehlen.«
»Erst recht die gute frische Luft«, antwortete sie keck, »da kommt die Berliner Luft ohnehin nicht mit.«
Beide grienten.
So unauffällig wie Dr. Walter Althaus gekommen war, so flott war er auch wieder verschwunden. Der Besuch dauerte zwar nur etwas mehr als eine Stunde, aber der Hauptkommissar bot trotzdem eine kurze Raucherpause an.
»Wir machen gleich mit unseren eigenen Ermittlungen weiter, macht also nicht so lange.«
Lisa nutzte die Zeit, um ihre Notizen von der Partnervermittlung querzulesen.
Andere diskutierten die neue Statistik oder verglichen die farblichen Markierungen, die Peter Heilmeyer inzwischen an der Wand ergänzt hatte. Olli war draußen bei den Rauchern. Lisa ging hinterher, um frische Luft aufzusaugen, bevor es weiterging.
»Warum hat der Chef überhaupt diesen Dr. Althaus eingeladen?«, fragte sie in die Runde.
»Keines unserer Probleme hat der Mann wirklich angesprochen«, meinte nun auch Olli.
»Genau, statistische Erhebungen bringen uns nicht weiter.«
»Bin gespannt, was Peter zum Auftritt von Kollege Althaus zu sagen hat«, meinte Lisa skeptisch.
»Einen Grund gibt es bestimmt. Ihr kennt Peter, er macht nichts ohne Sinn«, mischte sich auch Jens ein. Er stand bei den Rauchern, obwohl er nicht mehr rauchte, seit seine Frau vor ein paar Jahren ihr erstes Kind bekommen hatte.
Die Anwesenden kommentierten Jens’ Einwurf nicht, stattdessen gingen sie gemeinsam in den Dienstraum. Dort warteten bereits alle anderen auf die Raucher.
»Ich will nicht lange herumreden, mir ist das Unverständnis bei einigen von euch über den Besuch von Dr. Althaus nicht entgangen«, empfing Heilmeyer seine Leute.
»Ich finde zwar, dass die Vorrede von Dr. Althaus zum Thema etwas zu lang gezogen war, aber er ist auf seinem Gebiet eine echte Kapazität, und nicht nur, weil er an den ersten statistischen Erhebungen selbst mitgewirkt hat. Er weiß also ganz genau, was los ist und worum es uns geht. Die vor euch liegenden Materialien könnten uns daher noch nützlich sein.
Außerdem werden wir mit den Kollegen in Berlin mehr zu tun bekommen. Das war heute sozusagen der erste Kontakt. Bei der ständig steigenden Cyberkriminalität müssen wir über den Tellerrand schauen und flächendeckend mit möglichst vielen Fachleuten zusammenarbeiten. Es handelt sich schließlich um kein lokales Problem, sondern um eins, das sich rasant wie ein Lauffeuer ausbreiten kann.«
Lisa stellte in der kurzen Sprechpause, die Heilmeyer machte, fest, dass er zufrieden wirkte. Sie wusste vom Chef, dass es ihm besonders wichtig war, alle seine Mitarbeiter mitzunehmen und möglichst keine Fragen offen stehen zu lassen. Er betonte oft genug, wie wichtig ihm Transparenz, Offenheit und Loyalität waren. Heilmeyer ging vom Fenster zu seinem Tisch zurück und wechselte das Thema.
»Bevor Olli und Lisa uns von ihrem Ausflug berichten, kann ich erfreulicherweise mitteilen, dass es laut Krankenhaus Frau Stolz deutlich besser geht. Heute Morgen sagte mir eine Schwester am Telefon, dass es von Seiten der Ärzte keine Einwände gibt, sie morgen Nachmittag kurz zu befragen. Die Betonung liegt allerdings auf kurz, denn länger als zehn Minuten dürfen wir nicht zu ihr. Aber es wäre wichtig zu erfahren, ob es dasselbe Hotel wie bei den anderen Frauen war. Natürlich brauchen wir auch eine genaue Beschreibung von dem Mann, mit dem sie sich traf und der sie so übel zugerichtet hat.«
»Ich bin bei der Befragung dabei«, meldete sich Olli.
»Gut, Olli. Ich möchte aber zwei Mann im Krankenhaus dabeihaben. Jens, was ist mit dir?«
»Geht klar Chef, ich auch.«
Lisa, die eigentlich auch zum internen Kreis für die Außenarbeit zählte, blieb still. Sie brauchte sich aber auch nicht zu melden. Der Chef wandte sich ganz von selbst an sie. »Lisa, du hältst dich erst mal von Krankenhäusern fern. Ich denke, das ist auch in deinem Interesse.«
Lisa blickte Heilmeyer dankbar an und nickte verlegen.
»Okay, dann wäre für morgen alles soweit klar. Lisa und Olli, wir sind ganz Ohr, was ihr herausbekommen habt.«
Lisa breitete ihre Notizen vor sich aus und sah dann zu Olli. Der forderte sie mit den Augen auf, zu beginnen. Sie zögerte nicht lange. »Zum Hotel gibt es nicht viel zu sagen. Es entspricht genau dem Charakter eines anonymen Hauses, so wie wir es uns gedacht haben. Suiten gibt es auch, sogar eine mit einem Raum, der als Bücherwand getarnt wurde. Wir kamen dort nicht weiter, weil wir durch eine Putzfrau gestört wurden. Nun wissen wir nicht konkret, ob unsere Vermutung zutrifft oder etwas anderes dahintersteckt.«
»Wir wollten keine schlafenden Hunde wecken«, fügte Olli hinzu.
»Wieso seid ihr so sicher, dass es eine getarnte Tür ist?«, hakte Jens interessiert nach.
»Wie bezeichnest du denn einen Knopf an der Wand mit sichtbaren Zeichen eines Zimmers, das auf ein Versteck hinweist? Und dann sogar hinter einer Bücherwand versteckt liegt?« Olli rutschte seine Antwort hingegen etwas zu unwirsch heraus.
Lisa machte ungeachtet des verbalen Schlagabtausches ihrer Kollegen weiter. »Ich kann mir auch gut vorstellen, dass der Raum hinter der Wand dazu dient, etwas zu verbergen.«
Olli unterbrach Lisa noch einmal: »Wir haben uns beim Personal bewusst nicht zu erkennen gegeben, weil wir damit bis nach der Befragung der zweiten Frau warten wollten. Vielleicht steckt ja viel mehr dahinter?«
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