Das erste Mal seit längerer Zeit war sie im Reinen mit sich und so blickte sie dankbar auf die letzten Wochen zurück, alles hatte sich letztlich zum Guten gefügt. Sie fühlte sich wohl in ihrer Haut.
Etwas später nahm sie in gewohnter Weise ein Buch mit ins Bett, doch es gelang ihr einfach nicht, sich auf die Worte darin zu konzentrieren. Einige Gedanken, die ihr gerade noch vor dem Kamin übersichtlich erschienen waren, kreisten jetzt wild und quer in ihrem Kopf herum. Die ersten Tage im Dienst, die Recherchen, die sie wieder an ihre eigene Situation erinnerten. Ja, und schließlich die Begegnung mit Maximilian Schäfer, alias Max.
Mit dem Bild im Kopf vom Prerower Leuchtturm schlief sie nach einer Weile friedlich ein. Aber die tiefe Ruhe hielt nicht lange an, ein Traum bemächtigte sich ihres Schlafes. Wild und ungestüm breiteten sich Bilder aus:
Sie sah sich im Krankenhaus vor dem Bett einer unbekannten Frau stehen. Sie beugte sich über ihr Gesicht, um sie genauer zu betrachten. Als sie direkt über der Frau war, erkannte Lisa weit aufgerissene Augen, die ins Leere starrten. Sie war tot, das war nicht zu übersehen.
Lisa wollte laut schreien, brachte aber keinen Ton heraus. Sie wollte nur noch wegrennen, kam aber nur bis zur Tür. Dort blieb sie stehen, drehte sich noch einmal um, aber dann lief und lief sie, bis sie von starken Armen festgehalten wurde. Sie war direkt in die Arme eines Mannes, eines fremden Mannes, gelaufen.
Nein! Er war gar nicht fremd. Sie kannte ihn.
Es war Maximilian Schäfer.
Lisa wachte verschwitzt auf, doch den Traum wurde sie nicht los. Sie musste an die Frau im Krankenhaus denken, die heute von ihren Kollegen aufgesucht werden würde. Hatte der Traum etwa mit ihr zu tun? Wollte er ihr etwas sagen?
Aber was konnte ein Traum mit der Wirklichkeit zu tun haben? An Prophezeiungen glaubte sie nicht. Es war nur ein Traum, nichts weiter. Im Kommissariat wurde sie mental stark gefordert. Am nächsten Tag würde sich ihre Gefühlswelt normalisiert haben, da war sie sich sicher. Und der Mann von gestern … »Maximilian Schäfer« , sprach sie laut seinen Namen aus. Ob sie ihn wiedersehen würde? Irgendwie gefiel er ihr, obwohl sie es sich nur ungern eingestand.
Er schien nicht nur sympathisch, sondern auch klug zu sein. Ein Mann wie sie eher selten anzutreffen sind. Er sprach von einem Dienstessen in Rostock. Sie hatte keine Vorstellung davon, was sein Beruf war, aber das spielte auch keine Rolle. Er hatte schöne Augen, die sie tief und einprägsam angeblickt hatten, aber nicht zu tief, um aufdringlich zu sein. Sein Gesicht war fein gezeichnet und er sprach einwandfreies Hochdeutsch. Er könnte Lehrer sein, kam ihr in den Sinn. Aber verband ihn außer dem Job noch etwas mit Rostock? Ob er verheiratet war?
Ihre abenteuerlichen Gedanken an diesen Mann hatten den Vorteil, dass sie nicht nur vom Job abgelenkt wurde, sondern auch bald darauf erneut in einen tiefen Schlaf fiel.
Klinikum Südstadt Rostock
Olli wartete vor dem Eingang des Südstadt Krankenhauses und sah ungeduldig auf seine Uhr. Er hasste es, der Letzte zu sein, privat und erst recht, wenn es um dienstliche Belange ging. Aber noch mehr nervte ihn, wenn man ihn lange warten ließ. Auf einmal schrillte sein Telefon in der Tasche, als er aufs Display sah, erschien Lisas Nummer.
»Wo drückt dir am Morgen denn der Schuh? Bist du etwa zu früh aus dem Bett gefallen?«
»Nichts von beidem. Musste gerade an die Frau im Krankenhaus denken, die ihr gleich befragt. Hoffe, dass sie Informationen hat, die uns weiterbringen. Eigentlich wollte ich dir nur sagen, dass ich in Gedanken bei euch bin.«
»Aha! Das ist nett von dir. Aber sonst muss ich mir keine weiteren Gedanken machen?«
»Mensch Olli, rede keinen Blödsinn. Darf ich dich nicht mal anrufen, ohne dass du schräge Hirngespinste bekommst? Wir sehen uns nachher.«
Bevor Olli antworten konnte, hatte Lisa aufgelegt.
Was war das denn eben? Lisa hatte sehr seltsam geklungen, irgendwie müde. Olli starrte immer noch aufs Telefon, als Heilmeyer und Jens ankamen.
»Morgen miteinander. Lisa hat mich eben angerufen. Ich habe den Eindruck, sie wäre gern bei der Befragung dabei.«
»Und woher kommt dein Eindruck?«, interessierte sich Heilmeyer.
»Nur so ein Gefühl. Aber warum sonst sollte sie, noch bevor wir die geschädigte Frau befragen, anrufen und uns viel Erfolg wünschen?«
»Okay, bitte lasst ab jetzt persönliche Mutmaßungen draußen. Wir haben als Erstes einen Termin in der Unfallchirurgie mit dem behandelnden Arzt der Frau. Den Kontakt konnte ich gestern erst herstellen, weil ich ihren behandelnden Arzt nicht ans Telefon bekam. Die Befragung von Frau Stolz wollte ich aber von ihrem Arzt abgesegnet haben. Er sagte mir auch, dass sie auf Station zwei liegt.«
Der Chef wartete keine Antwort ab und lief voraus. Olli und Jens blieb nichts anderes, als ihm zu folgen.
Der Arzt wirkte bereits aus der Ferne unruhig. Er wies eine Schwester barsch ab und eilte ihnen mit hastigen Schritten entgegen.
»Viel Zeit habe ich nicht«, sagte er dann tatsächlich zur Begrüßung. »Die nächste Operation wartet auf mich. Zehn Minuten gebe ich Ihnen aber gern.«
»Das sollte genügen«, meinte Heilmeyer gelassen.
Der Arzt bat die Beamten zu sich ins Dienstzimmer und fing an zu berichten, ohne eine Frage des Hauptkommissars abzuwarten. »Also, Frau Stolz wurde übel zugerichtet. Der Täter hat sie nicht nur lebensgefährlich verletzt, sondern auch misshandelt. Dabei sind die Knochenbrüche noch das geringste Übel. Wie ich Ihnen gestern schon sagte, mussten wir die Patientin ins künstliche Koma versetzen. Dadurch konnten wir einige tiefen Wunden versorgen, ohne dass sie die Prozedur bei vollem Bewusstsein mitbekam. Aus unserer Sicht hatte sie großes Glück, die Folter überlebt zu haben. Das hat sie nur ihrem ansonsten gesunden Körper und einer robusten Konstitution zu verdanken. Ich schlage vor, Sie besprechen heute mit Frau Stolz nur allgemeine Fragen. Sie darf auf keinen Fall überfordert werden. Meinen Sie, dass eine Viertelstunde genügt?«
Der Arzt musterte Olli, dann Heilmeyer, der sogleich antwortete: »Ich denke, das reicht für das erste Gespräch.«
»Können Sie schon sagen, wie lange die Frau bei Ihnen bleibt? Oder wird sie später auf eine andere Station verlegt?«, fragte Olli.
»Das kann ich noch nicht mit Bestimmtheit sagen, aber wir halten Sie selbstverständlich auf dem Laufenden.«
»Ist es möglich, dass wir die Frau gleich in ihrem Zimmer aufsuchen?«
»Ja, sie liegt im Zimmer 34, das ist ein Einzelzimmer. Da sie ständig versorgt werden muss, hielten wir das vorerst für das Beste. Aber sobald es ihr besser geht, werden wir sie wegen des sozialen Kontakts verlegen. Das ist für ihre mentale Situation wichtig.«
Der Arzt stand als erster auf, Heilmeyer, Olli und Jens folgten ihm.
»Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben. Ich kann mir gut vorstellen, wie eng Ihr Dienstplan aussieht. Bei uns sieht es nicht anders aus«, meinte Heilmeyer.
»Gern. Viel lieber wäre mir natürlich, wenn es solche Fälle erst gar nicht gäbe.«
Heilmeyer nickte zustimmend und verließ mit Jens und Olli den Raum.
»Lasst uns auf der Station zwei das Zimmer 34 suchen«, meinte Heilmeyer und hielt auf eine Schwester zu, die ihnen den Weg zeigte.
»Ich schlage vor, dass nur zwei von uns die Frau aufsuchen. Ihr Zustand ist absolut desolat, wie wir eben erfahren haben, da würden wir sie mit voller Mannschaft nur erschrecken«, schlug Heilmeyer vor.
»Das sehe ich genauso und verzichte freiwillig«, meinte Jens schnell. Er holte sein iPhone aus der Tasche und zeigte darauf. »Es gibt genug zu tun. Ich warte auf euch da drüben im Wartebereich, aber vergesst bitte nicht, mich nachher abzuholen.«
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