»Das wäre vielleicht gar keine schlechte Idee«, bemerkte Melanie. »Wir könnten um Asyl bitten. Im Triumvirat zum Beispiel. Der Prinz wäre in der Lage, dort eine Exilregierung aufzubauen. Königin Samantha kam auf dieselbe Idee.«
Dexter begegnete dem Blick des Admirals mit Gleichmut, während die Geheimdienstoffizierin Stellung dazu nahm.
Sorenson und Sokolow schüttelten unisono den Kopf. »Ich kenne keinen dokumentierten Fall, in dem eine Exilregierung schon mal einen Krieg gewonnen oder halbwegs stabile Reformen durchgesetzt hätte«, gab Sorenson zurück. »Du etwa?«
Dexter hielt dem Blick des Admirals für ein paar Sekunden stand, dann schlug er die Augen nieder und schüttelte den Kopf. »Admiral Sorenson hat leider recht. Wenn der Prinz den Raum des Königreiches verlässt, ist es vorbei. Niemand wird ihm mehr trauen. Das Stigma des Feiglings wird ihn für den Rest seines Lebens verfolgen. Selmondayek ist aber der einzige Ort, an dem wir ihm halbwegs Schutz bieten können. Wenn wir weiterhin im offenen Raum bleiben, werden uns die Solarier irgendwann aufspüren und erledigen.«
»Und darum willst du unbedingt in die Höhle des Löwen fliegen? Wollen wir es denn den verdammten Solariern noch einfacher machen?«
Dexter ließ sich das Gesagte kurz durch den Kopf gehen, schob dann den Stuhl zurück und erhob sich. »Wir können, so viel wir wollen, dieses Thema durchkauen, aber das ist alles nicht unsere Entscheidung. Gekrönt oder nicht, Prinz Calvin ist der Souverän. Er entscheidet, wohin wir fliegen. Wir alle sind ihm zur Loyalität verpflichtet.«
Sokolow sah grinsend auf und räusperte sich übertrieben. Dexter verdrehte die Augen. »Ja, außer Ihnen natürlich.«
»Vielen Dank«, antwortete der Piratenkapitän sarkastisch.
Dexter drehte sich um und machte Anstalten, den Raum zu verlassen.
»Und wo gehst du jetzt hin?«, wollte Sorenson wissen.
»An den einzigen Ort, der jetzt etwas zählt. Ich gehe zum Prinzen und werde ihn fragen.«
2 
Prinz Calvins Quartier befand sich in einem für VIPs reservierten Bereich auf Deck acht der Normandy. Es wurde rund um die Uhr von vier Marines in voller Kampfausrüstung bewacht. Die Überreste der von Castor Prime gemeinsam mit dem Prinzen geretteten Palastwache befanden sich auf demselben Deck. Sie weigerten sich, die Seite ihres Herrn und zukünftigen Königs zu verlassen.
Als Dexter um die Ecke bog, war er aber überrascht, Admiral Simon Lord Connors vorzufinden, der lautstark mit dem befehlshabenden Corporal der Wacheinheit diskutierte. Zwei Soldaten der Palastwache standen unweit der Auseinandersetzung und verfolgten diese kopfschüttelnd.
Der Admiral hatte sich vor dem Marine aufgebaut und bemühte sich nach Kräften, diesem zu drohen. Dass der Geheimdienstoffizier keinen offiziellen Rang bei den Skulls bekleidete und darüber hinaus die blutverschmierte, verschmutzte und zerrissene Ausgehuniform trug, die er während den Krönungsfeierlichkeiten angehabt hatte, förderte nicht unbedingt seine Autorität gegenüber den vier Soldaten.
»Wissen Sie eigentlich, wer ich bin?«, fragte er ein weiteres Mal drängend den Corporal. »Ist Ihnen das überhaupt klar?« Connors musste sich auf die Zehen stellen, um dem Mann halbwegs in die Augen sehen zu können.
Der Corporal bemühte sich um einen möglichst neutralen Gesichtsausdruck. Dennoch überkam Dexter der Eindruck, sowohl der Unteroffizier wie auch seine drei Untergebenen standen kurz vor einem ausgeprägten Lachanfall.
»Ja natürlich weiß ich, wer Sie sind, Eure Lordschaft«, erwiderte der Corporal süffisant, den militärischen Rang Connors’ ignorierend. »Aber auf Befehl Admiral Sorensons wird niemand ohne ausdrückliche Erlaubnis zum Prinzen vorgelassen.«
»Lassen Sie mich raten, eine solche Erlaubnis bekomme ich nur von Sorenson persönlich.«
Der Corporal neigte bestätigend den Kopf. Nun teilten sich seine Lippen zu einem breiten, fast schon provokanten Grinsen. Hätte Dexter es nicht besser gewusst, er wäre zu der Meinung gelangt, der Marine wollte den Admiral zu einer unbedachten Handlung provozieren. In diesem Fall dürfte der Mann vollkommen legitim zum Einsatz nichttödlicher Gewalt greifen.
Der Royal Intelligence Service war sowohl beim Militär des Königreichs wie auch in weiten Teilen der Bevölkerung nicht besonders beliebt. Es gab sogar Menschen, die nannten den Geheimdienst hinter vorgehaltener Hand eine Geheimpolizei.
Und da der RIS offensichtlich unterwandert worden war und Teile des Geheimdienstes sowohl den Staatsstreich des Konsortiums wie auch den Angriff der Solaren Republik zumindest stillschweigend gebilligt, wenn nicht sogar begünstigt hatten, war von Sorenson der Befehl ergangen, niemanden – besonders nicht Connors – zum Prinzen vorzulassen.
Insgeheim glaubte Dexter keinen Moment daran, dass der Admiral an der Verschwörung zum Sturz des Königreichs beteiligt gewesen war. Der Mann hatte sein Leben riskiert, um den Prinzen aus der Gefahrenzone zu bringen, als bereits alles verloren gewesen war. Da aber gerade Connors die Skulls in der Vergangenheit regelrecht benutzt und sie als persönliche Schlägertruppe eingesetzt hatte, empfand Dexter auch kein Mitleid dabei, wenn Sorenson ihn mal ein wenig hängen ließ. Es würde die Zeit kommen, in der Connors ihnen nützlich sein konnte. Und bis dahin würde er vielleicht ein wenig umgänglicher werden, wenn man sein Ego … nun ja … auf ein erträgliches Maß zurechtstutzte.
Außerdem war Prinz Calvin – abgesehen von ein paar Parlamentsabgeordneten – alles, was von der Regierung des Vereinigten Kolonialen Königreichs noch übrig war. Daher musste er unter allen Umständen geschützt werden.
Dexter blieb in wenigen Metern Abstand zu den beiden streitenden Männern stehen und begutachtete Connors mit gerümpfter Nase von oben bis unten.
»Admiral? Hat man Ihnen denn noch keine frische Kleidung gebracht? Wir sind schon ein paar Tage unterwegs und Sie tragen immer noch dasselbe wie auf Castor Prime.«
Connors glitt zurück auf seine Fersen, wodurch der Corporal mit einem Mal einen guten Kopf größer war als der Geheimdienstchef. Dies war nicht dazu angetan, dessen Laune in besonderem Umfang zu verbessern.
»Nein, noch nicht«, gab Connors verbissen zurück. »Im Moment habe ich auch wirklich wichtigere Dinge im Kopf als meine Garderobe.« Er musterte den vor ihm stehenden Corporal auf übertriebene Weise. »Ich versuche momentan, diesem … diesem Kretin klarzumachen, dass Sorensons Anweisung bestimmt nicht für mich gelten.«
Bei dem Wort Kretin baute sich der Corporal breitbeinig vor dem Admiral auf und stemmte seine Fäuste in die Hüften. Dem Mann war durchaus klar, dass man ihn gerade beleidigt hatte, und er schien geneigt, dies entsprechend zu vergelten.
»Der Mann führt nur Befehle aus«, gab Dexter zur Antwort. »Das sollten Sie sich vor Augen führen, bevor Sie ihn das nächste Mal anschnauzen.« Er grinste. »Im Übrigen könnte der Mann sie ungespitzt in den Boden rammen. Das sollten Sie bei der Wahl Ihrer Worte nie vergessen. Guten Tag, Sir!«
Ohne auf einen Kommentar zu warten, schlenderte Dexter sowohl an dem verblüfften Admiral wie auch dem immer noch grinsenden Corporal vorbei. Die Marines ließen Dexter problemlos passieren. Sorensons Anweisungen galten nicht für ihn. Als sich die Tür hinter ihm schloss, vernahm er abermals die aufdringliche Stimme des Geheimdienstchefs, der weiterhin Einlass verlangte. Dexters Privilegien schienen ihn nur noch mehr anzustacheln.
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